Nationalmannschaft : Ein Moment für den Mythos

Am Samstag findet das entscheidende Qualifikationsspiel zur Fußball-Weltmeisterschaft gegen Russland statt. Die deutsche Nationalelf setzt auf ihre wiederkehrende Qualität, zum richtigen Zeitpunkt präsent zu sein.

Stefan Hermanns[Mainz]
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Eine Bank für Deutschland. Bundestrainer Joachim Löw und Kapitän Michael Ballack blicken optimistisch nach Moskau. -Foto: dpa

Der Versuch der Werksspionage endete ziemlich kläglich. Zwei Wochen ist es her, dass Guus Hiddink unangekündigt auf dem Trainingsgelände des FC Chelsea auftauchte. Der Holländer wird bei dem Londoner Klub immer noch gerne gesehen, seitdem er ihn in der vorigen Saison für eine Halbserie betreut hat. Bei dieser Gelegenheit suchte Hiddink auch das Gespräch mit Michael Ballack. Ein ganz normales Treffen unter Bekannten? Von wegen! Hiddink und Ballack werden schon am Samstag wieder aufeinander treffen, in Moskau, beim entscheidenden Qualifikationsspiel zur Fußball-Weltmeisterschaft, der eine als Trainer der russischen, der andere als Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. „Ein absoluter Trainerfuchs“ sei Hiddink, berichtete Ballack, und trotzdem hat er nichts aus ihm herausbekommen: „Wir haben uns ganz normal unterhalten, über belanglose Dinge, weniger über Fußball.“

Die Frage ist, ob Undercovereinsätze überhaupt noch notwendig sind. „Es gibt nicht viele Geheimnisse“, sagt Ballack. Im Grunde wissen oder zumindest ahnen die Deutschen seit einem Jahr, was in Moskau auf sie zukommt: eine spielstarke Mannschaft, ein ungewohnter Untergrund (siehe Kasten) und ein Alles-oder-Nichts-Spiel. Gewinnt die Nationalmannschaft, ist sie schon vor dem abschließenden Duell mit Finnland für Südafrika qualifiziert; bei einer Niederlage müssen die Deutschen aller Wahrscheinlichkeit nach in die Play-offs.

„Wir sind bis ins kleinste Detail über die Russen informiert“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. Sein Scout Urs Siegenthaler hat den Gegner mehrmals beobachtet, und aus all den Informationen hat Löw nach und nach eine Idee für seine Mannschaft destilliert: „Wir haben einen klaren Plan, wie wir vorgehen werden“, sagt der Bundestrainer, ohne weitere Details zu Personal und Taktik preiszugeben. Vieles deutet darauf hin, dass er sein Team im 4-5-1-System auflaufen lässt, das sich bei den Spielen gegen Südafrika und Aserbaidschan in der Praxis bewährt hat. „Das 4-4-2 war zuletzt nicht ganz so überzeugend“, sagt Löw.

Die Auftritte der Nationalmannschaft als Ganzes waren zuletzt nicht überzeugend. Und auch wenn in den 90 Minuten von Moskau die Arbeit von mehr als einem Jahr auf dem Spiel steht, so muss man wohl davon ausgehen, dass sich Joachim Löw auf diese finale Bewährung regelrecht freut. Angst hat er jedenfalls nicht. Die unbestrittene Klasse der Russen weckt den Widerstandsgeist des Trainers und Tüftlers in ihm. Im Grunde hat seine Mannschaft immer dann die besten Spiele bestritten, wenn sie ihrem Gegner als individuell unterlegen galt. Das war im März 2007 so, im EM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien (2:1), bei der Europameisterschaft gegen den großen Favoriten Portugal (3:2) und im Hinspiel vor einem Jahr gegen Russland (2:1) – immer siegten die Deutschen dank der besseren Taktik. „Wir haben unser bestes Spiel gegen Russland gemacht“, sagt Michael Ballack, „den stärksten Gegner in der Gruppe.“

Zufall ist das nicht. Es gehört zum Mythos der unbezwingbaren Nationalmannschaft und hat längst den Charakter einer sich ständig selbst erneuernden Prophezeiung angenommen. „Es war immer eine Stärke der deutschen Mannschaft, in wichtigen Momenten präsent zu sein und die Nerven zu behalten“, sagt ihr Manager Oliver Bierhoff. Noch nie sind die Deutschen in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft gescheitert. Als die Nationalmannschaft 2001 den Umweg über die Play-offs gegen die Ukraine nehmen musste, galt das bereits als nationaler Notstand; am Ende aber hat erst diese existenzielle Erfahrung ein wankendes Team richtig stark gemacht. Trotz mäßiger Besetzung und geringer Erwartungen in der Heimat mogelte sich die Mannschaft bei der WM-Endrunde bis ins Finale.

„Das ist einfach unsere Mentalität“, sagt Michael Ballack. „Wir Deutschen sind konzentriert, diszipliniert, teilweise ein bisschen ernst – aber das heißt auch, dass wir die Dinge ernst nehmen.“ Der Kapitän ist der einzige aktuelle Nationalspieler, der schon 2001 bei den Play-offs dabei war und der auch persönlich am stärksten von der damaligen Grenzerfahrung profitiert hat. Ballack erzielte in den beiden Spielen gegen die Ukraine drei der fünf Tore und galt fortan nicht mehr als der große Zauderer, sondern als Anführer des Teams. Das ist er in der Nationalmannschaft bis heute. „Unsere Erfahrung und unsere Mentalität geben uns großes Selbstvertrauen“, sagt Michael Ballack, „wir wissen, was wir können, und wir stehen an der Spitze.“ Es hört sich nicht so an, als sollte sich am Samstag daran etwas ändern.

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