Nationalelf : Schwache Leistung in Fernost

Ohne Führungspersönlichkeit ist das Rumpf-Team von Joachim Löw auf der ersten Station der Asienreise an einer Blamage vorbei geschlittert. Gegen China spielte die Deutsche Nationalmannschaft nur 1:1.

Gregor Derichs
Deutschland-China
Torschütze Lukas Podolski im Zweikampf mit Chinas Hao Junmin. -Foto: dpa

ShanghaiEs war ein kollektives Schulterzucken, bei dem Joachim Löw den Vorarbeiter spielte. Eine solche Vorstellung muss doch jedem einmal gestattet sein. Das war der gemeinschaftliche Tenor des Bundestrainers und der Nationalspieler, verbal vorgetragen und von Mimik und Gestik unterlegt, nachdem das Rumpfteam des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf der ersten Station seiner als Werbung geplanten Asientour keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Nach dem 1:1 (1:1) gegen China, das auf Platz 97 der Weltrangliste platziert ist, schien dies aber niemand im Team des Vize-Europameisters zu stören. "Unser Spiel war etwas langsam und nicht dynamisch genug. In der Defensive und in der Offensive war das nicht das allerhöchste Niveau", räumte Löw ein. "Aber einige Spieler konnten die wirklich gute Atmosphäre bei uns kennenlernen und Erfahrung in der Nationalmannschaft sammeln", erklärte der 49-Jährige. "Das alles hat für uns schon einen gewissen Wert."

Seit dem Treffen hatte Löw bestritten, dass es sich bei der Reise in das Reich der Mitte und in die Vereinigten Arabischen Emirate um Saisonabschlussfahrt handeln würde, die niemand so richtig ernst nimmt. Doch gestern beim ersten Länderspiel in China bestätigte der Weltranglisten-Zweite die Befürchtungen, dass die Termine aus sportlicher Sicht verzichtbar waren. Zhao Xuri und Lukas Podolski schossen bereits in der fünften und siebten Minute die Treffer in der Partie, in der die Deutschen ihre lasche Vorstellung auf die Reisebelastungen zurückführten. "Die Ziele wurden nach der langen Reise doch nicht ganz optimal umgesetzt", sagte Teammanager Oliver Bierhoff. "Die Mannschaft wollte hervorragenden Fußball spielen. Nur klappt nicht immer alles optimal."

Philipp Lahm, der die Mannschaft erstmals als Kapitän auf das Spielfeld führte, fand die Erklärung, dass die Chinesen schlicht und einfach besser waren. "Sie haben sehr gut gespielt. Manchmal sind es nicht die großen Sachen, die ein Spiel entscheiden. Die Kleinigkeiten waren heute nicht auf unserer Seite", erklärte Lahm. China ist allerdings alles andere als eine Großmacht im Fußball. Nur einmal, 2002, nahm das Land an einer WM teil und gewann kein Spiel. Die Teilnahme an der WM 2010 wurde vorzeitig verpasst. "Man konnte vorhersehen, dass wir nicht richtig fit sein würden", sagte Lahm. Wieder einmal als rechter Verteidiger eingesetzt, bot er eine seiner schwächsten Leistungen in der Nationalelf.

Die enttäuschende Resonanz passte zum faden Auftritt des dreimaligen Weltmeisters, der in China großen Eindruck hinterlassen wollte. Etwa 25000 Zuschauer füllten das Shanghai-Stadium nur zu einem Drittel. Aus deutscher Sicht erfreulich war lediglich, dass viele der Besucher, darunter auch tausende Chinesen, ein deutsches Trikot trugen. Heute reist das 17 Spieler umfassende Team weiter nach Dubai, wo am Dienstag (20 Uhr MESZ) gegen die Emirate die zweite Partie stattfindet. Im Hotel in der Wüstenstadt wird die Mannschaft gemeinsam das Pokalfinale zwischen Leverkusen und Bremen am Fernsehen verfolgen.

Zwei Vertreter der in Berlin beschäftigten Nationalspieler gaben ihr Debüt gegen China. Christian Genter (Wolfsburg) und der gebürtige Brasilianer Cacau waren die Neulinge Nummer 25 und 26 in Löws Amtszeit seit August 2006. Die Debüts von Manuel Neuer (Schalke), Tobias Weis (Hoffenheim) und Christian Träsch (Stuttgart) sind für das Duell gegen das Emirate-Team vorgesehen. "Ich bin ein relativ experimentierfreudiger Trainer, der in Testspielen taktisch gerne etwas ausprobiert und neue Spieler sehen will, wohlwissend, dass nicht alles klappen kann", erklärte Löw, dass Resultate für ihn zweitrangig sind. Mit einer Systemumstellung, die eigentlich nicht zur Offensiv-Philosophie passt, machte er Mario Gomez das Leben schwer. Im 4-2-3-1-System, das Löw zur Abwehrfestigung seines müden Personals gewählt hatte, agierte der künftige Münchner Torjäger als einzige Spitze - erfolglos wie in allen Spielen seit März 2007. Seit 795 Minuten wartet der 23-Jährige im DFB-Trikot schon auf ein Tor.

"Das habe ich mir anders vorgestellt. Es war wahnsinnig schwer für mich da vorne alleine", sagte Gomez, für den der FC Bayern 30 Millionen Euro n Stuttgart zahlt. Mit seinen Experimenten überforderte Löw einfach sein Personal. Der zusammen mit Lahm auf die rechte Seite verfrachtete Piotr Trochowski enttäuschte ebenso wie Bastian Schweinsteiger. Bester Spieler war Podolski, der mit seiner Trefferbilanz für den DFB mit dem legendären Fritz Walter gleich, denn er erzielte sein 33. Tor im 64. Länderspiel.

International ungenügend agierte auch Robert Huth bei seiner Rückkehr ins Nationalteam nach drei Jahren. Der "Eisenfuß", früher manchmal respektvoll als "Berliner Mauer" bezeichnet, gab gegen die wendigen Chinesen keine Empfehlung für einen Wechsel nach Hoffenheim ab. "Ich weiß nicht was passiert. Vielleicht kehre ich in die Bundesliga zurück, vielleicht wechsele ich in England", sagte er. Am Wochenende stieg er mit Middlesbrough aus der Premier League ab. Arne Friedrich, der erstmals nach seiner Knieeoperation wieder von Beginn an spielte, nachdem er bei Hertha BSC nur zu Kurzeinsätzen kam, war für Huth allerdings auch keine stabilisierende Hilfe. Marcel Schäfer (Wolfsburg), der nach seinem Kurzeinsatz gegen England im November, erstmals von Beginn als Linksverteidiger aufgeboten wurde, lieferte wie Gentner eine ordentliche Leistung ab. In der Schlussphase musste sich das deutsche Team bei Robert Enke bedanken, dass das Rückspiel für die Partie vor vier Jahren in Hamburg (1:0 durch Frings-Elfmeter) nicht mit einer Niederlage endete. Der Hannoveraner entschärfte die zwei schwierig zu parierende Schüsse. Er verhinderte damit eine handfeste Blamage.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben