Joachim Löw : Konsequent bis zum Starrsinn

Heute in zwei Monaten beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft – bis dahin muss Bundestrainer Löw noch einige Probleme lösen

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Am Mittwoch, als der deutsche Klubfußball mit dem Einzug des FC Bayern ins Halbfinale der Champions League einen seiner größten Erfolge der vergangenen Dekade feierte, hat Joachim Löw zu seinen vielen Problemen möglicherweise ein weiteres hinzubekommen. Der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft droht ernste Gefahr. Wenn die Bayern in der Champions League auch noch das Halbfinale gegen Lyon überstehen und das Endspiel am 22. Mai erreichen, wird der Bundestrainer seinen WM-Kader erst Ende Mai komplett beisammen haben. Die Bayernspieler Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, Mario Gomez und Miroslav Klose würden fast die Hälfte der Vorbereitung verpassen. Man darf ruhig davon ausgehen, dass Löw das gar nicht in den Kram passt.

Eine harmonische Vorbereitung ist für den Bundestrainer der Schlüssel zu einem erfolgreichen Turnier; was er in diesem Mai dirigieren wird, könnte eher an ein Free-Jazz-Stück erinnern, an ein Kunstwerk der Improvisation. Dabei ist es für Löw dringender denn je, aus seinem Kader ein Team zu destillieren, das mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Die Einzelteile machen derzeit nämlich nicht allzu viel her.

Exakt zwei Monate vor dem Eröffnungsspiel der WM schleppt die Nationalmannschaft ein paar ausgewachsene Formkrisen mit sich herum. So dramatisch war es kurz vor einem großen Turnier selten, selbst 2002 nicht, als die Deutschen als gefühlter Vorrundenausscheider nach Japan reisten. Damals hatte Teamchef Rudi Völler vor allem mit Verletzungen (Nowotny, Wörns, Deisler) zu kämpfen.

Löws Not ist zu großen Teilen selbst verschuldet. Sie liegt in der Personalpolitik begründet, die der Bundestrainer wohl nur als konsequent bezeichnen würde. Für seine Kritiker aber ist die Grenze zum Starrsinn fließend. Bestes Beispiel war Löws bisheriger Umgang mit dem Fall Kevin Kuranyi. Nie mehr werde der unter ihm in der Nationalmannschaft spielen, hatte der Bundestrainer verfügt. Gestern machte er erstmals eine Andeutung, dass es anders kommen könnte. „Ich mache mir schon auch meine Gedanken“, sagte Löw. Bei anderen Spielern ist der Bundestrainer nie so hart gewesen. Immer wieder haben sie bei Löw eine neue Chance erhalten. Seltsamerweise sind es vor allem seine expliziten Lieblinge, die sich durch beeindruckende Formschwäche hervortun.

Piotr Trochowski zum Beispiel, ein echter Löw-Spieler. In Hamburg genießt er bei Bruno Labbadia exakt die gleiche Wertigkeit wie schon bei dessen Vorgängern Martin Jol und Huub Stevens: Er war Ersatzspieler, er ist Ersatzspieler, und ändern wird sich das in Hamburg wohl nicht mehr. Löw stört das nicht. Anders als – zumindest in der Theorie – seinen Vorgänger Jürgen Klinsmann. Der hatte einst verfügt, dass Nationalspieler nur sein könne, wer auch in seinem Klub regelmäßig zum Einsatz komme. Weil die Wirklichkeit sich aber einfach nicht an dieses Prinzip halten wollte, musste Klinsmann schließlich davon ablassen. Inzwischen ist die Wirklichkeit eine andere: Es gibt längst genügend deutsche Stammspieler in der Bundesliga. Wer also braucht Piotr Trochowski, wo es auch Mesut Özil gibt? Oder Marko Marin? Oder Toni Kroos?

Nicht auf allen Positionen fügt sich alles so glücklich wie auf der des zentralen Mittelfeldspielers neben Kapitän Michael Ballack. Ohne eigenes Zutun ist Löw mit Bastian Schweinsteiger ein aussichtsreicher Kandidat erwachsen. Anfangs hat der Bundestrainer sich noch vehement gegen dessen Versetzung von der Flanke in die Mitte geweigert, weil er Thomas Hitzlsperger oder Simon Rolfes für den Posten vorgesehen hatte. Der eine aber, Rolfes, wird bei der WM verletzt fehlen, der andere, Hitzlsperger, hat sich mit seinem Wechsel zu Lazio nach Rom böse verspekuliert. Ganze drei Mal ist der frühere Stuttgarter für seinen neuen Klub zum Einsatz gekommen, zuletzt vor mehr als einem Monat. Dass Hitzlsperger zum WM-Kader gehört, ist trotzdem nicht ausgeschlossen.

Der Bundestrainer interpretiert das Leistungsprinzip eben ein bisschen anders als die breite Öffentlichkeit. Für ihn ist entscheidend, „was ein Spieler bei uns geleistet hat“. Das ist die Konstruktion, die Miroslav Klose und Lukas Podolski vor der Degradierung zum Ex-Nationalspieler bewahrt. Beide haben in dieser Saison je zwei Tore erzielt, beide geben eine eher traurige Figur ab, bei beiden aber bestehen nicht die geringsten Zweifel, dass Löw sie mit nach Südafrika nehmen wird. Schließlich hat Podolski für die Nationalelf viele schöne Tore gegen Aserbaidschan, Liechtenstein und Zypern erzielt.

Seine Nominierung wird von interessierter Seite längst auch publizistisch vorbereitet. Auf der offiziellen Internetseite der Nationalmannschaft gibt es jetzt nach jedem Bundesligaspieltag einen Formcheck. Über das Spiel Köln gegen Hertha war da in dieser Woche zu lesen: „Kölns Nationalspieler Lukas Podolski und sein Berliner Kollege Arne Friedrich boten ansprechende Leistungen.“ Der „Kicker“ hat Podolski für seine ansprechende Leistung die Note fünf gegeben.

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