Fußball-WM : Kap in Oranje

Niederländische Fans in Südafrika feiern Party um Party. Nun fehlt nur noch der Pokal zum ganz großen Glück – auch wenn der Triumph eine Heimfahrt auf Holland-Rädern bedeuten könnte

von
Ein Star kommt selten allein.
Ein Star kommt selten allein.Foto: REUTERS



Paul Hirschel und Caroline Dessing fallen auf. In Durban, Port Elizabeth, Kapstadt oder jetzt in Johannesburg. Zu ihrer orangefarbenen Kluft haben sie sich an Bein und Arm noch einen lustigen Leoparden-Look zugelegt, und weil sie auf ihrer Tour durch Südafrika überall Interviews geben und für Fotos posieren, haben sie es beinahe schon zu nationalen Berühmtheiten gebracht. „The Dutch couple“ ist auf Titelseiten der südafrikanischen Zeitungen, weil sich an dem sympathischen Paar gut die Geschichte von den lustigen „Oranjes“ erzählen lässt, die während eines Turniers oft und viel zu feiern hatten. Nur ganz am Ende, bei der großen Endspiel-Party, waren auch diese beiden bei vergangenen Events längst wieder daheim in ihrem Reihenhaus in Rotterdam. So auch bei der EM 2008, als er sich als Wilhem Tell und sie sich als Königin Sissi kostümiert hatten. Im südafrikanischen WM-Winter 2010 ist alles anders. Mit ihrem Caravan sind sie gerade wieder von Kapstadt nach Johannesburg gefahren, sie haben nun schon mehr als 10 000 Kilometer zurückgelegt, doch sie sehen noch immer so aus, als wollten sie ein Teil der Serengeti sein.

Ihr Hauptquartier war meist ein Campingplatz in Paarl, wo jeden Tag eine „big party“ gewesen ist, doch das alles strebt am Sonntagabend seinem Siedepunkt entgegen. Offiziell sind 66 000 in Südafrika lebende Holländer registriert – eine ähnliche Größenordnung wird zum Finale gegen Spanien im und um das Soccer-City-Stadion von Johannesburg erwartet. Natürlich hätte es auch Paul und Caroline viel besser gefallen, wenn es das Duell gegen Deutschland gegeben hätte, weil es mit den Kombinationsfußballern von der iberischen Halbinsel partout keine Rivalität geben will.

Im Gegenteil: Bondscoach Bert van Marwijk gilt als offenherziger Bewunderer des spanischen Stils aus der Schule des FC Barcelona. „Spanien spielt den besten Fußball der Welt. Ich liebe deren offensiven, attraktiven Stil“, sagt der 58-Jährige. Seiner Mannschaft habe er ja in einem mühsamen Erziehungsprozess notgedrungen beigebracht, das defensive Tun über den offensiven Zauber zu erheben. „Wir verteidigen als Team, wir spielen sehr diszipliniert, wir halten die Position“, sagt van Marwijk, wohl wissend, dass derlei Tugenden schon dem neuen Deutschland nicht genügten, um das moderne Spanien in die Knie zu zwingen.

Dennoch strotzt einer wie der fünffache Torschütze Wesley Sneijder vor Selbstvertrauen: „Wenn wir mit so einer Einstellung gegen die Spanier spielen würden wie die deutsche Mannschaft, dann bräuchten wir gar nicht erst anzufangen. Man muss sich gegen dieses starke Mittelfeld zwar ein wenig zurückfallen lassen, aber die Deutschen haben das völlig übertrieben. Wenn wir das beherzigen, dann werden wir am Sonntag sicher jubeln und den Pokal in den Händen halten. Wir werden mutig sein und nicht mit so einer Angst spielen.“

Sein Trainer klingt zurückhaltender. „Es wird interessant gegen Spanien, weil wir gerne so spielen würden. Sie haben ja fast immer den Ball“, sagt er. Die offizielle Fifa-Statistik legt ein eindrucksvolles objektives Zeugnis dieser subjektiven Einschätzung ab: Unter den acht Spielern mit den meisten Pässen bei dieser WM finden sich gleich sechs Spanier, ihre Ballbesitzquote liegt bei durchschnittlich 58 Prozent.

Das können und wollen die niederländischen Pragmatiker gar nicht leisten – speziell Nigel de Jong und Mark van Bommel passen als doppelte Absicherung in der zentralen Zone zwar lieber den Ball ein- oder zweimal zurück oder zur Seite als ihn zu verlieren, doch die spanische Spielweise wollen sie gar nicht kopieren. Weil der Vorkämpfer Mark van Bommel von den Vorgängern um Johann Cruyff weiß: „Wenn man die Männer von 1974 fragt, was ihnen lieber wäre – das Ding gewonnen oder ein Lob für schönen Fußball –, was würden die wohl antworten?“ Also geht es doch auch um ein Stück Vergangenheitsbewältigung, schließlich hat die große Generation der 70er Jahre zwei Finals verloren, 1974 und 1978, jeweils gegen die Gastgeber Deutschland und Argentinien. Van Bommel, der heimliche Anführer dieses endlich geeinten Ensembles, sagt deshalb: „Der Pokal muss gewonnen werden, egal wie.“ Nur Paul Hirschel und Caroline Dessing könnten dann plötzlich ein Problem bekommen, wenn sie an ihr leichtfertiges Versprechen vor dieser WM erinnert würden: „Wenn wir Weltmeister werden, fahren wir mit zwei Holland-Rädern zurück.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar