Lionel Messi : Der Beste am Ball

„Er wird uns die WM gewinnen“, sagt sein Trainer Diego Maradona. Doch bei den Argentiniern ist Lionel Messi, der beste Fußballer der Welt, nicht wohlgelitten. Sie halten ihn für einen Verräter.

von und Julia Macher
Lionel Messi.
Lionel Messi.Foto: AFP

Wo ist er denn nun? Aus Ga-Rankuwa sind sie gekommen, aus Mamelodi, Sauslville und Soshanguwe, so heißen die Townships rund um Pretoria. Es sind ein paar Tausend, und alle stehen sie zum ersten Mal vor dem High Performance Centre, wo die University of Pretoria die sportliche Elite des Landes heranzieht. Die Sportart Nummer eins hier ist Rugby, was die Leute aus Ga-Runkuwa oder Mamelodi eher wenig interessiert. Die Menschen sind gekommen, um Lionel Messi zu sehen, den besten Fußballspieler der Welt.

Eine WM ohne den Deutschen Michael Ballack können die Südafrikaner gut verschmerzen. Eine WM ohne Lionel Messi aber würde das Land so hart treffen wie jener Tag im Juli vor zehn Jahren, als der Weltverband Fifa die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nicht ihnen zusprach, sondern den Deutschen. Mit vierjähriger Verspätung ist die Welt nun doch zu Gast zwischen Kap der Guten Hoffnung und Kalahari-Wüste, und niemand ist so allgegenwärtig wie der kleine, 22-jährige Mann aus dem argentinischen Rosario, der seit seinem 13. Lebensjahr in Barcelona wohnt. Messi-Plakate bestimmen das Bild in den Straßen von Kapstadt, Johannesburg und Pretoria, im südafrikanischen Fernsehen laufen seine spektakulärsten Dribblings, die Zeitungen veröffentlichen jeden Tag neue Porträts. Nur von Messi selbst ist nichts zu sehen in den Tagen, bevor es endlich losgeht mit der Weltmeisterschaft.

Zehn Tage lang haben sich die Argentinier auf dem Universitätsgelände verschanzt. Am Dienstag aber öffnen sie den „Bunker“, so nennen die argentinischen Zeitungen das schwer zugängliche Trainingsquartier. Die Männer, Frauen und Kinder aus den Townships drängen sich auf der Tribüne, die wenigsten haben Geld für ein blau-weiß gestreiftes Leibchen, wie es die mitgereisten hinchas tragen, die Fans aus Argentinien. Gemeinsam genießen sie die Schönheit des flüchtigen Augenblicks. Messi, wie er flankt und schießt und dribbelt, alles in atemberaubender Geschwindigkeit und in seinen Einzelheiten kaum wahrnehmbar für das menschliche Auge, weit weg vom Rasen auf der Tribüne des Campus von Pretoria.

Für eine detaillierte Betrachtung auf den ersten Blick ist Lionel Messi einfach zu schnell. Einem Phänomen wie ihm nähert man sich am besten über Momentaufnahmen, beispielsweise jene vom März 2007, beim Klassiker des spanischen Fußballs. Eine Minute ist noch zu spielen, Real Madrid führt 3:2 gegen Barcelona und verteidigt das eigene Tor mittels einer Vollversammlung im Strafraum. Da schnappt sich Messi den Ball, er rennt wie ein Schuljunge auf dem Pausenhof drauflos, die Verteidiger grätschen ins Leere, und der Ball landet tatsächlich im Tor. Kein Moment zeigt schöner, was unbekümmerte Spielfreude noch in Situationen totaler Aussichtslosigkeit erreichen kann. Messi spielt auch vor 100 000 Zuschauern im Campo Nou von Barcelona mit infantil anmutender Ausgelassenheit. Dem Pubklikum vermittelt er auf höchstem Niveau die Illusion eines Spielkindes, das einfach nur Spaß haben will am Fußball, dem es egal ist, ob das nächste Dribbling gelingt – und dem es genau deswegen kaum je misslingt. Nervosität und taktische Fesseln scheinen Messi fremd zu sein. Er schießt und flankt und dribbelt, wie ihm der Fuß gewachsen ist. „Messi ist der beste Spieler der Welt, weil er auch als Profi noch so spielt wie früher als kleiner Junge auf dem Bolzplatz“, sagt der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano.

