Live aus dem WM-Quartier : Auf ein Pils mit Fernando Hierro

So haben die 11Freunde-Reporter den Viertelfinalsieg gegen Argentinien erlebt - und anschließend gefeiert. Wenn doch bloß 365 Tage im Jahr WM wäre.

Johannes Ehrmann
Rückendeckung für Jogis Jungs.
Rückendeckung für Jogis Jungs.Foto: promo

16:05 Uhr. „Bin auf dem Weg. Schon was passiert?“ Kollege Ron Ulrich, der arbeitsbedingt noch durch die verwaiste Stadt tuckert, ist nicht zu beneiden. „Einsnull Müller, mach hin“, schreibe ich zurück. Wir sitzen im „Vip-Raum“ des 11-Freunde-WM-Quartiers, einem umfunktionierten Baucontainer – immerhin mit kleinem Ventilator ausgestattet. Müllers Tor hat erste Ekstasen ausgelöst, Köster und Kirschneck haben sich abgebusselt, Kollege Lucas Vogelsang seinen Lou-Bega-Fantasiehut aus dem Fenster gefeuert. Schland führt. Und macht das Spiel? Unglaublich.

16:31 Uhr. „Wahnsinn, wie Podolski nach hinten arbeitet“, sagt ein Anwesender fachmännisch. „Poldi? Raus mit dem!“, knarzt Jens Kirschneck zurück. Der Dissens wird vom nächsten deutschen Angriff weggestürmt. Harmonie für den Erfolg.

17:01 Uhr. Die zweite Halbzeit beginnt. Nun stehen wir draußen in der Menge. Und zittern. Nicht vor Kälte – wie auch, bei den Temperaturen? – sondern vor den Argentiniern. Die sind auf einmal am Drücker. Neuer hält. Hält. Hält. Kollege Ulrich ist sich sicher: „Manu bester Mann.“ Dann entdeckt er einen Schalke-Fan im Sven-Kmetsch-Trikot und weint vor Freude.

17:11 Uhr. Deutschland kontert. Die Sonne steht nun tief am Himmel. Beides schafft Linderung. Noch aber steht es nur 1:0. Minuten werden zu Lebensjahren.

17:45 Uhr. Miro Klose macht sein zweites Tor. Deutschland vier, Argentinien null. Danke. Bitte. Wahn. Sinn. Klose auf einer Stufe mit Müller, d. Ä., das Astra im Ausnahmezustand. Biere fliegen durch die Luft, Hüte auch. Es ist fast wie bei einem Wahlkampfsbesäufnis in der Weimarer Republik. Vivat Miro! Vivat Jogi! Wann zeigt sich Theo Zwanziger am Fenster des Reichstags? Selbst Urgesteine des Journalismus haben „so was noch nie gesehen“, machen die Angela-Merkel-Jubelkralle. Wir wollen einen neuen Koalitionsvertrag, jetzt sofort. Unsere einzige politische Forderung: 365 Tage WM – wenn es sein muss, per Notverordnung.

19:13 Uhr, Warschauer Straße. In einem kleinen Park an der Ecke steigt eine spontane Elektrofete. Özil tanzt barfuß mit Müller, Dutzende selige Menschen wippen im Takt der wummernden Beats. Die Abendsonne scheint durch die Baumzweige. Ein märchenhafter Sommer.

20:21 Uhr. Die Karawane zieht weiter. Die Tramtüren schließen sich überraschend schnell – plötzlich stehen wir mit brennender Zigarette im Zug. „Raus aus meiner Bahn!“, bellt der Schaffner so preußisch, wie er kann. Der Hinweis auf das Spielergebnis interessiert ihn nicht. WM-Muffel. Nehmen wir eben die nächste.

21:41 Uhr, Prenzlauer Berg. „Seit wann haben wir denn Longdrinks?“, begrüßt uns die Bedienung. Verärgerung schwingt mit. Die Frage allerdings ist berechtigt, denn die Getränke, die uns über die Biermüdigkeit hinweg helfen sollen, stammen aus der Sofakneipe gegenüber, wo allerdings das Spanienspiel nicht übertragen wird. Mit schlechtem Gewissen bestellen wir ein Leberkäsebrötchen.

23:04 Uhr. Wir sind mittlerweile erneut auf Bier umgestiegen (geht wieder), stehen vor einer jener Szenekneipen, die sicherlich nicht für Menschen mit Strohhüten und Deutschlandtrikots konzipiert sind. Und ganz sicher nicht für laut singende Menschen mit Strohhüten und Deutschlandtrikots. Und dann sitzt auf einmal Fernando Hierro neben uns. Gedankenverloren starrt er vor sich hin, der alte Mann des spanischen Fußballs. Malt sich vielleicht aus, wie das Halbfinale laufen könnte. Wir kommen ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass Hierro, den wir wahlweise auch Morientes und Butragueño nennen, gar kein Spanier ist, sondern Güstrower, und eigentlich auch kein Fußballer sondern Volleyballspieler. Immerhin: Er trägt ein Spanientrikot, muss uns aber versprechen, am Mittwoch die richtigen Farben überzustreifen. Macht er. Noch eine Runde für Fernando und uns. Johannes Ehrmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar