Nationalmannschaft : Podolski und Schweinsteiger - auf getrennten Wegen

Sie waren das Traumpaar des deutschen Fußballs vor vier Jahren – Schweinsteiger und Podolski. Dann ging’s in verschiedene Richtungen. Steil nach oben beim Bayern-Spieler, steil abwärts beim Kölner. Doch Trainer Löw ist unbeirrt: „Lukas wird explodieren bei der WM.“ Ab heute muss er es beweisen.

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Beine der Nation. Bastian Schweinsteiger (links) und Lukas Podolski dehnen sich für ihren ersten WM-Auftritt am heutigen Sonntag.
Beine der Nation. Bastian Schweinsteiger (links) und Lukas Podolski dehnen sich für ihren ersten WM-Auftritt am heutigen Sonntag.Foto: dpa

Die Sonne steht hoch, nicht viel los auf dem Trainingsplatz der deutschen Nationalmannschaft. Mal abgesehen von Joachim Löw – und Lukas Podolski. Der Bundestrainer ruft wie wild: „Durchlaufen Lukas, bis auf den ersten Pfosten, und ab!“ Und dann gehen sie ab, wild entschlossen, die knallroten Fußballschuhe, in denen Lukas Podolski steckt. Der Kölner Stürmer rennt wie aufgezogen, einen flachen Querpass nagelt er ins Tornetz. „Gut so, Lukas!“, brüllt Löw und dreht sich ab. Kann sich eben doch verlassen auf den Poldi, der Bundestrainer.

Und das soll der faule Lukas sein? Uli Stein, der frühere Nationaltorwart, hat das böse Wort neulich in die Welt gesetzt. Er hatte sich auf ehemalige Trainer Podolskis berufen, die behaupteten, dass der Nationalstürmer der faulste Spieler sei, den sie jemals gehabt hätten.

Die Szene mit den roten Schuhen hat sich in Sizilien zugetragen, wo sich das deutsche Team auf die WM vorbereitete. Vielleicht war das der Moment, in dem Joachim Löw genug hatte von dem ganzen Gerede. Dem Bundestrainer ist ja nicht entgangen, dass Podolski beim 1. FC Köln eine schwache Saison gespielt hat. Zwei Tore in 27 Spielen hat er geschossen, der einstige Kanonier vom Rhein. Eins im vorigen September, eins im März. Löw kann es überhaupt nicht gebrauchen, dass sein Torgarant mit der unverschämt guten Trefferquote in der Nationalelf von 38 Toren in 73 Ländereinsätzen Hemmungen hat, jetzt, wo schon Michael Ballack ausgefallen ist. Und genau damit hat sich eine andere Debatte aufgetan. Die um Bastian Schweinsteiger, den neuen Genius des FC Bayern, der Ballack zu ersetzen hat. Schweinsteiger hat die Münchner zum nationalen Double geführt. Was für eine Entwicklung! Weg vom Traktor, der über den Platz tuckert, hin zum Strategen, dem zugetraut wird, das Ballack-Loch zu füllen.

Hinter den Geschichten vom faulen Lukas und dem genialen Schweinsteiger steckt in Wirklichkeit die vom Wendepunkt des einstigen Gute-Laune-Paars des deutschen Fußballs. Während Podolski, gerade 25 geworden, um seinen guten Ruf fürchten muss, hat der andere, noch nicht ganz 26, gerade seine Mannschaft ins wichtigste Finale Europas geführt. Und mehr noch: Von diesen beiden könnte abhängen, ob Deutschland ein erfolgreiches WM-Turnier spielt oder nicht.

Beide gehören zu einer Generation, die dem deutschen Team bei der WM in Südafrika als Achse dient. Es ist das jüngste deutsche WM-Team seit 1934, es ist ein Gebilde, das in Ballack seinen charismatischen Anführer, seinen fußballerischen Kopf verloren hat und daher eine gehörige Unwucht besitzt. Löw hat Philipp Lahm zum Kapitän bestimmt, aber Schweinsteiger ist zum „emotionalen Leader“ auf dem Platz ernannt worden. Er könnte das Herz der neuen Mannschaft werden, wenn, ja wenn er so spielt, wie er sich in seiner neuen Rolle fühlt. „Prächtig“, wie er sagt.

