Portugal vor der WM : Überschätzt und überaltert

Portugal und Cristiano Ronaldo drohen schon in der Vorrunde der WM an Brasilien und der Elfenbeinküste zu scheitern.

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Real Madrid will Ronaldo
Cristiano Ronaldo.

Vor ein paar Wochen, es war in Kapstadt, da hat Carlos Dunga einen schönen Satz gesagt. Es ging dabei um die Gruppenauslosung zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika, wo es die Brasilianer mit ihrer alten Kolonialmacht Portugal zu tun haben werden. „Das ist ein Spiel zwischen Brasilien A und Brasilien B“, befand der brasilianische Nationaltrainer Dunga. Viele Kommentatoren haben dieses Aperçu als Beleg dafür genommen, dass diese Vorrundengruppe G mit den beiden Brasiliens wahrhaftig eine Mörderhammerwahnsinnstodesgruppe sein muss. Gleich zweimal der Rekordweltmeister! Dazu die von Didier Drogba angeführten Ballkünstler von der Elfenbeinküste! Und die Fußballsoldaten aus Nordkorea, bei ihnen denkt man unwillkürlich an 1966, als sie in der Vorrunde Italien nach Hause schickten, was für ein Außenseiter!

Überlagert aber wird alles von jenem Spiel am 25. Juni im Moses-Mabhida-Stadion von Durban. Brasilien gegen Portugal. Das hat es schon einmal gegeben, 1966 bei der WM in England, als Eusebios Portugiesen an der Liverpooler Anfield Road Pelés Brasilianer 3:1 schlugen und damit nach Hause schickten. Damals war Portugal eine aufstrebende Fußballmacht und Brasilien ein gesättigter zweifacher Weltmeister. Zustände, von denen sie zwischen Porto und Lissabon noch heute träumen.

Nach der Auslosung von Kapstadt ließ der portugiesische Trainer Carlos Queiroz alsbald verlauten, es möge doch bitte niemand von einem Duell zwischen Kaka und Cristiano Ronaldo schreiben, „da spielen zwei Länder gegeneinander“. Und: „Unsere Gruppe ist die schwerste dieser WM, hoffentlich sind wir schon qualifiziert, bevor wir gegen Brasilien spielen.“ Das wäre den Portugiesen in der Tat zu wünschen, denn sonst könnte es eng werden mit der Qualifikation fürs Achtelfinale. Portugals Ruf ist besser als das Spiel seiner Mannschaft. Trotz oder gerade wegen des Weltstars Cristiano Ronaldo, der in der Nationalmannschaft längst nicht so dominant und erfolgreich ist wie im Verein.

Ronaldo steht stellvertretend für den bescheidenen Eindruck, den die Portugiesen zuletzt hinterlassen haben. Beim Scheitern im Viertelfinale der Europameisterschaft 2008 gegen Deutschland kam er nicht einmal an einem mittelmäßigen Bundesligaspieler namens Arne Friedrich vorbei. In der folgenden Qualifikation für Südafrika gelang dem besten Stürmer der Welt kein einziges Tor. Ronaldo stand in jener Mannschaft, die zu Hause kein Tor gegen Albanien schaffte, die beim Rückspiel in Tirana durch ein Siegtor in der Nachspielzeit ihre WM- Chance wahrte und nur über einen Kraftakt mit drei Siegen in den letzten drei Gruppenspielen noch auf Platz zwei hinter den souveränen Dänen rutschte. Ihre beste Leistung zeigten die Portugiesen in den beiden Play-off-Spielen gegen Bosnien-Herzegowina, als Ronaldo verletzt fehlte.

Portugals Mannschaft ist genauso überschätzt wie überaltert. Die Stammkräfte Deco, Liedson, Nuno Gomes, Simao, Ricardo Carvalho und Paulo Ferreira haben die Dreißig längst überschritten. In der Heimat wächst wenig nach. Nani, nach Cristiano Ronaldo die größte Begabung im Angriff, sitzt bei Manchester United meist auf der Bank. Und die heimische Liga wird mittlerweile so stark von ausländischen Profis dominiert, dass die portugiesische Spielergewerkschaft schon Alarm schlug und mit Streiks drohte. Frühere Weltstars wie Luis Figo, Manuel Rui Costa, Fernando Couto und Joao Pinto stehen hinter den Protesten.

Die mangelhafte Nachwuchspflege der vergangenen Jahre schlägt durch bis in die Nationalmannschaft, die ohne Importe aus dem Ausland vielleicht schon gar nicht mehr auf höchstem Niveau konkurrenzfähig wäre. Liedson, der Torjäger von Sporting Lissabon, erhielt seinen portugiesischen Pass vor ein paar Monaten im frischen Alter von 31 Jahren. Seine Sozialisation als Fußballspieler hat er wie der Innenverteidiger Pepe und der Mittelfeldstratege Deco nicht in Portugal erfahren, sondern in Brasilien. Beim letzten WM- Qualifikationsspiel in Bosnien-Herzegowina bestand die portugiesische Nationalmannschaft zu einem Viertel aus gebürtigen Brasilianern.

So übrigens hat Carlos Dunga das auch gemeint, als er bei der WM-Auslosung in Kapstadt über Brasilien A und Brasilien B philosophierte.

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