Krisenherde : Eklat in Frankreich und England

Von kollektivem Selbstmord, Schande und Aufgabe ist die Rede in Frankreich. In England rätselt man. Fraglich ist noch, ob John Terry den Anelka macht.

Stephen Bench-Capon und Christian Tretbar
Der Stolz der Nation oder nur "elf kleine Rowdies"?
Der Stolz der Nation oder nur "elf kleine Rowdies"?Foto: dpa

Eigentlich ist es eine Hassliebe. Franzosen und Engländer, das ging noch nie so richtig gut, obwohl massenweise Franzosen in London leben und mindestens genauso viele Engländer, die französische Lebenslust im Urlaub schätzen. Und jetzt sind sie gewissermaßen in der Krise vereint. Streitbrüder im Geiste. Denn in beiden Mannschaften rumpelt es ordentlich. Und das beste daran: beide können noch Weltmeister werden.

Vom französischen Team gibt es immerhin auch gute Nachrichten: Sie trainieren noch, sogar mit Raymond Domenech. Immerhin geht es morgen für die französische Nationalmannschaft um alles. Im letzten Gruppenspiel müssen sie ausgerechnet gegen Gastgeber Südafrika hoch gewinnen und auch noch darauf hoffen, dass Uruguay und Mexiko nicht unentschieden spielen. Dann wären sie nämlich definitiv raus aus dem WM-Turnier. Doch genau genommen ist dieses Spiel schon längst unwichtig. Für Frankreich steht heute schon alles auf dem Spiel: ihre Glaubwürdigkeit, ihre Reputation. Eine ganze Nation ist angewidert vom Bild, das ihre Nationalspieler abliefern. Nicolas Anelka beschimpft Trainer Raymond Domenech, der feuert seinen Stürmer und bringt damit die Mannschaft gegen sich auf. Am Ende muss er ein Kommuniqué der Mannschaft verlesen, in dem sie sich von der Entscheidung des Trainers distanzieren. Dem französischen Delegationsleiter wird das alles zu blöd und tritt zurück. Beschämt sind alle: die Spieler, der Trainer, der Verband und die gesamte Grand Nation.

Auf den Titelseiten der französischen Zeitungen gab es nur dieses eine Thema. Von Alptraum, Schande sogar von kollektiven Selbstmord ist die Rede. Die Zeitung Le Monde sieht das französische Team in "tausend Einzelteilen" zerfallen. Die aktuellen Entgleisungen würden sich nahtlos einfügen in eine Reihe von Skandalen - angefangen vom Handspiel Thierry Henrys gegen Irland, ohne das Frankreich gar nicht bei dieser WM dabei wäre. Dann die Anbandelung einiger Spieler mit Prostituierten, ein Trainer, der misstrauisch sei und die Mannschaft isoliere. Und jetzt diese Vorkommnisse. "Frankreich ist nur noch ein Schatten seiner selbst", schreibt die Zeitung. Auch die anderen Blätter sind eindeutig. „Diese französische Mannschaft bereitet uns eine echte Schande“, titelte der „Parisien“. „Die Bleus versinken in der Lächerlichkeit“, schrieb „Libération“. Eine „Farce“ nannte die Sportzeitung „L'Équipe“ die Vorfälle in der französischen Nationalmannschaft. Und "Le Figaro" nannte es einen "kollektiven Selbstmord", was in der Mannschaft geschehe.

Und es ist längst ein Politikum. Sportministerin Roselyn Bachelot verlängerte auf Anordnung von Präsident Nicolas Sarkozy ihren Aufenthalt in Südafrika und berief ein „Krisentreffen“ mit dem französischen Team-Kapitän Patrice Evra, Trainer Raymond Domenech und dem Präsidenten des Nationalverbands FFF, Jean-Pierre Escalettes ein. Wegen der „Empörung der Franzosen“ mit ihrer Elf, sagte Bachelot dem Fernsehsender „TF1“ rufe sie alle Delegationsangehörigen zur „Verantwortung und zur Wahrung der Würde“ auf. Nicolas Sarkozy sagte bereits am Wochenende: „Das ist inakzeptabel.“ Selbst Philosophen können dem Drama nichts abgewinnen und fordern die Aufgabe des Teams. „Diese Spieler sind nicht nur unausstehlich, sie sind grotesk. Eine Bande von elf kleinen Rowdies ist keine Mannschaft und das ist sicher keine Mannschaft, die uns repräsentiert“, schimpfte Alain Finkielkraut. Auch wirtschaftlich wirkt sich der Skandal mittlerweile aus. Die französische Bank Crédit Agricole kündigte am Montag an, sie setze die Ausstrahlung eines Fernsehspots mit Spielern der französischen Nationalmannschaft vorzeitig aus. Andere Sponsoren springen ebenfalls ab. Die Fast-Food-Kette Quick hat alle Werbeplakate mit dem Konterfei von Nicolas Anelka von den französischen Straßen entfernt. Und auch auf den Trikots der National-Mannschaft herrscht gähnende Leere. Beim Training am Montag war erstmals keine Werbung auf der Kleidung zu sehen. Noch am Sonntag waren auf den Trainingsanzügen die
Werbelogos von vier Unternehmen zu sehen. Ein Sprecher des bisherigen Nationalelf-Sponsors GDF-Suez sagte der Zeitung „Le Parisien“.: „Da muss man etwas unternehmen (...) das französische Team übermittelt ein entwürdigendes Bild des Sports“.