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren „Poldi & Schweini“ das jüngste und beliebteste Paar des deutschen Fußballs. Während der Heim-WM 2006 waren sie die Strahlemänner des Sommermärchens, die heimlichen Helden in Sönke Wortmanns WM-Film. Es schien, als verkörpere niemand so gut wie die beiden diese junge, unfertige, aber sympathische Mannschaft, die als ein Versprechen auf die Zukunft galt. Der Höhepunkt war erreicht, als Schweinsteiger auf der Premierenfeier des Films zur Kanzlerin Merkel sagte: „Sie können mich immer duzen.“

Und nun das. Die Hymnen auf den einen, die üblen Nachreden für den anderen. Der Kölner „Express“, der für gewöhnlich wenig Gnade kennt, stellte sich schützend vor seinen Fußballprinzen. Wolfgang Overath, Kölner Weltmeister von 1974 und Präsident des FC, bezeichnete Steins Aussagen als „Unverschämtheit und Blödsinn“. Der Aufschrei war riesengroß. Was wäre der FC ohne Poldi?

Vor einer Weile haben einige Zeitungen die Rechnung aufgemacht, wonach die Kölner dann erfolgreicher spielten, wenn Podolski nicht mit von der Partie war. „Was ihm fehlte, war nur die Selbstsicherheit. Und die wird er sich bei der WM zurückholen.“ Das muss Overath sagen. Er steckt hinter der größten Rückholaktion der Bundesligageschichte. Zehn Millionen Euro hatte der Verein im vorigen Sommer zusammengekratzt, um Podolski dem FC Bayern wieder abzukaufen. Danach wurde gefeiert, wochenlang. Die Umsätze beim Trikotverkauf erreichten Rekordhöhe, an einer eigens ins Leben gerufenen Grußaktion im Internet beteiligten sich sogar Michael Schumacher und Handball-Bundestrainer Heiner Brandt. Rund um den Kölner Dom glaubte man an die Rückkehr des Messias. Eine Spielzeit später war aus dem Messias ein Zwei-Tore-Missverständnis geworden.

Doch es gibt noch den anderen, den Deutschland-Podolski, der in der Nationalelf trifft. Es sei „völlig falsch zu sagen, Lukas sei ein fauler Spieler“, befindet Löw. Er erlebe ihn in der Nationalmannschaft „immer hoch motiviert und hoch konzentriert“. Allerdings, und das sagte Löw zu Beginn der Trainingslagerwochen eben auch: „Er muss jetzt wirklich in allen Bereichen was tun, um innerhalb kürzester Zeit auf ein hohes Niveau zu kommen.“ Podolski bekommt ein spezielles Trainingsprogramm und wird „von uns täglich angetrieben“.

Im Fall Schweinsteiger hört sich der Bundestrainer ganz anders an. Der solle auf dem Platz die Rolle von Michael Ballack „auf seine Weise interpretieren“, sagt Löw. Ihn sehe er in einer herausgehobenen Rolle für die Mannschaft.

Vor sechs Jahren begann ihr gemeinsamer Weg als Nationalspieler. Podolski war 18, Schweinsteiger 19, als ihre Karrieren in den Blickpunkt der deutschen Öffentlichkeit rückten. Der frühere Teamchef Rudi Völler nahm beide mit zur Europameisterschaft nach Portugal. Nach der WM 2006 sagte Löw, dass beide ihren Zenit vermutlich erst bei der WM in Südafrika erreichen werden. Nun ist es so weit. Was Schweinsteiger anbelangt, so trifft die Prognose zu. Dieser habe sich „enorm entwickelt, als Spieler, aber auch als Persönlichkeit“, sagt Löw. Und Podolski? „Er hat enormes Potenzial“, aber da seien die Leistungen noch nicht konstant genug, vor allem beim 1. FC Köln. In der Nationalelf „war er schon als ganz junger Spieler immer sehr gut, effizient“.

