Niederlage gegen Norwegen : Der große Bruch

Das 0:1 gegen Norwegen zeigt: Die Nationalelf steckt mitten im Neuaufbau, kommt dabei aber nicht wirklich voran. Ohne Ballack und Frings geht es nicht - mit ihnen aber auch nicht.

Michael Rosentritt[Düsseldorf]
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Na, auch neu hier? Debütant Andreas Beck im Kreis der anderen Jungnationalspieler Serdar Tasci (Nummer 4), Marko Marin und Heiko...

Es war eine halbe Stunde gespielt, da stand Michael Ballack nach einer abgewehrten Chance der Norweger im Mittelkreis und spuckte plötzlich kräftig aus. Womöglich ahnte der Kapitän der deutschen Nationalelf, dass es hart werden würde. Sehr hart sogar. Als erfahrener Spieler entwickelt man relativ schnell ein untrügerisches Gespür dafür, wie ein Spiel laufen wird. Und vermutlich wird Michael Ballack, der Rückkehrer, der letzte große deutsche Spieler, daran gedacht haben, wie es wohl sein würde, wenn das Spiel gegen die Skifahrer-Nation vergeigt ist. Die Schande, das Geschrei des Boulevards, die Peinlichkeit. Ballack hat diesen Gedanken während des Spiels bewusst nicht zu Ende gedacht. „Wir haben keine gute Leistung gebracht, wir waren zu langsam und zu behäbig“, sagte er nach dem 0:1.

Zuletzt gab es 1956 zwei Heimniederlagen in Folge

In Düsseldorf hat die Mannschaft von Joachim Löw ein Kunststück von fast schon historischem Ausmaß fertiggebracht. Das letzte Mal, als eine deutsche Elf zwei Heimspiele hintereinander verloren hat, war der Bundestrainer noch nicht mal geboren. 1956 gab es Niederlagen gegen die Sowjetunion und die Schweiz. „Es hat heute an vielem gefehlt, vor allem aber am Tempo nach vorn. Die Norweger hatten alle Zeit der Welt, sich hinten reinzustellen. Wir waren einfach zu wenig inspirierend“, sagte Löw. Tatsächlich vermochte seine Elf es nicht, die Norweger mal unorganisiert in der Defensive zu erwischen und so in Verlegenheit zu bringen. „Wir werden die Lehren daraus ziehen, das kann ich Ihnen versprechen“, sagte Löw.

Jeder kann die Deutschen schlagen

Ganz ähnlich hatte sich der Bundestrainer bereits im vorigen November nach der 1:2-Niederlage gegen England in Berlin angehört. Auch damals hatte es die Mannschaft nicht mehr geschafft zu agieren. Hinterher hat es geheißen: Ohne Ballack und Frings geht es eben nicht. Was aber nun? Das 0:1 gegen eine bessere norwegische Behelfsmannschaft macht die ganze Angelegenheit sehr viel problematischer. Anscheinend geht es auch mit Ballack und Frings nicht mehr.

Es muss andere Gründe für den allgemeinen Leistungsabfall geben. Gründe, die schleunigst zu beheben sind. Denn während England lediglich offenbarte, dass die Deutschen zu schlagen sind, so hat Norwegen die Botschaft für die Welt auf unangenehmste Weise zugespitzt: Jetzt kann ja jeder Deutschland schlagen. Vielleicht liegt es daran, dass es mittlerweile ein beliebiges Deutschland geworden ist, das zuletzt auf den Rasen lief.

Frings' Spiel hatte fast tragische Züge

Vielleicht ist es noch nicht aufgefallen, aber die deutsche Nationalmannschaft befindet sich gerade in einem großen personellen Umbruch. Die Unsicherheiten beginnen schon im Tor, wo es keinen klaren Lehmann-Nachfolger gibt und der tüchtige René Adler, die gefühlte Nummer 1, kein Stück vorangekommen ist. Zudem ist die Innenverteidigung wackelig. Per Mertesacker scheint sich zu finden, aber wer soll sein Partner sein? Im Grunde genommen ist die derzeitige Mannschaft von einer großen Vakanz auf fast allen Positionen befallen. Insbesondere der im defensiven, zentralen Mittelfeld, der Königsposition des heutigen Spiels. Dort glaubte Torsten Frings einen Pakt für die Ewigkeit geschlossen zu haben. Zwar hatte der zuletzt von Löw verschmähte Bremer die meisten Ballkontakte aller Deutschen, nur fehlte es dem 32-Jährigen an Power, Ideen und Geschick. Sein Spiel hatte fast schon tragische Züge. Er hatte schon Schwierigkeiten bei der Ballkontrolle, leiste sich ein umständliches und fehlerhaftes Passspiel und bremste dadurch immer wieder den Spielaufbau der Deutschen aus seinem Zentrum heraus. Frings war die Vorhersehbarkeit in Person. Auf die Frage an Oliver Bierhoff, ob Frings seine Unverzichtbarkeit für die Mannschaft unter Beweis gestellt habe, antwortete der Manager: „Heute hat die keiner nachgewiesen.“

Verzichtbare Debüts von Beck und Özil

Der ebenfalls 32 Jahre alte Michael Ballack gewann dank seiner zeitlosen fußballerischen Qualität 90 Prozent seiner Zweikämpfe. Die wenigen verheißungsvollen Angriffe leitete er ein. Aber auch er litt unter der Bewegungsarmut der Stürmer sowie unter dem faden Spiel seiner Nebenleute, allen voran dem von Piotr Trochowski. Letzterer hatte selbst auf dem Weg zum Mannschaftsbus seine Ideenlosigkeit nicht abstreifen können. „Nach einem 0:1 gegen Norwegen kannst du nicht viel sagen“, sagte der Hamburger.

Nach den beiden blamablen Auftritten der Deutschen stellt sich vielen die Frage: Wer ist die Mannschaft? Die jungen Andreas Beck und Mesut Özil, die gegen Norwegen verzichtbare Debüts in der Nationalelf gaben, haben die Zahl der Löw-Neulinge auf 24 geschraubt. Qualitativ besser ist das Endprodukt nicht geworden. Auch das ist keine gute Leistung.

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