Nationalmannschaft : Thomas Müller: Zugfahrer zwischen den Welten

Auf dem Bolzplatz war er Zidane, Ronaldinho oder Ballack - Wie Thomas Müller seine Karriere begann.

Ron Ulrich
100 Tore in einer Saison. Als Jugendspieler des TSV Pähl durfte Thomas Müller noch öfter jubeln als jetzt.
100 Tore in einer Saison. Als Jugendspieler des TSV Pähl durfte Thomas Müller noch öfter jubeln als jetzt.Foto: ddp

Von der Gemeinde Pähl im Landkreis Weilheim-Schongau sind es knapp 50 Kilometer zur Säbener Straße in München. Von einem 2500-Seelen-Ort zur Glitzerwelt des bekanntesten Vereins Deutschlands. Zwischen diesen beiden Welten pilgerte Thomas Müller während seiner Jugend täglich, meist mit dem Zug. Wenn er nach Training und Schule gegen 18 Uhr wieder nach Hause fuhr, stellte er die Sporttasche auf den Nebensitz und erledigte die Hausaufgaben. Tagsüber blieb dafür keine Zeit, denn Müller stand schon anderthalb Stunden vor Trainingsbeginn auf dem Übungsplatz. Zusammen mit Viktor Bopp, mit dem er sechs Jahre zusammen spielte. „Wir waren Zidane, Ronaldinho oder Ballack. Jeder gab sich immer einen Namen von einem Weltstar, und dann spielten wir gegeneinander oder machten deren Tricks nach.“

Vor allen anderen auf dem Trainingsplatz zu stehen, war schon immer ein besonderer Tick von Thomas Müller. Sein erster Jugendtrainer beim TSV Pähl war Dieter Klapheck. Er erinnert sich an seine erste Begegnung mit Müller so: „An meinem ersten Tag war das Training auf 17.30 Uhr angesetzt. Als ich aber um 16 Uhr zu unserer Anlage kam, war Thomas schon da. Er war dermaßen heiß auf Fußball.“ Das war in der E-Jugend und Dieter Klapheck wurde ziemlich schnell klar, dass er dieses Talent, das in einer Saison mehr als hundert Tore schoss, nicht lange würde halten können. „Ständig tauchten Bayern-Jugendtrainer auf. Thomas war ja ein Junge, der mitunter in einem Spiel zweistellig traf, den konnte man also nicht übersehen.“ Im Jahr 2000, mit knapp elf Jahren, wechselte Müller nach München. Klapheck traute ihm zwar den großen Durchbruch zu, aber es blieb die Frage: Ist dieser kleine Kerl mit den dünnen Beinchen robust genug, um sich auch in höheren Sphären zu behaupten?

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Er war es – in allen Jugendmannschaften war er der Goalgetter schlechthin. Sein langjähriger Mitspieler Tom Schütz staunte: „Er stand einfach immer richtig. Und vor dem Tor ließ er sich keine Chance entgehen, er war eiskalt.“

Ein Typ Kleiderschrank ist Müller immer noch nicht, die dünnen Beinchen sind geblieben. Doch seit Hermann Gerland ihn 2008 zu den Amateuren des FC Bayern holte, eignete er sich ein besonderes Durchsetzungsvermögen an. Gerland soll Müller einmal „Fräulein“ gerufen haben, als dieser nach einem Zweikampf zu lange liegen blieb. Viele weitere Lektionen musste er aber nicht lernen, denn von 2008 an verlief seine Karriere im Usain-Bolt-Tempo. Die Saison bei den Amateuren: 32 Spiele, 15 Tore. Die erste Saison bei den Profis: 34 Spiele, 13 Tore, Meisterschaft, DFB-Pokalgewinn, Champions-League-Finale. Die ersten Spiele im Trikot der Nationalelf: 6 Spiele, 3 Tore, WM-Viertelfinale.

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Trotzdem bleibt Thomas Müller auf dem Boden. Bestes Beispiel: Am Sonntag nach dem 4:1 gegen England grüßte Müller im Fernsehinterview seine Großeltern. Die freuten sich – im beschaulichen Pähl. Dort, wohin Müller nach der WM auch wieder fahren wird. Doch diesmal nicht mit dem Zug und ohne Schulhefte in der Tasche.

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