Nationalmannschaft : Ein Jahr vor der WM: Nationalelf ohne Profil

Für Bundestrainer Joachim Löw besteht bis zur WM in Südafrika in einem Jahr noch großer Handlungsbedarf: vor allem im Tor und im zentralen Mittelfeld.

Stefan Hermanns
Vereinigte Arabische Emirate - Deutschland
Kader ohne Kontur. Kapitän Schweinsteiger und die Seinen am Golf.Foto: ddp

Für Bastian Schweinsteiger wird die Affäre zum Glück keine Konsequenzen haben. Ein Verstoß gegen die Regeln des Weltfußballverbandes Fifa hat nach Recherchen der „Bild“-Zeitung nicht vorgelegen, allenfalls einer gegen die allgemeinen Kleidervorschriften. Das Boulevardblatt hatte weltexklusiv enthüllt, dass Bastian Schweinsteiger beim Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Vereinigten Arabischen Emirate die Kapitänsbinde am falschen Arm, am rechten nämlich, getragen hatte. Kann passieren, Bastian Schweinsteiger, 24 Jahre alt, hat noch nicht besonders viel Erfahrung im Kapitänsbindentragen.

Das könnte sich bald ändern. Der Mittelfeldspieler der Bayern zählt zu jenen Nachwuchskräften, denen Bundestrainer Joachim Löw für die nicht mehr allzu ferne Zukunft wichtige Führungsaufgaben in der Nationalmannschaft zugedacht hat. Sein Münchner Kollege Philipp Lahm, 25, gehört ebenfalls zu den künftigen Leitfiguren, genauso Thomas Hitzlsperger, 27, der Kapitän des VfB Stuttgart. Die Frage ist nur, wann die Zukunft, wann ihre Zukunft, beginnen wird.

Die abgelaufene Saison hat gezeigt, dass sich Struktur und Hierarchie einer Mannschaft nicht par ordre de Mufti verändern lassen. Löw hat das Selbstbewusstsein der nachwachsenden Generation durchaus befördert, auch während der abschließenden Asienreise. „Da einige ältere Spieler gefehlt haben, konnten Lahm, Hitzlsperger und Schweinsteiger verstärkt Führungsaufgaben übernehmen“, sagt der Bundestrainer. Aber nicht immer sind seine Erwartungen erfüllt worden.

Ein Jahr vor dem Beginn der Weltmeisterschaft in Südafrika ist Löws Mannschaft eine Mannschaft im Umbruch. „Wir müssen konstanter werden, wir müssen uns spielerisch und taktisch verbessern“, sagt der Bundestrainer. Seinem Team fehlt noch die klare Kontur, die für ein großes Turnier notwendig ist. Löw hat deshalb angekündigt, dass er die Sommerpause zur konzeptionellen Arbeit nutzen werde. Gerade an entscheidenden Positionen besteht für den Bundestrainer verschärfter Handlungsbedarf: im Tor, vor allem aber im zentralen Mittelfeld.

Auf den ersten Blick ist die Situation bei den Torhütern eher luxuriös als besorgniserregend. Mit Manuel Neuer, der gegen die Vereinigten Arabischen Emirate ein überzeugendes Länderspieldebüt abgeliefert hat, bewirbt sich nun ein vierter aussichtsreicher Kandidat um den Platz im Tor. Das Gute ist: Löw kann wenig falsch machen, weil sich alle vier Bewerber auf einem ähnlichen Niveau bewegen. Das Schlechte ist: Es gibt – auch in der öffentlichen Wahrnehmung – keine klare Nummer eins. Egal, wer bei der WM im Tor stehen wird, er wird nicht einmal 20 Länderspiele bestritten haben. Zudem spielt in der kommenden Saison nur Tim Wiese mit seinem Klub in einem internationalen Wettbewerb; Neuer, Robert Enke und René Adler bleibt die Bewährung auf europäischem Niveau versagt.

Weit gravierender ist trotzdem die Besetzung des zentralen Mittelfelds. Michael Ballack gilt immer noch als unersetzlich, auch wenn er im WM-Jahr 34 Jahre alt wird und das Turnier der letzte Höhepunkt seiner Karriere werden wird. Ballack ist der einzige Deutsche, der regelmäßig auf höchstem Niveau spielt – er ist unersetzlich. Aber wer soll neben ihm spielen? Wenn man alle Zeichen richtig deutet, setzt Löw eher nicht mehr auf Torsten Frings, der die Rolle des Sechsers bei der WM 2006 mit viel Verve zur allgemeinen Begeisterung ausgefüllt hat. Frings ist zwar zwei Monate jünger als Ballack, sein Spiel aber lebt sehr viel mehr von der Kraft. Der Verschleiß seines Körpers war in der vergangenen Saison offenkundig. Auch deshalb hat Joachim Löw die Ambitionen von Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes auf Frings’ Nachfolge nach Kräften befördert. Zweifel an ihrer Qualität aber bleiben.

Im Grunde schätzt der Bundestrainer Rolfes und Hitzlsperger, weil sie dem von ihm bevorzugten Typus des lernwilligen Profis entsprechen. Beide haben aus ihrem Talent das Maximale herausgeholt, sie haben stetig an sich gearbeitet und sich kontinuierlich weiterentwickelt. Rolfes zum Beispiel hat es vom gescheiterten Nachwuchsspieler bei Werder Bremen über die Zweite Liga zum Kapitän von Bayer Leverkusen gebracht. Doch eine solche Entwicklung stößt irgendwann an ihre Grenzen. Bestimmte Defizite lassen sich nicht mehr wegtrainieren. Hitzlsperger zum Beispiel fehlt die letzte Dynamik, Rolfes die nötige Zweikampfhärte.

Joachim Löw sieht Bastian Schweinsteiger langfristig als Kandidaten für das zentrale Mittelfeld, allerdings taugt er kaum für den defensiven Part. Und auch den Stuttgarter Sami Khedira hat der Bundestrainer noch im Blick. Khedira aber ist erst 22 und hat noch kein einziges Länderspiel bestritten. Man kann es natürlich auch positiver ausdrücken: Sami Khedira hat nur sieben Länderspiele weniger bestritten als Deutschlands voraussichtliche Nummer eins Robert Enke.

0 Kommentare

Neuester Kommentar