Rückblende zwei, einen knappen Monat später, das Liga-Spiel gegen den FC Getafe: Messi startet von der Mittellinie, dribbelt in einem atemberaubenden Zwölf-Sekunden-Lauf vier Gegenspieler aus und kopiert Maradonas legendäres zweites Tor beim 2:1 im WM-Viertelfinale gegen England 1986. Spanische Zeitungen schreiben, nun sei Messi endgültig der legitime Nachfolger Maradonas. Auch dessen berühmtes Handtor aus derselben Partie hat Messi schon perfekt nachgestellt, vor drei Jahren gegen den Stadtrivalen Espanyol Barcelona. Die Fans nennen ihn Messias, den Fußballgott, dem nichts unmöglich ist.

Dafür steht ein dritter Moment: Im Mai 2009, beim Champions-League-Finale gegen Manchester United, springt das Bürschchen mit seinen 1.69 Metern höher als der 20 Zentimeter größere Rio Ferdinand und wuchtet den Ball mit der Stirn ins Tor. Barcelona gewinnt 2:0, und Lionel Messi widmet sein Tor der verstorbenen Großmutter, einer Fußballverrückten, ohne die er heute vielleicht Buchhalter wäre oder wie sein Vater Verwalter in einem Stahlwerk von Rosario.

Oma Celia hatte die Eltern überredet, den kleinen Lionel in der Jugendmannschaft des FC Grandoli anzumelden. Dort spielte der Knirps die zwei Jahre älteren und anderthalb Kopf größeren Kinder mühelos an die Wand, kickte mit zwölf in der Profi-Mannschaft der Newell's Old Boys. Doch dann wurde der damals 1,40 Meter kleine Messi dem Klub zu teuer. Das Direktorium wollte die wöchentlichen Hormonspritzen, die Ärzte gegen eine Wachstumsstörung verschrieben hatten, nicht zahlen. Also reiste Vater Jorge zur Verwandschaft nach Spanien und stellte seinen Sohn beim FC Barcelona vor. Dessen Jugendtrainer Carlos Rexach brauchte genau sieben Minuten, um Messis Talent zu erkennen und auf einer Papierserviette den ersten Vorvertrag unterzeichnen zu lassen.

Zehn Jahre später bezieht Lionel Messi ein Jahresgehalt von 12,5 Millionen Euro. Sein Vertrag mit dem FC Barcelona läuft noch bis 2016, die Vereinsleitung hat die Ablösesumme auf unglaubliche 250 Millionen Euro festgesetzt, fast drei Mal so viel, wie Real Madrid im vergangenen Sommer für den Portugiesen Cristiano Ronaldo ausgegeben hat.

Lionel Messi mag der beste Fußballspieler des Planeten sein, ein Weltstar im eigentlichen Sinne ist er nicht. Dazu fehlen ihm Glamour und Allüren. Er hat weder Cristiano Ronaldos von täglich 3000 Situps gestählte Bauchmuskeln noch David Beckhams Sex-Appeal. Als Unterwäschemodell ist der schmächtige Fußballer mit dem Durchschnitts-Bubi-Gesicht eigentlich eine komplette Fehlbesetzung; die Umsätze der Firma Lody schnellten dennoch in die Höhe, als er für sie in enge Boxershorts schlüpfte. Skandale sind Messi fremd. Er hat weder kostspielige Hobbys noch spektakuläre Frauengeschichten. Freundin Antonella studiert Ernährungsphysiologie und ist laut einschlägiger Klatschblätter bestens ins Familienleben integriert. Betrunken hat man Lionel Messi nur einmal erlebt, als er bei der Feier des Triples aus Champions League, spanischer Meisterschaft und Pokal im Sommer 2009 „Wir werden alles gewinnen“ ins Mikrofon lallte.

Das Management des Familienunternehmens Messi liegt immer noch in den Händen seiner Mutter. Sie begleitet ihn bei allen wichtigen Spielen und entscheidet, wer ihren Sohn wann sprechen darf. Interviews mit Messi sind selten, und wenn, sind seine Antworten höflich, nett und – sterbenslangweilig. John Carlin, einer der großen Fußballautoren, schrieb einmal, er würde dankend auf jedes weitere Exklusiv-Interview mit Lionel Messi verzichten. Außer nichtssagenden Halbsätzen sei ohnehin nichts aus ihm herauszubekommen. Dabei ist Messi eigentlich nie um eine Antwort verlegen und extrem witzig, phantasievoll und schnell – aber eben nur auf dem Spielfeld. „Wenn Spieler besonders schnell sind, sagen wir in Argentinien, sie haben eine Rakete im Hintern“, schwärmt Jorge Valdano, der philosophisch angehauchte Manager von Barcas Rivalen Real Madrid. „Messi hat aber auch eine Rakete im Hirn. Er ist sowohl mental als auch physisch und technisch von einer atemberaubenden Geschwindigkeit.“