Hinter beiden liegt keine einfache Zeit beim FC Bayern. Nach der WM 2006, bei der Podolski mit dem Titel „bester junger Spieler“ bedacht worden war, wechselte er für zehn Millionen Euro an die Isar. Durchsetzen konnte er sich dort nie, weshalb er nach zwei Spielzeiten wieder weg wollte. Dann kam Jürgen Klinsmann, sein alter Förderer aus der Nationalmannschaft, und ließ sich noch einmal auf Podolski ein. Ohne Erfolg. Er blieb Ersatzspieler, weshalb er seine Rückkehr nach Köln aushandeln ließ. Vorigen Sommer ging er.

Zur gleichen Zeit sagte Schweinsteiger, er komme jetzt in ein Alter, „in dem ich beweisen will und muss, dass ich das Zeug zum Champion habe“. Er beweist es gerade und wird mit Applaus überhäuft. Auf den Außenpositionen im Mittelfeld war er an die Grenzen seiner Entwicklung gestoßen. Aber der Part im Zentrum liegt ihm. Es ist bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit, Ruhe und Übersicht er seine neue Rolle interpretiert. „Auf der Tribüne spürt man förmlich, wie viel Verantwortung er übernimmt“, sagt Löw. Und Teammanager Oliver Bierhoff meint: „Basti hat jetzt über 70 Länderspiele hingelegt, er hat Verantwortung übernommen, er ist ein Guter, einer, der mitreißt.“

Auch Schweinsteigers Karriere hing mal in den Seilen, seine Entwicklung war ins Stocken, wenn nicht gar ins Straucheln geraten. Seine Haare ließ er silbern einfärben, seine Fingernägel bekamen schwarzen Lack. Was war los mit ihm? 90 Prozent der Deutschen kennen sein Gesicht. 2005 hatte ein Augsburger Metzger den Namen „Schweini“ als Markenzeichen für Lebensmittel angemeldet. Die Richter verhinderten das. „Auch Spitznamen genießen den besonderen gesetzlichen Schutz des Namensrechtes“, hieß es in der Urteilsbegründung, weshalb der Fleischfabrikant die von ihm eingetragene Marke beim Deutschen Patent- und Markenamt löschen lassen musste. Schweinsteiger war auf dem Weg, ein öffentliches Produkt zu werden. Das belastete ihn. Er lenkte sich im Nachtleben ab. Er esse zu viel, hieß es damals, weshalb er schwerfällig über den Platz laufe. Sein damaliger Trainer Ottmar Hitzfeld riet ihm, er solle sich wieder aufs Wesentliche konzentrieren, auf den Fußball. Und Bayerns Manager Hoeneß rief ihm damals in der Presse hinterher, dass das Sommermärchen vorbei sei: „Zu viele Leute haben ihm nach der WM Puderzucker in den Arsch geblasen. Den klopfe ich nun wieder raus.“ Das ist offenbar gelungen. Aus Schweinsteiger ist heute „der Motor geworden, der die Mannschaft aus ihrem Zentrum antreibt“, wie Löw sagt.

Für Lukas Podolski lief es in Köln nicht gut an. Das viele Geld, die hohen Erwartungen. Die Umgebung war auch nicht mehr die alte. Podolski, der den Verein wachküssen und ihm zu altem Glanz verhelfen sollte, kam schwer in Tritt und eigentlich nie in Fahrt. Ein langes Jahr lang. Dabei war er schon neunmal „Torschütze des Monats“ und viermal „Fußballer des Monats“. Und nun ist er von 241 Bundesligakollegen mit großer Mehrheit zum „Absteiger der Saison“ gewählt worden. Der Kölner Fußballprinz ist gefallen.

„Klar hätte ich mehr machen können, hätte besser spielen müssen“, sagt Podolski selbst. Aber der FC Köln habe über die gesamte Saison nur wenig gute Spiele gezeigt. „Wir haben den Klassenerhalt geschafft, das war das Wichtigste.“ Aber in der Nationalmannschaft sei es doch immer gut gelaufen.

