Nationalmannschaft : Verteidigung gegen schlechte Laune

Nach Michael Ballacks WM-Aus sucht die Nationalmannschaft den Rückweg in die Normalität. Rugby-Legende Jonah Lomu will dabei im Trainingslager von Sciacca helfen.

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Dicker Hals? Bundestrainer Joachim Löw versuchte gestern die schweren Gedanken zu vertreiben – durch hartes Training.
Dicker Hals? Bundestrainer Joachim Löw versuchte gestern die schweren Gedanken zu vertreiben – durch hartes Training.Foto: dpa

Sciacca - Immer wieder ließ Joachim Löw sich den Ball in die Beine spielen. Der Bundestrainer, der sich selbst die Fußballschuhe angezogen hatte, wollte gestern auf dem Übungsplatz im deutschen Mannschaftsquartier nichts dem Zufall überlassen. Detailversessen wie selten griff der 50-Jährige immer wieder ein, wenn eine Übung nicht zu seiner Zufriedenheit absolviert wurde. Dann machte er sie etwas verlangsamt, aber lautstark vor. So stelle er sich das vor. Die Nationalspieler wirkten angespannt und aufmerksam. Genau das wollte der Bundestrainer wohl auch sehen am Tag danach.

Einen Tag nach der Nachricht vom WM-Aus für Michael Ballack war im Verdura Golf Resort alles darauf ausgerichtet, möglichst elegant und zügig den Übergang zur Normalität zu finden. "Michael Ballacks Ausfall ist sportlich für uns ein großer Schlag. Aber es nützt nichts, ihm jetzt vier Wochen nachzuweinen", sagte Oliver Bierhoff in Sciacca an der sizilianischen Südwestküste, wo sich das deutsche Team noch bis Freitag vorbereitet: "Wir rücken jetzt noch enger zusammen."

Der Teammanager begrüßte auch Ballacks Absicht, die nächsten Tage bei der Mannschaft zu verbringen. "Mit seiner Präsenz kann er hier der jungen Mannschaft Mut und Hoffnung verleihen", sagte Bierhoff. Gleich nach seiner Ankunft am Montag hatte Ballack ein längeres Gespräch mit dem Bundestrainer geführt, anderntags habe sich der verletzte Kapitän immer mal wieder einen Spieler gegriffen. "Es war bestimmt nicht leicht für ihn, hierherzukommen. Er ist maßlos enttäuscht über seine Situation, aber er möchte dem Team weiterhelfen", sagte Bierhoff.

Ballack selbst sagte gestern im Mannschaftshotel: "Ich werde wieder angreifen." Nach der WM wollte er sich ohnehin Gedanken über seine sportliche Zukunft machen, nun werde dies halt etwas früher geschehen. "Ich muss einige Dinge überdenken und sortieren", sagte der 33-Jährige. "Ich will so schnell wie möglich wieder Fußball spielen. Ich gehe davon aus, dass ich zum Saisonbeginn wieder fit bin." Ob er die EM 2012 in Angriff nehmen wird, das gehört zu den Fragen, "mit denen ich mich beschäftigen werde".

Rugby-Legende Jonah Lomu versuchte sich als eine Art Gute-Laune-Bär

Die Kampfeslust, die Ballack demonstrierte, wünscht sich Bierhoff auch für die Mannschaft "Wir müssen die Last, die Michael bisher getragen hat, jetzt auf mehrere Schultern verteilen", sagte der Teammanager. Vor allem müsse schnell die Betroffenheit raus aus den Köpfen. "Wir haben als Team einen wichtigen Spieler verloren, aber es kommen auch noch wichtige vom FC Bayern zu uns", sagte Bierhoff. Zwei Tage nach dem Champions-League-Finale stoßen sieben Spieler des FC Bayern zum DFB-Tross. Vielleicht sogar als Sieger. Die Münchner Delegation könnte die deutsche Mannschaft in Sachen Selbstvertrauen neu aufladen.

Derweil wurde versucht, sich anderweitig positive Impulse in den Kreis der Mannschaft zu holen. So diente gestern die neuseeländische Rugby-Legende Jonah Lomu, 35, als eine Art Gute-Laune-Bär. Eigentlich sollte der Hüne durch ein paar kleine Rugby-Übungen, die er in die Nachmittagseinheit einbaute, das Lachen zurückbringen. Doch Lomu hat auch eine Story zu erzählen, die gerade jetzt Gehör finden würde, dachten sich Bierhoff und Co. Denn kurz nachdem Lomu ins neuseeländische Nationalteam, die berühmten All Blacks, aufgenommen worden war, ging es 1995 zur WM nach Südafrika. Den All Blacks fielen der Kapitän und dessen Stellvertreter gleichzeitig aus – trotzdem schaffte es das Team bis ins Finale.

Rugby-Legende Jonah Lomu (l.) spricht, Arne Friedrich lauscht interessiert.
Rugby-Legende Jonah Lomu (l.) spricht, Arne Friedrich lauscht interessiert.Foto: ddp

Wie hakelig der Rückweg zur Normalität sein kann, beweist die Nachricht, die gestern die Mannschaft erreichte. Demnach prüft Ballacks Berater Michael Becker ein juristisches Vorgehen gegen Kevin-Prince Boateng. Das brutale Foul sei nicht nur "feige und hinterlistig" gewesen, "sondern offensichtlich auch vorsätzlich", wie es Becker sagte. "Wenn sein Vater öffentlich mitteilt, dass Boateng mit Ballack noch eine Rechnung offen hatte, dann bestätigt das die Vermutung, dass hier mit Verletzungsabsicht vorgegangen wurde." Tatsächlich ist nach der Aussage des Vaters von Boateng auch bei Ballack die Verärgerung über den Zwischenfall im englischen Cup-Finale noch einmal gewachsen. "Das ist für mich völlig unverständlich und unbegreiflich", sagte Ballack. Er bestritt auch, dass sich Boateng bereits auf dem Platz entschuldigt habe. "Das stimmt nicht", sagte er. "Ich habe keine Beziehung zu dem Spieler und weiß gar nicht, was in dessen Kopf vorgeht."

Dass mit Jerome Boateng der Halbbruder von Kevin-Prince im deutschen WM-Aufgebot steht, ist für die sportliche Leitung nicht von Belang. Löw und Bierhoff haben mit dem 21-Jährigen bereits gesprochen. Auch Ballack hat es gestern getan. "Die ganze Geschichte hat überhaupt nichts mit ihm zu tun", sagte Ballack. Und Joachim Löw? Der Bundestrainer bimste gestern mit seinem Defensivverbund vor allen Dingen die Basics des Zweikampfverhaltens: Wann muss attackiert werden, wann ist Abstand zum Gegner zu halten? Jeder der Spieler wurde von Löw kritisiert und korrigiert, auch Jerome Boateng. Es sah so aus, als sei es das Normalste der Welt.

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