Mesut Özil : "Ich habe nie Angst"

Mesut Özil spricht im Interview mit Tagesspiegel-WM-Reporter Michael Rosentritt über seine Ausstrahlung auf dem Feld, die Chancen der Deutschen im Viertelfinale, sein Verhältnis zur Türkei und den Umgang mit Lob und Kritik.

Mesut Özil, 21, hat bislang 14 Länderspiele für Deutschland bestritten. Im letzten Spiel der WM-Vorrunde gelang dem gebürtigen Gelsenkirchener das Tor zum 1:0 gegen Ghana, das Deutschland ins Achtelfinale brachte.
Mesut Özil, 21, hat bislang 14 Länderspiele für Deutschland bestritten. Im letzten Spiel der WM-Vorrunde gelang dem gebürtigen...Foto: dpa

TAGESSPIEGEL: Herr Özil, Sie waren nicht beim Training. Muss man sich Sorgen machen?

MESUT ÖZIL: Nein, nein, ich hatte heute nur Regeneration. Ich kann auf jeden Fall gegen Argentinien spielen.

TAGESSPIEGEL: Das entspannt doch die Lage ungemein.

MESUT ÖZIL: Die ganze Mannschaft ist gut drauf, weshalb ich auch guter Dinge bin. Der Spaß und die Lust sind noch nicht aufgebraucht. Aber wir wissen natürlich, dass Argentinien eine starke Mannschaft mit vielen Weltklassespielern hat. Wenn wir so wie gegen England spielen und unsere Torchancen ausnutzen, dann gewinnen wir das Spiel.

TAGESSPIEGEL: Es könnte etwas nickeliger werden auf dem Rasen?

MESUT ÖZIL: Davon gehe ich aus. Die Argentinier gehen hart zur Sache, denn sie wollen das Spiel unbedingt gewinnen, wie wir. Ich kann den Stress aber außen vorlassen – auch wenn ich hart attackiert werden sollte. Das kenne ich aus der Bundesliga. Ich lächele dann ein bisschen, stehe wieder auf und mache mein Spiel. Anders haben wir keine Chance.

TAGESSPIEGEL: Ihre Wege auf dem Rasen dürften sich mit denen von Javier Mascherano kreuzen. Beschäftigen Sie sich mit diesem Spieler?

MESUT ÖZIL: Ich muss nur das Allernötigste wissen. Ich gucke viel mehr auf mich. Ich gehe mal davon aus, dass er sich vielleicht mehr mit mir beschäftigt.

TAGESSPIEGEL: Wie spürt man auf dem Rasen, dass ein Gegenspieler Respekt hat?

MESUT ÖZIL: Da gibt es nicht das eine Anzeichen. Manchmal ist es die Summe vieler Kleinigkeiten. Ich beispielsweise habe nie Angst. Nicht in meinen Augen, nicht in meinen Bewegungen. Aber wissen Sie, es geht nicht um einen einzelnen Spieler. Wir müssen als Mannschaft funktionieren.

TAGESSPIEGEL: Argentinier spielen offensiv, was Ihnen entgegenkommen dürfte, weil Sie so vielleicht ein paar Lücken finden könnten.

MESUT ÖZIL: Mal sehen. Wir sind ja recht konterstark. Aber gehen Sie mal davon aus, dass wir nicht nur reagieren werden, sondern wir wollen selber agieren auf dem Feld.

TAGESSPIEGEL: Der Trainer verlangt hohe taktische Treue. Sie aber leben sehr von der Improvisation. Wie und wann entscheiden Sie auf dem Spielfeld, sich von der taktischen Vorgabe zu entfernen?

MESUT ÖZIL: Oh, bei dieser Frage muss ich aufpassen. (lacht). Hinten muss erst mal die Null stehen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wenn ich aber im Vorwärtsgang den Ball habe, dann habe ich auch alle Freiheiten, die ich brauche. Das sagen mir der Trainer und die Mannschaft immer wieder. Ich kriege gute Pässe, und dann versuche ich damit etwas anzustellen. Dann kann ich richtig kreativ werden.

TAGESSPIEGEL: Sie hatten vor ein paar Tagen einen Todesfall in Ihrer Familie. Ihre Oma ist verstorben. Wie konnten Sie das verarbeiten, wer hat Ihnen dabei geholfen?

MESUT ÖZIL: Das war ein sehr trauriger und sehr persönlicher Moment für mich. Das muss jeder irgendwie mit sich ausmachen. Die Mannschaft und der Betreuerstab haben mich dabei sehr unterstützt. Natürlich auch meine Freunde und Familie. Wir hatten in den Tagen einen sehr engen Kontakt. Aber wissen Sie, wieder raus auf den Platz zu gehen, das hat mir geholfen. Auch wenn das komisch klingt, der Ball hat mir geholfen. Ich kann mich so auf meine Arbeit konzentrieren.

