Nationalmannschaft : Ballack und Frings sind nicht zu ersetzen

Simon Rolfes und Jermaine Jones waren im Spiel der deutschen Nationalelf gegen England keine gute Vertretung für Michael Ballack und Torsten Frings.

Michael Rosentritt
83319317
Doppelkopf. Jones (links) und Rolfes haben nicht überzeugt.Foto: ddp

BerlinGehen wir mal davon aus, dass Michael Ballack und Torsten Frings das Mittwochabendspiel gegen England am Fernsehen verfolgt haben. Und vielleicht dürfen wir auch davon ausgehen, dass beide wenigstens einmal miteinander Kontakt und sich einiges zu erzählen hatten. Selbst wenn nicht, wenn weder Ballack bei Frings noch Frings bei Ballack im Handydisplay wackelten, sie werden aneinander gedacht haben. So wie sie es auch vor ein paar Wochen taten, als erst Ballack dem vorübergehend aussortierten Frings zur Seite gesprungen war und Frings umgekehrt für Ballacks Kritik Verständnis hatte. Egal also, was sie am Mittwochabend zu bereden hatten, sie werden sich ihren Teil gedacht haben, der gerade 32 Jahre alt gewordene Mannschaftskapitän und sein morgen gleich alt werdender Adlatus. Sie werden sich gedacht haben: Wir sind wieder im Spiel, wir sind wieder wer.

Auf dem Platz standen Simon Rolfes und Jermaine Jones - im Spiel waren sie nicht. Diese 1:2-Niederlage vom nass kalten Novembermittwoch wird die deutsche Fußballseele bis auf weiteres mit Ballack und Frings in Verbindung bringen. Gut zwei Jahre ist es jetzt her, dass an gleicher Stelle noch Ballack und Frings im Zentrum einer deutschen Mannschaft standen, die im WM-Viertelfinale Argentinien aus dem Turnier kegelte. Zuletzt waren einige schon davon ausgegangen, Ballack und Frings problemlos ersetzen zu können.

Gegen England bildeten der Schalker Jermaine Jones und der Leverkusener Simon Rolfes die Schaltzentrale im Team von Joachim Löw. Beide defensiv orientierten Mittelfeldspieler agierten als Doppelsechs, also in einer taktischen Formation, die gegen Gegner mit überaus offensiven Qualitäten hilfreich sein kann, England aber spielte lediglich nach einem überaus klaren taktischen Plan. Dieser schien den Deutschen zu fehlen.

Es ist gut möglich, dass Rolfes und Jones ihren Wert haben

"Wir hatten heute einen schlechten Tag", sagte Löw. Das ganz bestimmt, aber lag es wirklich nur an der Tagesleistung, oder steckt mehr dahinter? Womöglich ging schon von der Aufstellung ein falsches Signal aus. Steckte also schon in der Taktik ein Konstruktionsfehler? Die beiden einzig kreativen Spieler, Piotr Trochowski und Bastian Schweinsteiger, spielten jeweils an den Rändern des Geschehens. Die Engländer konnten diese Gefahrenherde leicht zustellen. Auch wenn die Deutschen seit Jahren durchaus erfolgreich auf einen Spielmacher im klassischen Sinne verzichten, so übernimmt insbesondere Ballack immer mal wieder diesen Part. Die Qualitäten von Rolfes und Jones sind andere.

"Wir sind schwer ins Spiel gekommen", sagte hinterher der deutsche Torschütze Patrick Helmes, in Wirklichkeit lief das Spiel in seiner Gesamtheit an den Deutschen vorbei. Löws Team blieb ohne Kontrolle über Ball und Raum. Die Elf wirkte wie eine Ansammlung vieler Teile, denen ein zusammenhaltender Faden fehlte. "In der Zentrale waren wir nicht so präsent", sagte schließlich der Bundestrainer. Mit fatalen Folgen für das Spiel. Denn dort, wo normalerweise die Organisation beginnt, brachten Jones und Rolfes keine Spieleröffnung zustande. Da auch die Position des zentralen offensiven Mittelfeldspielers meist unbesetzt und auch nach späteren Korrekturen unterbesetzt blieb, fehlte ein vertikaler Anspielpunkt und mithin das Verbindungsglied zum Sturm, der überhaupt nicht einbezogen werden konnte. Weil Ballacks Positionen niemand auszufüllen vermochte und auch eine kollektive Kompensation ausblieb, fehlte die Linie im Spiel. Die deutsche Elf verfiel ins Klein-Klein, was bei hoher Passungenauigkeit zu schnellen Ballverlusten führte.

Es ist gut möglich, dass Rolfes und Jones ihren Wert haben. Insbesondere dann, wenn sie als Assistenten eines Gestalters, also an der Seite eines Strategen fungieren. So wie Dieter Eilts und Steffen Freund es einst bei der EM 1996 taten, als Adjutanten von Matthias Sammer. Spieler dieser Sorte können das Spiel ergänzen, nicht aber von sich aus prägen.

Joachim Löw machte nach dem kopf- und damit führungslosen Spiel seiner Mannschaft ein ernstes Gesicht. Vermutlich wird auch er an diesem Mittwochabend an Ballack und Frings gedacht haben. "Dass die beiden für uns wichtig sind, steht ja außer Frage", sagte er. Der Bundestrainer möchte, dass sich die Mannschaft von den beiden Altstars emanzipiert. Als diese im Herbst rempelten, hatte Löw ihnen auf die Finger geschlagen; auf deren Füße und Köpfe kann er aber nicht verzichten. Jedenfalls noch nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar