Niren Tolsi : "Wie ein repressiver Polizeistaat"

Niren Tolsi, Redakteur der südafrikanischen Wochenzeitung "Mail & Guardian", spricht im Interview über das drohende Aus des Gastgebers, die WM-Fankultur und die strengen Regeln der Fifa.

Niren Tolsi ist Redakteur der südafrikansichen Zeitung "Mail and Guardian" und einer der bekanntesten Sportreporter des Landes. Foto: Tim Jürgens
Niren Tolsi ist Redakteur der südafrikansichen Zeitung "Mail and Guardian" und einer der bekanntesten Sportreporter des Landes.Foto: Tim Jürgens

11FREUNDE: Niren Tolsi, nach der 0:3-Niederlage gegen Uruguay steht die Bafana Bafana vor dem Ausscheiden. Was bedeutet es für das Turnier?

NIREN TOLSI: Wer sagt denn, dass wir ausscheiden? Nach dem Spiel habe ich mit vielen Leuten gesprochen und nach den Momenten der Depression, kam unser südafrikanischer Optimismus zurück. Die Menschen haben die Bereitschaft nicht nur 12., sondern auch der 13. Mann des Teams zu sein. Wir müssen jetzt nur Frankreich schlagen…

11FREUNDE: Was aber, wenn die Mannschaft doch ausscheidet?

NIREN TOLSI: Natürlich hätte es einen Einfluss auf die Stimmung im Land – und die Wahrnehmung des Fußballs. Aber die Fans haben eine Reihe von anderen Teams, die sie dann unterstützen: Brasilien, Portugal, die afrikanischen Mannschaften.

11FREUNDE: In Asien wurde nach der WM 2002 ein Stadion aufgrund mangelnder Auslastung wieder abgerissen. Steht Südafrika nun ein ähnlicher Sündenfall bevor?

NIREN TOLSI: Klar ist: Es müssen sich nach dem Turnier Leute für Fußball interessieren und auch bereit sein, Spiele live anzuschauen. Momentan bin ich optimistisch, insbesondere durch den großen Zuspruch durch die weiße Bevölkerung. Ob es langfristig für ein Stadion mit 90.000 Plätzen wie Soccer City reicht, ist schwer zu sagen.

11FREUNDE: Was ist an diesem Turnier eigentlich typisch südafrikanisch?
NIREN TOLSI: Wer ausschließlich bei den Spielen ist, wird sehr wenig entdecken. Stadien sind Fifa-Territorium, dort ist kaum etwas wirklich südafrikanisch. Wer aber genau hinsieht bekommt mit, wie glücklich die Südafrikaner sind, dieses Ereignis hier zu haben. Wenn Sie im Land unterwegs sind, wird Ihnen mit Sicherheit auffallen, wie herzlich Sie empfangen werden.

11FREUNDE: Also Gastfreundschaft ist eine typische Eigenschaft.

NIREN TOLSI: Bestimmt. Aber Sie müssen wissen, dass diese Nation Jahrzehnte lang von der Welt isoliert war. Deshalb begreifen wir die WM auch als Möglichkeit, endlich von der Welt als Nation respektiert zu werden.

11FREUNDE: Das Turnier wird als afrikanische WM verkauft. Tritt der Kontinent wirklich als Einheit auf?

NIREN TOLSI: Das Spiel Ghana gegen Serbien war für mich höchst bemerkenswert. Denn ich hätte nie gedacht, dass die Stimmung so eindeutig auf Seiten von Ghana sein würde. Zwischen den südafrikanischen Fans und den ghanaischen hat es immer wieder Ärger gegeben. Ich verstehe es als kleines Zeichen, dass die Länder Afrikas allmählich erkennen, wie viele Gemeinsamkeiten sie haben. So gesehen muss auch die Vereinheitlichung durch die Fifa kein Makel sein. Durch die festen Vorgaben erkennt die Welt, dass wir gar nicht so anders sind als ihr. Die WM macht uns zu Weltbürgern.

11FREUNDE: Die WM-Stadien sind durch Polizei und Sicherheitsdienste hermetisch abgeriegelt. In Europa wurde immer wieder auf die schwierige Sicherheitslage in Südafrika hingewiesen, braucht das Turnier dennoch eine derartige Präsenz von Ordnungskräften?

NIREN TOLSI: Ich fühle mich derzeit wirklich unwohl, wenn ich zu den Stadien gehe. Es ist, als würden wir in einem repressiven Polizeistaat leben.

11FREUNDE: Anders gefragt: Müssten wir WM-Besucher sonst um unsere Sicherheit fürchten?

