Nationalmannschaft : Vordenker trifft Praktiker

Nach ihrem Streit scheinen Bundestrainer Joachim Löw und sein Kapitän Michael Ballack wieder zueinander zu finden.

Stefan Hermanns[Leipzig]
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Unverzichtbar. Michael Ballack.Foto: dpa

Es war ein verwirrend deutliches Bild, das die deutsche Fußball-Nationalelf dieser Tage in Leipzig abgegeben hat. Auf dem Trainingsplatz an der Egidius-Braun-Sportschule baute Hans-Dieter Flick, der Assistent von Bundestrainer Joachim Löw, eine komplizierte Versuchsanordnung auf. Exakt 46 Hütchen in den Signalfarben Gelb und Orange verteilte er auf dem Rasen. Zusammen ergaben sie nicht nur einen Parcours für die praktischen Übungen, sie fügten sich auch zu einem symbolischen Bild: Löw vertraut weiterhin dem Prinzip Hütchen. Man könnte auch sagen: Selbst in schwierigen Zeiten bleibt der Bundestrainer sich treu.

Zwei Heimniederlagen hintereinander hat sich die Nationalelf zuletzt zuschulden kommen lassen. Ihr Zustandekommen hat zwar noch nicht den nationalen Notstand ausgelöst, aber zumindest Zweifel an der Einstellung der Nationalspieler aufkommen lassen. Und was macht der Bundestrainer beim ersten Zusammentreffen danach, in den Tagen vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein am Samstag in Leipzig (20 Uhr, live im ZDF)? Hält flammende Reden ans Gewissen? Quält die Versager mit ausschweifenden Videoschulungen? Faltet die Spieler öffentlich zusammen? Nichts dergleichen. Joachim Löw hat einfach so getan, als wäre nichts passiert – und weiter an der Verfeinerung seiner taktischen Ideen gearbeitet. Pressing, Ordnung, Organisation waren die wichtigsten Lerninhalte in dieser Woche.

Das Thema Einstellung ist trotzdem nicht zu kurz gekommen. „Da muss jetzt eine Reaktion kommen, und die wird auch kommen.“ Hat Michael Ballack gesagt, der Kapitän. „Die Mannschaft ist heiß auf Wiedergutmachung.“ Ein unzulässiger Eingriff ins Fach des Bundestrainers? Oder willkommene Ergänzung? Über Ballacks Rolle in der Mannschaft wird schon seit dem Sommer diskutiert. Zum Teil hatte die Debatte derart heftige Verwerfungen ausgelöst, dass sogar der totale Bruch zwischen Bundestrainer und Kapitän möglich schien. In diesen Tagen aber schält sich heraus, wie das bilaterale Verhältnis wieder fruchtbar für alle Beteiligten werden könnte. Ballack, der Praktiker, positioniert sich als Korrektiv zum Vordenker Löw. Zu beiderseitigem Nutzen. „Michael Ballacks Auftritt in Leipzig ist vorbildlich“, sagt Löw, „er weiß, was von ihm erwartet wird, und setzt es vorbildlich um.“ Solche Worte lassen immer noch eine leichte Skepsis zurück, nach allem, was zwischen Löw und Ballack vorgefallen ist. Und vielleicht wird ihr Verhältnis nie mehr so werden, wie es vor dem Streit war. Aber wenn beide ihre Rollen finden, muss das kein Nachteil sein.

„Diese Spannung, die in jedem Team sein muss, ist überhaupt nicht negativ“, sagt Stürmer Mario Gomez. Die Nationalmannschaft benötigt Ballack, so wie er ist: nicht nur als immer noch konkurrenzlos guten Fußballer, sondern auch als manchmal unbequeme Leitfigur. „Wir brauchen Spieler, die Verantwortung übernehmen, nicht nur im Spiel“, sagt Ballack. „Ich bin Kapitän. Vorneweg gehen, reden, Zeichen setzen – das wird von mir verlangt.“

Trotzdem hat Miroslav Klose gerade öffentlich von Ballack gefordert, er müsse sich auch auf dem Platz mehr eingliedern. Seine Äußerung ist auf allgemeines Unverständnis gestoßen: bei Ballack sowieso, aber selbst bei dessen besonderem Spezi Oliver Bierhoff. Kloses Aussage sei sinnlos, teilte der Manager der Nationalelf in der gebotenen Kürze mit, und auch Mario Gomez sagt: „Man muss schon ziemlich verkehrt sein, wenn man mit Michael Ballack nicht klar kommt. Er ist jemand, der fürs Team denkt, der absolute Leader.“ Das liegt auch daran, dass es in der Mannschaft niemanden gibt, der Ballack diese Rolle streitig machen könnte. Im Kader für die beiden anstehenden WM-Qualifikationsspiele ist der Kapitän der einzige Feldspieler, der älter als 30 ist.

Die zweite Leitungsebene der Mannschaft mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Per Mertesacker ist zwar schon reich an Länderspielen, aber eher jung an Lebensjahren. „Sie müssen jetzt die nächste Stufe der Hierarchie erklimmen, das auch von sich fordern“, sagt Ballack. Aber dieser Prozess könne Monate, gar Jahre dauern. Und ob ein Spieler für eine tragende Rolle geeignet ist, zeige sich erst in schwierigen Momenten. „Die werden spätestens im Herbst kommen“, sagt Michael Ballack. Dann entscheidet sich beim Spiel in Russland, ob sich die Deutschen für die WM in Südafrika qualifizieren. Es ist zumindest nicht auszuschließen, dass die Nationalmannschaft Michael Ballack dann mehr denn je benötigt.

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