TAGESSPIEGEL: Aber die Gedanken kommen wieder?

MESUT ÖZIL: Natürlich, aber dafür waren ja Freunde und die Familie da, die immer ansprechbar waren für mich in solchen Momenten. Ich werde nach dem Turnier ans Grab meiner Oma fahren und dann für mich Abschied nehmen.

TAGESSPIEGEL: Wie ist das jetzt im Ort, aus dem Ihre Familie stammt. Sind die Menschen dort jetzt alle Fans der deutschen Mannschaft?

MESUT ÖZIL: Sie haben jedes Spiel gesehen. Mir wird sehr viel davon erzählt, aus der Türkei, aber auch aus Gelsenkirchen, wo ich aufgewachsen bin. Ich höre nur Positives.

TAGESSPIEGEL: Erreichen Sie aus der Türkei auch andere Reaktionen? Ist man dort nicht traurig oder neidisch darauf, dass Sie sich entschieden haben, für Deutschland zu spielen.

MESUT ÖZIL: Nein, überhaupt nicht. Auch wenn sich die Türkei nicht qualifiziert hat für diese WM. Ich habe viele türkische Freunde, die für beide Mannschaften fiebern. Natürlich auch meinetwegen. Schon vor der WM haben viele zu mir gesagt, dass sie mir die Daumen drücken. Und als ich in der Türkei im Urlaub war, habe ich auch nur positive Reaktionen erhalten. Das sind ja irgendwie auch meine Landsmänner. Ich glaube, dass viele Menschen Freude und Stolz empfinden.

TAGESSPIEGEL: Sie haben mit guten Mittelfeldspielern zusammengespielt. In Schalke mit Lincoln und in Bremen mit Diego. Von wem haben Sie sich mehr abschauen können?

MESUT ÖZIL: Von beiden, sehr viel sogar. Lincoln war ja ein typischer Zehner, der viele geniale Pässe geschlagen hat, der seine Mitspieler ideal einsetzen konnte und der auch viele Freistöße verwandelt hat. Diego ist ein anderer Typ. Er war vor allem am Ball sehr stark, also im Dribbling.

TAGESSPIEGEL: Horst Hrubesch, Ihr Trainer beim Titelgewinn der U 21, hat gesagt, dass Sie die deutsche Antwort auf Argentiniens Superstar Lionel Messi seien. Angeblich werden Sie von Ihren Mitspielern schon Messi gerufen.

MESUT ÖZIL: Das stimmt, aber ich werde schon sehr lange so gerufen. Schon auf Schalke. Messi ist eine Kurzform von Mesut. Manche sagen auch nur Mess zu mir.

TAGESSPIEGEL: War Ihnen zu dieser Zeit der richtige Messi schon ein Begriff?

MESUT ÖZIL: Absolut. Wobei er damals bei Barcelona noch nicht so stark gespielt hat und präsent war. Was dieser Kerl in seinen jungen Jahren jetzt schon erreicht hat – Hut ab!

TAGESSPIEGEL: Sehen Sie sich auf einem guten Weg dahin? Sie erhalten viel Lob. Selbst Pelé hat gesagt, dass Sie ihn an die großen deutschen Spielmacher, an Overath und Littbarski erinnern.

MESUT ÖZIL: Ich fühle mich geehrt, vergesse es aber gleich wieder. Ich halte davon nicht so viel, weil es einen ablenken kann. Aber es zeigt auch, dass harte, tägliche Arbeit belohnt wird.

TAGESSPIEGEL: Vor vier Jahren ging es gegen Argentinien ins Elfmeterschießen. Sollte es wieder so kommen, würden Sie auch einen schießen?

MESUT ÖZIL: Ich denke schon, wenn es sein muss. Ich habe auch davor keine Angst.

TAGESSPIEGEL: Träumen Sie das Spiel, bestimmte Szenen schon voraus? Oder erleben Sie in Träumen gespielte Spiele nach?

MESUT ÖZIL: Meistens vergesse ich meine Träume, bevor ich wach werde. Aber ich kenne das Phänomen, dass ich Dinge erlebe, wo ich denke, mein Gott, das hast du doch geträumt.

TAGESSPIEGEL: Und wie ist es in Ihren Tagträumen? Gehen Ihre Bilder zurück, oder arbeiten Sie voraus?

MESUT ÖZIL: Wenn die Bilder kommen, wie ich beispielsweise eine Chance nicht genutzt habe, dann schalte ich das ab. Solche Dinge können mich sehr ärgern.

TAGESSPIEGEL: Ihre Art sich direkt vor einem Spiel zu konzentrieren ist es, Verse aus dem Koran leise vor sich hin zu sprechen.

MESUT ÖZIL: Das mache ich in der Kabine, bevor wir rausgehen. Ich bete dann und meine Mitspieler wissen schon, dass sie in dieser kurzen Zeit nicht mit mir reden können.

Das Gespräch führte Michael Rosentritt

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