Auch die französische Fußball-Legende Zinedine Zidane ist in die Kritik geraten. Er soll sich auf dem Umweg über andere Spieler in die Taktik des Teams eingemischt haben. Der Weltmeister von 1998 räumte zwar ein, nie „ein gutes Feeling zu (Nationaltrainer Raymond) Domenech“ gehabt zu haben, aber er habe Trainer immer respektiert und sich nie in Fragen der Taktik eingemischt.

Strauchelnde Engländer

John Terry ist zurzeit eine Art englischer Nicolas Anelka. Er darf zwar noch mitspielen, aber sonderlich beliebt hat er sich bei Trainer Fabio Capello nicht gemacht mit seiner Kritik. Und England ist verwundert. Warum sind die "Three Lions" nach einer souveränen Qualifikation jetzt so ins Straucheln geraten? An beidem scheint der Trainer und seine strengen Trainingsmethoden die Schuld zu tragen. Alan Smith, ehemaliger Nationalspieler und Kolumnist für den „Telegraph“, schreibt, dass Capellos Methoden „zu streng für Turnierfußball“ seien. Die These lautet, der Trainer müsse bei einer Weltmeisterschaft anders mit den Spielern umgehen, als wenn sie während der Qualifikation nur ein paar Tage am Stück zusammen verbringen.

Düstere Mienen im englischen Team.
Düstere Mienen im englischen Team.Foto: AFP

Im „Guardian“ vergleicht Richard Williams die Beziehung zwischen dem Trainer und den Spielern mit einem Liebespärchen. Macken, die in einer neuen Beziehung unwichtig erscheinen, könnten zerstörerische Ausmaße annehmen bei dem Versuch, zusammenzuleben. Auch BBC-Experte Alan Hansen schreibt im „Telegraph“: „Capello hat keine Wahl. Er muss das machen, was die Spieler wollen.“

„Was die Spieler wollen“ ist allerdings nicht ganz unumstritten. Die „Sun“ beschreibt die Situation im englischen Trainingslager wie „am Abschmelzen“. Viele Spieler seien wütend auf Ex-Kapitän Terry. Der Mittelfeldspieler Frank Lampard versucht allerdings, den Sturm zu beruhigen: „Es gibt keine Rebellengang“, sagte er am Dienstag. Fraktionen gebe es auch nicht. Er unterstützt John Terry und David Beckham, sowie Capello, der nach Angaben der BBC am Mittwoch sein letztes Spiel als Nationaltrainer erleben könnte, wenn die Engländer nicht weiter kommen.

Im „Guardian“ werden Vergleiche mit der Weltmeisterschaft 1990 gezogen. Damals konfrontierten einige Spieler den damaligen Trainer Bobby Robson mit ihrer Unzufriedenheit nach dem ersten Spiel. Daraufhin wechselte er die Aufstellung und das Team reagierte positiv. Erst im Halbfinale schieden sie unglücklich nach Elfmeterschießen gegen Deutschland aus. Capello und Robson sind jedoch unterschiedliche Trainer. Nach Angaben der „Sun“ brachten Spieler und Mitglieder des Trainerstabs Terry von einer direkten Konfrontation mit seinem italienischen Chef ab.

Hansen bewertet die englische Lage als weit von der französischen entfernt. Terry wurde auch über Nicolas Anelka gefragt: „Ich sehe, er wurde nach Hause geschickt, weil er seine Meinung geäußert hat. Vielleicht werden einige von uns heute Abend nach Hause geschickt.“ Bisher ist das nicht passiert. Sicher ist nur, dass niemand wirklich weiß, wie die Lösung aussehen könnte. Capello selbst meinte, die letzten zwei Jahren seien umsonst gewesen: „Ich weiß nicht, warum oder wie die Spieler an diesen Punkt gelangt sind.“ Wenigstens diese Aussage wird Terry gefallen, da er meinte, die Engländer sollten nicht mehr mit dabei sein, „wenn wir nicht ehrlich miteinander sein können“.

Aber auch die englische Gemütslage ist vielfältig. Nicht nur die Sorge um die Leistungsfähigkeit der Mannschaft treibt die Briten um, auch die Schiedsrichterbesetzung bringt sie ins Grübeln. Denn die Fifa hat den deutschen Schiedsrichter Wolfgang Stark der Partie England gegen Slowenien zugeteilt. Und prompt schreiben die Boulevard-Medien: „Deutscher Krawall-Ref pfeift“, wie der „Mirror“ verkündet. „Englands Zukunft in deutschen Händen“, schreibt die „Daily Mail“. Die Angst der Engländer ist im Jahr 2007 begründet. Damals leitete er bei der U-20-WM die Halbfinal-Partie Chile gegen Argentinien und verteilte sieben gelbe und zwei rote Karten an die Chilenen. Argentinien gewann das Spiel und wurde später Weltmeister.

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