Nachspielzeit : Sweinestieger gesucht

Andere Länder, andere Sitten: Esther Kogelboom kämpft mit der südafrikanischen Etikette.

Esther Kogelbloom
Hat auch Fans in Afrika: Sebastian Schweinsteiger.
Hat auch Fans in Afrika: Sebastian Schweinsteiger.Foto: dpa

Mein Namensgedächtnis ist unterirdisch. In Südafrika ist das kein Kavaliersdelikt, sondern eine Katastrophe. Denn erstens ist es hier üblich, sich in größeren Runden mit allen Beteiligten bekannt zu machen, und zweitens ist es doppelt unangenehm, wenn man dazu noch über afrikanische Namen wie Xolanilonge zungenstolpert.

Vor dem ersten Deutschlandspiel gegen Australien habe ich ein bisschen südafrikanisches Fernsehen geschaut. In einer Expertenrunde einheimischer Sportjournalisten ging es um die deutsche Mentalität. „Die Deutschen“, sagte einer, dessen Namen ich leider nicht notiert habe, „sind ganz allgemein beeindruckend präzise.“ – „Gefährlich präzise“, ergänzte sein Kollege.

Ich kann nur allen, die sich in Deutschland einen schludrigen Ruf erarbeitet haben, raten, nach Südafrika überzuwandeln. Ganz egal, wie lax man das Leben auch laufen lässt, hier wird man immer die Topingenieurin sein, die alles reparieren und nach deren Auf- und Abtauchen man die Uhr stellen kann. Das Klischee klebt an den Deutschen wie Uhu-Alleskleber – auch, weil deutsche Touristen aus Gründen der Rationalität auf alle Höflichkeitsfloskeln verzichten, die hier permanent abgespult werden.

Diese Kolumne schreibe ich in einem Einkaufszentrum in Bloemfontein. Ich bin hier reingestürmt und habe den Mann am Informationsdesk gefragt: „Wo ist W-Lan? Schnell!“ Grober Fehler. Der Informationsbeauftragte grinste schief. „Erst mal: Wie geht’s? Danke, ich bin in Ordnung. Ist das nicht ein wunderschöner Tag? Herrscht nicht eine wunderbare Stimmung in der Stadt? Fühlen Sie sich gut aufgehoben?“ Dann winkte er einen Polizisten herbei, dessen AK-47 lässig über seiner Schulter hing. „Wisdom wird Sie zu einem Café mit W-Lan geleiten.“ – „Danke, äh, Wisdom, wie geht’s? Ich fühle mich sehr geehrt“, erwiderte ich. Der Mann trug ein Namensschild an seiner kugelsicheren Weste. Nachdem wir kurz die Vorteile der Wiedervereinigung durchgesprochen hatten, zeigte er mir den Weg.

Nach dem ersten Deutschlandspiel gegen Australien habe ich wieder ein bisschen südafrikanisches Fernsehen geschaut. Jetzt war die Rede vom gewonnenen „Blitzkrieg“. Eine hübsche Frau aus Simbabwe, die beim Public Viewing zufällig neben mir saß und deren Name mir gerade nicht einfällt, wollte wissen, was ein „Blitzkrieg“ ist. Ich erklärte es ihr, und sie ließ ihr Weinglas sinken: „Wow! Ist dein Mann auch Soldat?“ Ich verneinte. „Sweinestieger sieht nämlich aus wie ein Soldat“, erklärte sie verliebt und legte den Arm um mich. „Wie sind deutsche Männer eigentlich so?“ – „Och, eigentlich ganz in Ordnung“, antwortete ich. Ein seltsamer Patriotismus ergriff mich, und ich bestellte eine Runde Kakaolikör. Männer aus Simbabwe seien unzuverlässig, klagte sie. Nie hielten sie, was sie versprechen, es sei ein einziger Albtraum. Es stellte sich heraus, dass sie alles tun würde für einen blonden Blitzkrieg-Mann. Ob ich nicht vielleicht einen gut situierten Bruder oder einen Cousin, zur Not auch einen Fußballreporter …? Sie kippte ihren Kakaolikör und knallte das Glas auf den Tisch. „Er wird es nicht bereuen.“ Sie ordnete ihr Dekolleté.

Einige Zeit später sprang ich entnervt ins Auto. Die Frau aus Simbabwe hatte mich nach E-Mailadressen und Telefonnummern der deutschen Kollegen gefragt, und ich musste einen europäisch-polnischen Abgang hinlegen. Ich kramte Werner aus der Handtasche und stöpselte ihn in den Zigarettenanzünder. „Letztes gültiges GPS-Signal vor 14 Stunden und drei Minuten“, sagte er. Ich strich über sein Display. In schönster Eintracht fuhren wir nach Hause. Werner – diesen Namen werde ich mir immer merken können.

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