Solche Komplimente von Landsleuten sind selten. Statt Woche um Woche wie beim FC Barcelona mit nie gesehenen Kunststücken zu bezaubern, wirkt Messi im Trikot der argentinischen Nationalmannschaft oft gehemmt. Gegen Peru, als die seleccion im vergangenen Oktober in Buenos Aires beinahe die WM-Teilnahme verspielt hätte, wählten ihn die argentinischen Journalisten zum schlechtesten Spieler auf dem Platz. Als es ein paar Tage später in Montevideo gegen Uruguay erneut um alles oder nichts ging, plädierten in einer Zeitungsumfrage 61 Prozent dafür, den Weltstar auf die Ersatzbank zu setzen. Messi spielte zwar, aber er blieb wieder weit unter seinen Möglichkeiten und wurde kurz vor Schluss ausgewechselt.

Die schwerfällige Qualifikation hatte die Argentinier an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen: dem Nationalstolz. Der Söldner Messi schone sich für seinen katalanischen Arbeitgeber, mutmaßte die Boulevardpresse. Überhaupt: Habe ihn eigentlich jemand schon einmal die Nationalhymne singen hören, aus tiefster Brust, mit der rechten Hand auf dem Herzen? Ja, kenne Messi überhaupt die letzte Strophe, in der es großspurig pathetisch heißt „Lasst uns von Ruhm gekrönt leben oder schwören, ruhmreich unterzugehen“?

Nicht erst seit dem legendären Sieg über England 1986 in Mexiko trägt Argentinien im Stadion Stellvertreterkämpfe aus; in dem südamerikanischen Land sind Fußball- und Nationalstolz eins. Und so reichte schon der Verdacht der Arbeitsverweigerung aus, um Messi zum Heimatverräter zu machen. Es half weder der Zuspruch des Nationaltrainers Maradona noch die Einsicht jedes nur halbwegs objektiven Beobachters, dass dem in der Nationalmannschaft einsam an der Spitze operierenden Messi einfach Passgeber Xavi und das durchorganisierte, technisch hoch versierte Spiel der Katalanen fehlt. Ohne Ball kann auch ein Magier keine Dribbelkunststücke vollbringen. Bei Barca bekomme Messi den Ball 100 Mal im Spiel, bei der argentinischen Nationalmannschaft nur 20 Mal, analysierte sein Mentor Rexach.

Messi hat sich ein paar Wochen Zeit gelassen, bis er zu den Vorwürfen etwas sagte, und er tat das demonstrativ über eine spanische Zeitung. „Ich liebe Argentinien, und ich liebe es, in Katalonien zu leben“, verkündete er in „El País“. „Aber dennoch bin ich durch und durch Argentinier. Wie können irgendwelche Leute behaupten, zu wissen, was ich fühle?“

Auch Diego Maradona hat mal gesagt, Messi wolle vor allem der FC Messi sein, „er spielt nur für Messi und vergisst seine Mitspieler“. Aber Maradona hat sich nachmittags bekanntlich noch nie um das vormittags Gesagte geschert. Seitdem er als Trainer die Geschicke der Nationalmannschaft verantwortet, behauptet er einfach, dass „Messi besser ist, als ich es je war“. Und, als kleine Hypothek für die kommenden Wochen in Südafrika: „Er wird uns die WM gewinnen!“

Da ist er sich einig mit den hinchas aus der Heimat und den südafrikanischen Fans auf dem Campus von Pretoria. Eine gute Stunde lang kommen sie dem besten Fußballspieler der Welt so nahe, wie sie ihm wohl nie wieder kommen werden. Dann ist das öffentliche Training vorbei, die Karawane macht sich auf den Weg zurück nach Ga-Rankuwa und Mamelodi, nach Sauslville und Soshanguwe. Am Samstag gibt es dann ein Wiedersehen. Vor dem Fernseher, wenn Messis Argentinier zum ersten Weltmeisterschaftsspiel gegen Nigeria antreten.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben