Per Mertesacker : "Unsere Jugend kann ein Vorteil sein"

Per Mertesacker ist eine der Stützen der Nationalmannschaft. Hier spricht er über Stärken und Schwächen des WM-Kaders, den neuen Teamgeist nach Ballacks Verletzung und sein Bild von Afrika.

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Per Mertesacker, 25, ist mit 60 Länderspieler einer der erfahrensten Nationalspieler im Aufgebot von Bundestrainer Joachim Löw.
Per Mertesacker, 25, ist mit 60 Länderspieler einer der erfahrensten Nationalspieler im Aufgebot von Bundestrainer Joachim Löw.Foto: AFP

TAGESSPIEGEL: Herr Mertesacker, besondere Ergebnisse beschäftigen uns oft vorab im Unterbewusstsein: Träumen Sie schon von Afrika?

PER MERTESACKER: Träumen noch nicht, aber meine Gedanken wandern voraus. Ich habe Afrika noch nicht erlebt, ich habe auch bisher keine Auswärts-Weltmeisterschaft erlebt. Es gibt also ein paar Dinge, die dieses Ereignis für mich schmücken. Ich möchte nicht nur das Turnier spielen, sondern Afrika erspüren und erleben!

TAGESSPIEGEL: Wenn Sie die Augen schließen und an Afrika denken, was sehen Sie?

PER MERTESACKER: Afrika ist eine Unbekannte für mich. Andererseits weiß ich genau, und das ist durch gewisse Erfahrungen gesteuert, was mich in einzelnen Spielen erwarten wird. Momentan trage ich einen Zwiespalt in mir. Irgendwie versuche ich den aufzulösen, durch bestimmte Gedanken, die man mit Afrika verbindet.

TAGESSPIEGEL: Sind das Bilder oder Klänge?

PER MERTESACKER: Mehr Bilder, eindeutig. Wenn ich an Afrika denke, sehe ich Landschaften, gewaltige, großartige und geheimnisvolle Landschaften. Aber auch Tiere. Bei den Klängen fallen mir spontan nur die Tröten ein, die ich noch im Ohr habe.

TAGESSPIEGEL: Sie meinen die Kunststofftrompete Vuvuzuela. Haben Sie schon mal selbst in eine geblasen?

PER MERTESACKER: Nee, aber in ein Alphorn. Vor zwei Jahren in der Schweiz. War lustig.

TAGESSPIEGEL: Damals wurde die Nationalmannschaft EM-Zweiter, davor war sie WM-Dritter. Was braucht das Team, um diesmal noch erfolgreicher zu sein?

PER MERTESACKER: Das Wesentliche bei diesen Turnieren war, wie sich eine Mannschaft gefunden hat und wie eine Gemeinschaft gewachsen ist mit den Zuschauern. Grundvoraussetzungen dafür waren die Leistungen auf dem Platz und besondere Momente: dass man späte Tore erzielt hat und vielleicht auch glückliche Tore. Da kamen viele Dinge zusammen, die es gebraucht hat, um gerade in den K.-o.-Spielen weiterzukommen. Du kannst dich gut vorbereiten und viel dafür tun, aber du brauchst solche Momente, wo du eine Überzeugung in dir hast, dass du Tore erzielen und das Glück erzwingen kannst. Es muss fast schon perfekt laufen, damit wir noch erfolgreicher werden.

TAGESSPIEGEL: Sind Sie enttäuscht, dass Sie wohl nicht zum Kapitän ernannt werden?

PER MERTESACKER: Ich und traurig? Ich bin in all den Jahren gut damit gefahren, tiefes Vertrauen zu erfahren und es mit Leistungen zurückzuzahlen. Mir wird vertraut. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich bin sogar der Überzeugung, dass das wichtiger ist, als in irgendein Amt berufen zu werden, das mich erst einmal nicht weiterbringt.

TAGESSPIEGEL: Immerhin haben Sie die Rede im Namen der Mannschaft zum Abschied des verletzten Michael Ballack gehalten …

PER MERTESACKER: Das ging nur darum, sich zu bedanken bei Michael, der sich nicht vergraben hat mit seiner Verletzung. Das war gut so. Er hat der Mannschaft signalisiert, wie wichtig jeder Einzelne ist, dass aber Einzelschicksale wie seines letztlich keine Rolle spielen dürfen für ein Team vor der WM. Das war eine kleine Dankesrede, mehr nicht. Es geht darum, dass die Mannschaft wieder zusammenwächst. Jeder muss einen Schritt nach vorne rücken. Nicht nur ich, sondern mehrere Spieler.

TAGESSPIEGEL: Sie gehören der Generation an, die vor der WM 2006 in die Nationalmannschaft gekommen ist und diese seitdem prägt. Jetzt sind wieder viele junge Spieler dabei. Ist das vergleichbar?

PER MERTESACKER: Man spürt, dass jeder sehr gut aufgenommen wird. Ich finde gut, dass man der Sache auch ein bisschen freien Lauf lässt und die Unbekümmertheit, die die neuen Spieler mitbringen, auch fördert. Es gibt wieder diesen frischen Wind, den auch ich damals gespürt habe. Allerdings waren wir damals vier Spieler …

TAGESSPIEGEL: … Philipp Lahm, Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger und Sie …

PER MERTESACKER: … ja, wir haben auf einmal gespielt und sind schnell auf eine Vielzahl von Länderspielen gekommen. Der Unterschied zu heute ist vielleicht der, dass uns damals direkt gesagt wurde: Ihr vier, ihr spielt sofort. Jetzt gibt es wieder viele junge Spieler, aber ich weiß nicht, ob sie so ein dominantes Element für die Mannschaft werden können.

TAGESSPIEGEL: Die Öffentlichkeit sieht die Aussichten des Teams gewohnt kritisch, Sie dagegen wirken wie immer unerschütterlich.

PER MERTESACKER: Finden Sie? Es stimmt ja: Vor den letzten beiden Turnieren ist uns nicht so sehr viel zugetraut worden. Aber es liegt in meiner Natur, aus den Erregtheiten ringsum eine gewisse Entspanntheit mitzunehmen, die mir Stärke verleiht. Bei der WM war es allerdings eine sehr trotzige Entspanntheit, sogar ein bisschen zu trotzig, was meine Person anbelangt.

TAGESSPIEGEL: Sie sprechen jene Szene nach dem Polenspiel an, als Sie die Journalisten mit einer unschönen Geste verabschiedet haben …

PER MERTESACKER: Das war zu viel. Ich war sehr emotional, auch nach dem Spiel. Das ist gar nicht meine Art, so extrem zu reagieren auf die Schlagzeilen, die im Vorfeld liefen.

TAGESSPIEGEL: Der Mannschaft, auch Ihnen, war die WM-Tauglichkeit abgesprochen worden.

PER MERTESACKER: Wissen Sie, man darf dabei nicht seine Stärken und Überzeugungen verlieren.

TAGESSPIEGEL: Was macht Sie so sicher, dass dieses Team Großes vollbringen kann?

PER MERTESACKER: Dass Teile dieses Teams schon Turniere positiv bestritten haben. Das gibt Sicherheit. Andererseits haben wir jetzt Spieler, die unbekümmert reinkommen. Die Mannschaft hat viele Facetten. Und wenn sie diese stärkt und sie positiv einbringt, kann es nur erfolgreich sein.

TAGESSPIEGEL: Welche Facetten meinen Sie?

PER MERTESACKER: Ich hoffe, dass wir die Stärken ausspielen können, die mit der jungen Struktur des Kaders verbunden sind. In der Jugend ist man mit vollem Elan dabei, man möchte sich direkt in die Gruppe einbringen und Respekt verschaffen. Das kann eine positive Dynamik erzeugen. Vielleicht wird die Jugend noch zu einem großen Vorteil.

TAGESSPIEGEL: Und die fehlende Erfahrung?

PER MERTESACKER: Man wird sehen, wie wir die mangelnde Erfahrung kompensieren können. Aber ich gehe davon aus, dass wir eine Reihe von Spielern haben, die jetzt mehr Verantwortung übernehmen müssen. Das sollten wir anpacken.

TAGESSPIEGEL: Vor der WM 2006 hat Jürgen Klinsmann mit Ihren Eltern gesprochen. Sie haben das als starkes Zeichen verstanden. Müssten heute solche Gespräche geführt werden?

PER MERTESACKER: Vielleicht wollte das Trainerteam damals sehen: Was steckt dahinter im Hause Mertesacker? Was kann man erwarten? Als sie dann gesehen haben, dass meine Eltern und ich uns sehr ähnlich sind, dass sie sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen lassen, sondern selbst dem Bundestrainer völlig normal gegenübertreten, war das gut. Meine Eltern wussten, dass auf mich als sehr jungen Spieler sehr viel zukommen würde. Aber das ist dann halt so. Ich habe es mit Ruhe und Gelassenheit genommen. Am Ende des Gesprächs haben sich weder meine Eltern noch die Trainer Sorgen gemacht. Ob diese Gespräche heute noch laufen, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Mir haben sie gut getan, aber ich hatte sie – ehrlich gesagt – schon vergessen.

