Nationalmannschaft : Das letzte Bollwerk wackelt

Im Tor die Qual der Wahl, im Sturm ein Überangebot: Die Innenverteidigung aber bereitet Bundestrainer Löw Probleme – eine ideale Formation gibt es noch nicht.

Stefan Hermanns[Köln]
Deutschland - Suedafrika
Anpfiff vom Kapitän. Michael Ballack sagt Simon Rolfes und Arne Friedrich (r.) die Meinung. Friedrich kämpft um einen Platz in der...Foto: ddp

Serdar Tasci ist ein junger Mann, da ist es vermutlich ebenso normal wie gesund, sich einen gehörigen Respekt vor Autoritäten zu bewahren. Am Samstag jedenfalls, beim 2:0 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Südafrika, hat den 22 Jahre alten Innenverteidiger des VfB Stuttgart im entscheidenden Moment der Mut verlassen. Tasci ging zum Ball, Michael Ballack ebenso, Tasci rief: Ich hab ihn. Dann zog er seinen Fuß wieder zurück. Der Ball trudelte ins Nichts, und Tasci durfte eine weitere wichtige Erfahrung auf dem Weg zum gestandenen Nationalspieler machen: Wie ist es, wenn man seinen Kapitän durch schludriges Spiel so sehr erregt, dass der einen fürchterlichen Wutausbruch bekommt.

Nur Per Mertesacker hat seinen Platz sicher

Serdar Tasci lernt immer noch dazu. Das ist in seinem Alter nichts Ehrenrühriges, auf seiner Position allerdings auch alles andere als beruhigend. Der Stuttgarter spielt in der Innenverteidigung. Tasci gilt als Versprechen auf die Zukunft, er ist mit der modernen Art des Verteidigens groß geworden, denkt auch als Abwehrspieler offensiv und verfügt für sein Fach über eine überdurchschnittliche technische Begabung. Mit der Gegenwart aber hat Tasci manchmal noch Probleme. Man könnte auch sagen: mit dem Einmaleins des Abwehrspiels. Vermeintliche Kleinigkeiten sind das, ein Stellungsfehler hier, ein Fehlpass da. Aber auch Kleinigkeiten entfalten manchmal eine große Wirkung.

In der Endlosdebatte um den Platz im deutschen Tor wird gelegentlich darauf verwiesen, dass es ja nicht schlecht für die Abwehr wäre, wenn sie sich mal über längere Zeit mit einem Torhüter einspielen könnte. Man kann es auch umgekehrt sehen: Vielleicht wüsste Deutschlands Nummer eins ganz gerne, wer vor ihr verteidigt. Bundestrainer Joachim Löw sucht immer noch die perfekte Innenverteidigung. Sieben verschiedene Pärchen hat er in den 13 Spielen seit dem EM-Finale ausprobiert, die ideale Konstellation war noch nicht darunter.

Tasci? Oder doch Friedrich? Vielleicht auch Westermann

Nur Per Mertesacker hat seinen Platz sicher, auch wenn der Bremer gegen Südafrika 90 Minuten lang zuschauen musste. Das Testspiel diente in erster Linie dem Casting für die Position an seiner Seite. Tendenziell bevorzugt Löw wohl den modernen Verteidiger Tasci, aber „Arne Friedrich und Heiko Westermann haben gezeigt, dass sie berechtigte Ansprüche haben“, sagte der Bundestrainer nach dem Spiel gegen Südafrika. Dramatisch schlechter als der Stuttgarter sind sie jedenfalls nicht. Wenn überhaupt. Aber anders als bei der Besetzung im Tor oder bei der Frage, ob Miroslav Klose oder Mario Gomez stürmen soll, ist die Wahl des zweiten Innenverteidigers alles andere als ein Luxusproblem.

Selbst gegen Aserbaidschan vor vier Wochen wackelte die Defensive bedenklich, und auch Südafrika durfte sich einiger guter Chancen erfreuen. Der Schalker Westermann, der in der zweiten Halbzeit anstelle von Tasci neben Friedrich verteidigte, räumte ein, in den entsprechenden Situationen „ziemlich schlecht“ ausgesehen zu haben. Er kann zumindest auf den mildernden Umstand verweisen, dass er bei Schalke 04 eigentlich überall spielt, nur nicht in der Innenverteidigung. Arne Friedrich hingegen hat sich bei Hertha BSC auf seiner Lieblingsposition in der Zentrale festgespielt. „Friedrich hat es hinten organisatorisch gut gelöst“, sagte Löw. „Aber in der Defensive bleibt noch einiges zu verbessern.“

Zu lange galt die Viererkette als Teufelszeug

Für das Land, das sich auf seine Manndecker traditionell einiges eingebildet hat, ist das eine ganz neue Erfahrung: Das letzte Bollwerk wackelt. Immer noch leidet der deutsche Fußball darunter, dass er viel zu spät auf die Moderne gesetzt hat, die Viererkette für Teufelszeug hielt und dem Libero ewige Treue schwor. Erst jetzt stoßen die Verteidiger verlässlich zu den Profis durch, die schon in der F-Jugend Verschieben und Übergeben gelernt haben, statt sture Deckungstreue üben zu müssen.

Serdar Tasci zum Beispiel hat vom ersten Tag an fußballerische Reformpädagogik genossen, Per Mertesacker hingegen, nur zweieinhalb Jahre älter, ist noch nach den Lehrplänen der Mannheimer Vorstopperschule unterrichtet worden. Er musste in der Jugend Libero spielen, weil er für die Position des Manndeckers als ungeeignet galt. Nur deshalb ist er heute ein Innenverteidiger auf Höhe der Zeit.

Auch im deutschen Fußball aber ist die Moderne auf dem Durchmarsch. Die nächste Verteidigergeneration – Jerome Boateng, Mats Hummels und Benedikt Höwedes – spielt bereits in der U 21. Deren Trainer Rainer Adrion hat anders als Joachim Löw so viele gute Innenverteidiger, dass er Boateng zuletzt gegen San Marino ins defensive Mittelfeld versetzen musste, um überhaupt alle in der Startelf unterzukriegen.

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