Hier blüht der Kölner auf. Hier spürt er das Vertrauen der Trainer und den Respekt der Mitspieler. Er sagt: „Ich will das umsetzen, was ich in den Turnieren gezeigt habe.“ Tatsächlich war Podolski bei den vergangenen drei Großereignissen der effektivste deutsche Stürmer. Jeweils drei Treffer erzielte er beim Confed-Cup 2005, bei der WM 2006 und der EM 2008.

Vor genau einem Jahr standen Podolski und Schweinsteiger an einer Kreuzung, sie schlugen unterschiedliche Richtungen ein. „Ich sehe das so, dass sich Menschen entwickeln“, sagt Bastian Schweinsteiger. „Ich habe auch mal eine andere Frisur gehabt, und wenn man mich heute mit dem Poldi auf dem Platz sieht, sieht das halt immer noch lustig aus.“ Ob Hoeneß damals Recht gehabt habe mit seinem Puderzucker-Satz? „Natürlich“, sagt Schweinsteiger, „aber nur ein bisschen.“ Dann lacht er.

Podolski ist ernster geworden, sogar etwas gesprächiger. Vielleicht liegt es an seinen Erfahrungen der vergangenen Monate. Er weiß, wie schnell sich der Wind drehen kann bei den Medien. Er probiert es deshalb gar nicht mit Ausreden, bittet aber um Fairness. In Köln „spielen wir jedes Spiel auf Abwarten, wir denken alle zuerst defensiv, und dann haben wir in einem Spiel vielleicht ein, zwei gute Angriffe, die wir für Tore verwerten müssen“, sagt Podolski. Darunter litten seine Offensivqualitäten. In der Nationalmannschaft werde anders gespielt, da kämen die Stürmer eher zum Vorschein. „Das soll jetzt nicht heißen, dass Köln schlecht für mich ist, aber es ist halt ein Unterschied.“

Inzwischen ist die Nationalmannschaft in Südafrika angekommen. Heute steigt das Auftaktmatch in Durban gegen Australien. Podolski trägt jetzt zitronenfarbene Fußballschuhe. „Die sind neu“, sagt er, „und leicht wie eine Tafel Schokolade.“ Der „Express“ hat sich neulich von ihm den Wunderschuh erklären lassen. Auf der rechten Seite habe er sich das Köln-Wappen einnähen lassen, auf der anderen steht „Niunia“. „Das ist die polnische Übersetzung von Louis, meinem Sohn. Niunia bedeutet auch glücklich“, sagt Podolski. „Acht Paar habe ich mir machen lassen – das müsste reichen. Um ins Endspiel zu kommen, meint er. Und er sagt: „Ich habe das Jahr beim FC abgehakt, „jetzt konzentriere ich mich nur noch auf die Weltmeisterschaft.“

„Der Lukas ist ein gefühliger Mensch“, sagt Joachim Löw. Vielleicht sollte ja immer Nationalmannschaft sein. Podolski genießt das enge Zusammenleben mit seinen Mitspielern, den Jux an der Tischtennisplatte, das Vertrauen, das ihm entgegenschlägt. Je enger ein Team beieinander ist, desto zufriedener wirkt er, zumindest dann, wenn sich seine Kollegen auf ihn einlassen. Beim FC Bayern fand er nie Anschluss. „Wir sehen, dass er in einer sehr guten Verfassung ist, auch wenn es in Köln nicht immer den Anschein hatte“, glaubt Löw. „Podolski kann immer ein entscheidender Mann auf dem Platz sein.“ Deswegen habe er als Bundestrainer nie Zweifel gehabt. Und dann erzählt Löw noch, dass er den Poldi in den letzten Tagen genau beobachtet habe. Er habe viel gelacht, er habe viel gesprochen mit seinen Mitspielern und dabei oft gestrahlt. „Das ist für mich immer ein gutes Zeichen“, sagt Löw. „Lukas wird explodieren bei der WM.“

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