NACHSPIEL Zeit : Die Angst des Stürmers vor dem Schuss

Harald Martenstein philosophiert über Spielergemüter und den Gerechtigkeitssinn des deutschen Teams

Tagesspiegel-Reporter
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Die Mannschaft, die mir, auch künstlerisch, am besten gefallen hat, ist nicht weit gekommen – Chile. Wunderbare Kombinationen, ballsicher, beweglich, ein ausgeglichenes, modernes Team ohne Superstar, auch kämpferisch stark, einer rannte für den anderen. Fast jeder Ball landete zentimetergenau dort, wo der jeweilige Chilene ihn haben wollte. Nur wenn die Chilenen vor dem Tor des Gegners standen, spielten sie den Ball meistens Gott weiß wohin. Da unterliefen ihnen Fehlschüsse, die ihnen, zwanzig Meter weiter entfernt vor dem Tor, niemals passiert wären.

Viel folgenschwerer als die Angst des Torwarts vorm Elfmeter ist die Angst des Stürmers vor dem Schuss. Es gibt Spiele, in denen kein Elfmeter vorkommt. Aber ohne präzise Schüsse aufs Tor geht gar nichts, niemals. Du musst die Nerven haben, im entscheidenden Moment den Druck nicht zu spüren und etwas ganz Einfaches zu tun, ein Bällchen zu treten, das du schon tausendmal auf genau diese Weise getreten hast. Es ist einfach und extrem schwierig. Manche sagen, dass ein sicherer Torschütze ein schlichtes Gemüt haben muss. Nachdenken, abwägen, grübeln, das schadet nur. Rein mit dem Ding, fertig. Aber das stimmt nicht immer. Diego Maradona und Jürgen Klinsmann zum Beispiel sind komplexe Charaktere, trotzdem hatten sie vorm Tor keine Angst.

Ist man über das Ausscheiden der Deutschen im Halbfinale nicht so traurig, weil sie doch bis dahin sehr gut gespielt haben und mehr erreichten, als zu erwarten war? Oder ist man, im Gegenteil, erst recht traurig, weil dieses Team wahrscheinlich das Zeug hatte, Weltmeister zu werden, weil es verdammt nah dran war und weil es so eine Chance nur ganz selten gibt? Viele sagen: in vier Jahren! Die Spieler sind noch jung! Aber so ein Team kann man nicht einfach in die Tiefkühltruhe packen und in vier Jahren wieder auftauen. Vielleicht ist in vier Jahren Müller verletzt, Lahm hat Grippe und Schweinsteiger hat eine Formkrise. Sie wären nicht die erste Mannschaft, die nur einen einzigen Sommer lang tanzt. Das Ende der Party war seltsam, nicht wegen der Niederlage, sondern weil die Deutschen sich kaum aufbäumten, es war so beiläufig, so undramatisch, eine lautlose Verpuffung. Der Wille fehlte. Man war offenbar mit dem Erreichten zufrieden, so sah es jedenfalls aus.

Alles hat seinen Preis, und der Preis, den die Deutschen für ihren neuen Zauberfußball zahlen, scheint im partiellen Verlust einiger alter Tugenden zu bestehen. Kämpfen, nicht aufgeben, beißen, dieses Berti-Vogts- und Jürgen-Kohler-Zeug. Berti Vogts und Jürgen Kohler hatten es sehr oft mit spielerisch überlegenen Gegnern zu tun, sie wussten, wie man denen Ärger macht und als schwächere Mannschaft, zum Ärger der neutralen Zuschauer, trotzdem gewinnt. Die jungen Deutschen können das nicht. Sie müssen wirklich besser sein, um gewinnen zu können.

In Südafrika liefen zum Schluss ganze Familien in deutschen Trikots herum. Es ist seltsam, Inder oder Chinesen zu sehen, die deutsche Fahnen schwenken. Viele sagen: „Seid nicht traurig. Ihr habt den schönsten Fußball gespielt.“ Nur der letzte Siegeswille fehlte. War es so etwas Ähnliches wie die Angst des Stürmers vor dem Tor? Wie Chile? Ich glaube, dass die modernen Deutschen einfach ein sehr ausgeprägtes Gefühl für soziale Gerechtigkeit haben. Wenn unser Team spürt, dass die anderen ein bisschen überlegen sind, dann versuchen sie gar nicht erst, ihnen den verdienten Sieg wegzunehmen.

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