Nationalelf : Löw wirft Kuranyi raus

Nach Gerüchten um einen Rücktritt von Kevin Kuranyi aus der Nationalelf wird Bundestrainer Löw aktiv. Er wird den Stürmer, der gegen Russland nicht zur Aufstellung gehörte, in Zukunft nicht mehr nominieren.

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Kuranyi Löw
Vergangenheit. Bundestrainer Joachim Löw will Kevin Kuranyi nicht mehr im DFB-Trikot sehen.Foto: dpa

Uwe Seeler war spät dran. Als der Ehrenspielführer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Samstagabend die „Soccer Lounge“ in der Nordtribüne des Dortmunder Stadions endlich erreicht hatte, war das Büffet für die rund 200 erschienenen, ehemaligen deutschen Nationalspieler schon für eröffnet erklärt worden. Doch bevor das Besteck klapperte, ergriff Seeler rasch noch das Wort und hielt eine kleine, hübsche Rede. Es war noch zwei Stunden Zeit bis zum Anpfiff des Länderspiels, und die Welt des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) war noch in bester Ordnung. Einen deutschen 2:1-Sieg gegen Russland und ein paar turbulente Stunden später hat Seelers Club der Ehemaligen überraschend Zuwachs erhalten. Kevin Kuranyi ist seit den frühen Morgenstunden des Sonntags quasi dazu gekommen. Etwas überraschend und irgendwie im Unfrieden, wie die Rekonstruktion der nächtlichen Umstände zeigt.

Nach der Pause verlor sich Kuranyis Spur

Was war passiert? Kevin Kuranyi, obgleich nicht für den 18er-Kader berücksichtigt, hatte zunächst noch den Mannschaftsbus zum Stadion genommen. Als er ausstieg, ließ er sich von ein paar Fans fotografieren und schrieb vereinzelt Autogramme. Als gesichert gilt auch, dass er sich anschließend auf dem für ihn reservierten Platz in der dritten Reihe der Gegentribüne eingefunden hatte und neben seinem Schalker Mannschaftskollegen Jermaine Jones, der ebenfalls dem Cut für das Russlandspiel zum Opfer gefallen war, die erste Halbzeit lustvoll verfolgte. Dafür gibt es Augenzeugen, nicht zuletzt aus der Direktion Kommunikation des DFB, deren Mitarbeiter ebenfalls ihre Plätze in der Reihe Kuranyis hatten. In der Halbzeit habe sich Kuranyi dann mit dem Hinweis verabschiedet, er wolle mit einem Freund den zweiten Akt des Spiels auf der Haupttribüne verfolgen. Ab da verliert sich seine Spur.

Die gemeinsame Rückreise mit der Mannschaft von Dortmund zum Quartier der Nationalmannschaft in Düsseldorf trat Kuranyi nicht mehr an. Als der Mannschaftsbus gegen ein Uhr nachts eintraf, warteten im Hotel bereits zwei Herren. Sie gingen auf Teammanager Oliver Bierhoff zu und baten, die persönlichen Sachen ihres Freundes Kuranyi aus dem Zimmer holen zu dürfen. Bierhoff, dem immerhin aufgefallen war, dass Kuranyi im Bus fehlte, entsprach dem Wunsch. Nachdem zahlreiche Versuche, Kuranyi telefonisch zu erreichen, fehlgeschlagen waren, beriet sich Bierhoff mit Bundestrainer Joachim Löw. Nach wenigen Minuten stand der Rauswurf Kuranyis fest. „So wie Kevin gestern reagiert hat, kann ich das nicht akzeptieren und werde ihn deshalb in Zukunft nicht mehr für die Nationalmannschaft nominieren“, sagte Löw am Tag danach.

Am Sonntagabend soll Kuranyi sich bei Löw entschuldigt haben

Nach allem, was am Sonntag bekannt wurde, dürfte die Mannschaftssitzung am Mittag des Spieltages der Auslöser für Kuranyis eigenständige Abreise gewesen sein. Dort habe der 26 Jahre alte Stürmer des FC Schalke 04 erfahren, dass für ihn nur ein Platz auf der Tribüne bleibt. „Kevin kam unmittelbar danach auf mich zu. Ich habe seine Enttäuschung gespürt“, sagte der Bundestrainer gestern. Löw könne diese Enttäuschung verstehen, „aber die Reaktion, die dann am Abend passiert ist, ist nicht akzeptabel und verständlich“.

Roger Wittmann, der Berater des 52-maligen Nationalspielers, bestätigte am Sonntag die bewusste Aktion seines Klienten. „Er hat entschieden, was er für sich selbst als richtig empfindet: zu sagen, ich gehe nach Hause.“ Man hätte zwar eine etwas elegantere Choreographie wählen können, räumte der Berater ein. „Aber der Mensch Kevin Kuranyi spielt auch eine Rolle – und der hat so entschieden.“ Kuranyi habe seine Entscheidung getroffen, das müsse man akzeptieren. Nach einem Bericht von „Sport Bild online“ hat Kuranyi am Sonntagabend telefonisch Kontakt mit Löw aufgenommen. Schalkes Manager Andreas Müller habe bestätigt, dass Kuranyi „sich für sein Verhalten entschuldigt
habe“.

2006 wurde Kuranyi überraschend nicht für die WM nominiert

Es ist nicht der erste große Wirbel um Kuranyi. Vor der Weltmeisterschaft 2006 war er überraschend vom damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann und dessen Assistenten Löw nicht für das Turnier in Deutschland nominiert worden. Nach guten Leistungen bei seinem Klub feierte Kuranyi im Februar 2007 ein erfolgreiches Comeback in der Nationalelf und war auch im Sommer bei der Europameisterschaft dabei. Allerdings kam er dort nur zu drei Einsätzen – dreimal wurde er eingewechselt.

Die jüngste Streichung aus dem Kader für das Russlandspiel hat ihm laut Wittmann „den Rest“ gegeben. Mehrfach habe sich Kuranyi bei den Verantwortlichen seines Vereins über mangelnden Rückhalt seitens des Bundestrainers beklagt. Löws Reaktion fiel vergleichsweise sachlich aus: „Wir sind hier derzeit bei der Nationalmannschaft 20 Topleute und da werden wir Trainer immer wieder aufs Neue harte Entscheidungen treffen müssen.“

Der Fall Kevin Kuranyi passt in eine Reihe spektakulärer Rücktritte und Rauswürfe aus der Nationalmannschaft von Uli Stein über Harald Schumacher, Stefan Effenberg bis hin zu Christian Wörns. Keinen von denen hatte Uwe Seeler in Dortmund begrüßen dürfen. Doch der DFB versicherte immerhin, dass ihnen die Tür zum Club der Ehemaligen nicht versperrt bleiben wird.

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