NIREN TOLSI: Sehen Sie es positiv. Auch das Polizeiaufgebot ist ein Teil unserer Gastfreundschaft. Wir wollen, dass Ihnen nichts passiert. Dahinter steckt letztlich eine positive Intention, denn kein Südafrikaner würde behaupten, dass Sie nachts in jedem Winkel des Landes sicher sind. Ein bisschen mehr Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein der Gesellschaft hätte es aber auch getan.

11FREUNDE: In Deutschland wurde vor der WM 2006 sehr hitzig über das Verschleudern von Steuergeldern für Fußballstadien diskutiert. Wie steht man in Südafrika den fünf Komplettneubauten gegenüber?

NIREN TOLSI: Viele Politiker vom linken Flügel und soziale Einrichtungen haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es woanders am Nötigsten fehlt, während wir uns für die WM rausputzen. Auch unsere Zeitungen hat darauf hingewiesen, dass einer Schule in Nelspruit die Waschräume fehlen, ein paar Kilometer weiter aber ein sündhaft teures Stadion ausgebaut wird. Aber unterm Strich lieben die Menschen den Fußball – und sie nehmen diese Dinge in Kauf. Auch Steuerausgaben von fast einer Milliarde Euro für Stadien.

11FREUNDE: Inwieweit profitieren die armen Leute von der WM?

NIREN TOLSI: Wenig. Eine Karte für das Stadion kann sich jedenfalls kein Bewohner eines Townships leisten. Die WM ist eine reine Veranstaltung für die Mittel- und Oberschicht. Daran hat es aber auch nie einen Zweifel gegeben.

11FREUNDE: In Europa wird diskutiert, ob die Vuvuzelas die Stimmung in den Stadien kaputt machen. Wie sehen Sie das?

NIREN TOLSI: Für schwarze Südafrikaner ist es ein traditionelles Instrument, mit dem sie schon seit 1940er Jahren ihre Mannschaft unterstützen. Allerdings beruhte die Wirkung des Instruments bislang auf dem Effekt, dass Fans rhythmisch und harmonisch darüber miteinander kommunizieren.

11FREUNDE: Können Sie das lautmalerisch beschreiben?

NIREN TOLSI: Beispielsweise gibt eine Gruppe ein kurzes Ba" vor und die andere antwortet mit einem groovigen "Baa-Baba-Baaa". Dieser Effekt ist bei der WM leider ein wenig verloren gegangen.

11FREUNDE: Inwiefern?

NIREN TOLSI: Beim Eröffnungsspiel in Soccer City hatte ich den Eindruck, dass es vielen nur darum ging, mit der Vuvuzela Lärm zu erzeugen. So lange sich das Match im Mittelfeld abspielte, erzeugten die Zuschauer nichts Musikalisches, sondern nur ein lärmiges Grundrauschen.

11FREUNDE: Haben Sie eine Erklärung dafür?

NIREN TOLSI: Die WM hat dafür gesorgt, dass die Mittelklasse angefangen hat, sich für Fußball zu interessieren. Schauen Sie in die Stadien, sehr viele Fans der Bafana Bafana sind weiß, aber das entspricht nicht dem Zuschauerquerschnitt bei Ligaspielen. Zu den regionalen Spielen in Johannesburg kommen sonst kaum Weiße.

11FREUNDE: Verkommt die Plastiktröte damit zur Fan-Folklore?

NIREN TOLSI: Ach nein, die Vuvuzela ist fester Bestandteil unserer Kultur. Sie hat ihren Ursprung im Kuduhorn und steht insofern auch als Symbol für Südafrika. Irgendwie auch schön, wenn die Welt sieht, dass es hier in den Stadien etwas anders läuft.

11FREUNDE: Können Sie erkennen, ob das gegenwärtige Getröte noch einen Effekt auf dem Spielfeld hinterlässt?

NIREN TOLSI: Die Vuvuzela ist eine aurale Waffe, die die Konzentration beeinträchtigen soll. Zumindest im weiten Rund von Soccer City hat der Lärm die Mexikaner bei Freistößen und Ecken derart beeindruckt, dass alle Möglichkeiten verpufften.

11FREUNDE: Überrascht es Sie, dass derzeit fast jedes Match vom Grundrauschen der Vuvuzela begleitet wird?

NIREN TOLSI: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sogar englische Fans, statt ihrer traditionellen Gesänge im Spiel gegen die USA zur Vuvuzela gegriffen haben. Mir kam es vor, als würden sie damit der hiesigen Kultur ihre Ehre erweisen wollen. Andererseits finde ich es schade, dass man bei dem Lärm gar nichts von den Gesängen der europäischen und südamerikanischen Fans hört. Das betrifft auch uns Südafrikaner, denn wir sind eine sehr musikalische Nation, wir tanzen und singen gerne. Wenn man dies aber aufgrund des dauernden Dröhnens gar nicht mitbekommt, geht ein wichtiger Teil des Fankultur verloren.

Das Interview führte Tim Jürgens.

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