TAGESSPIEGEL: Wie viel vom Projekt WM 2006 steckt denn noch im aktuellen Team?

PER MERTESACKER: Ich finde, dass man diesen Geist von damals wieder aufleben lassen sollte. Es waren damals Kleinigkeiten, die aber für einen Moment ganz wichtig waren. Wir haben eine gewisse Sicherheit gespürt, eine Unbekümmertheit, aber auch eine Überzeugung, die einen nach vorn gebracht hat. Die Kleinigkeiten haben viel gebracht.

TAGESSPIEGEL: Welche Kleinigkeiten, und wie geht das?

PER MERTESACKER: Das geht einerseits viel übers Trainingsprogramm. Man erinnert sich: Genau die gleichen Übungen haben wir auch vor vier Jahren gemacht. Ich bin jetzt wieder voll in diesem Zug drin und weiß, da war ich topfit. Dadurch wird ein Geist geschaffen, nennen Sie es Überzeugung, Glaube! Wir sind wieder auf dem Weg dahin.

TAGESSPIEGEL: Und das alles ohne Michael Ballack. Kommt auf Sie jetzt die Aufgabe zu, das junge Team auszubalancieren?

PER MERTESACKER: Wir haben junge Spieler dabei, die richtig gut sind, die aber auch erst eine Saison auf hohem Niveau gespielt haben. Für einen jungen Spieler ist das nicht einfach. Er hat nach einer tollen Spielzeit viel Selbstvertrauen. Das ist gut, aber es bedarf auch Respekt vor Mitspielern, Trainern und Gegenspielern. Es ist wichtig, dass man auch gesagt bekommt, dass man ein guter Spieler ist. Aber gleichzeitig muss man noch viel dazu lernen wollen. Ganz oben steht für alle: Alles geben für das Team! Also nicht so sehr an sich denken, sondern an das, was dem Team hilft und was es braucht, damit es funktioniert, damit jeder Einzelne funktioniert.

TAGESSPIEGEL: Jetzt funktioniert noch nicht einmal die Abwehr. Die einzigen Konstanten sind Philipp Lahm und Sie. Kriegen Sie das hin?

PER MERTESACKER: Wir wollen das hinkriegen. Wichtig ist doch, dass jeder von uns die Aufgaben kennt, die die Positionen mit sich bringen. Da ist es noch gar nicht so wichtig, wer welche Position besetzt. Wichtiger ist, dass jedem klar ist, welche Aufgaben er da zu erfüllen hat und dass er das kann.

TAGESSPIEGEL: Würde es den Spielern mehr Sicherheit geben, wenn sie wüssten, dass sie spielen?

PER MERTESACKER: Das ist nicht die Frage, die sich derzeit stellt. Ich bin nicht davon überzeugt, dass es gut ist, wenn alles klar ist. Es fördert viel, dass jetzt noch vieles unklar ist.

TAGESSPIEGEL: Das müssen Sie uns erklären.

PER MERTESACKER: Vor der WM 2006 war auch nicht klar, wer Torwart wird oder wer in der Abwehr spielt, ob ich überhaupt spiele. Das war lange nicht klar. Das hat uns oft Kraft gegeben. Klar, auch Konkurrenzdruck. Ich denke aber, dass man es im Trainingsprozess jetzt langsam erkennen kann, wo die Schäfchen hingeführt werden. Für mich ist es aber kein Problem, dass es noch ein paar Fragezeichen gibt.

TAGESSPIEGEL: Welche Rolle spielt dabei der Torwart?

PER MERTESACKER: Der spielt immer eine große Rolle, weil er oft gefordert sein wird, nicht nur kommunikativ. Sondern mit seinen Paraden.

TAGESSPIEGEL: Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie an das Turnier in Südafrika denken?

PER MERTESACKER: Auf Momente, die 2006 entscheidend waren für die Entwicklung der Mannschaft. Dass man nach zwei Spielen schon sagen konnte: Yes, wir haben die Gruppenphase überstanden! Das ist so ein Moment, den man auch von Anfang an braucht. So ein Turnier kann schnell weitergehen, kann aber auch schnell vorbei sein. Es sind die Gefühle von 2006, die ich wieder erfahren möchte.

Das Gespräch führte Michael Rosentritt.

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