Professor Siegmar Schmidt : ''In Südafrika ist Sport politisch''

Siegmar Schmidt ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau. Er hat lange in Südafrika gelebt und geforscht. Im Interview spricht er über die Bedeutung der WM für Südafrika.

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Foto: promo

Herr Schmidt, die Auslosung zur Fußball-WM findet heute in Südafrika statt. Was bedeutet die Weltmeisterschaft für das Land?



Wenn diese Weltmeisterschaft gelingt, ohne Skandale und die befürchtete Gewalt, ist das eine Chance, die nationale Identität zu stärken. Gerade das erhoffen sich die Südafrikaner auch von der WM. Sport war in Südafrika immer eine politische Angelegenheit, auch die Hautfarbe spielt eine große Rolle. Bestimmte Sportarten werden nur von bestimmten Bevölkerungsgruppen betrieben. Fußball etwa ist in erster Linie der Sport der Schwarzen, auch nach dem Ende der Apartheid. Wenn die WM gut läuft, werden alle Südafrikaner stolz auf ihre Nation sein.

Sie hoffen, dass sich die Menschen eher als Südafrikaner fühlen und nicht als Mitglied einer bestimmten ethnischen Gruppe.

Ja. Bis heute ist im Land unvergessen, dass Nelson Mandela den Springboks, dem südafrikanischen Rugby-Team, 1995 zum Gewinn der Weltmeisterschaft gratuliert hat. Mandela trug dabei ein Springboks-Trikot. Rugby ist in Südafrika der Sport der Weißen. Mandelas Gratulation wurde daher als Versöhnungsgeste interpretiert. Für die Südafrikaner war das ein unglaublich wichtiger Moment. Ich könnte mir das für den Fußball genauso vorstellen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen hingegen werden womöglich überschätzt. Ökonomen gehen von einem halben bis zu einem Prozent zusätzlichem Wachstum aus. Dagegen müssen die Kosten der WM gerechnet werden.

Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zeigt, dass nur 45 Prozent der befragten südafrikanischen Unternehmen mit einer "WM-Dividende" rechnen.


Ich glaube, der Optimismus wird sich noch einstellen. Wichtig ist die Frage der Buchungen. Bislang weiß man noch nicht, wie viele Besucher tatsächlich kommen werden.

Was bedeutet die WM für die Tourismusindustrie im Land?


Der Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Dieser Zweig ist aber auch sehr vom Image des Landes abhängig. Und das ist zurzeit eben noch stark mit der hohen Kriminalität verbunden. Da könnte die WM hilfreich sein, sie rückt das Land unter anderen Aspekten in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Wird auch die ärmere Bevölkerung von den wirtschaftlichen WM-Effekten profitieren?

Die ärmere Bevölkerung und das ganze Land profitieren davon, dass durch die WM massiv in die Infrastruktur investiert wird. Man kann darüber streiten, ob die Stadien langfristig gebraucht werden. Aber unbestritten ist, dass das Land eine bessere Verkehrsinfrastruktur braucht. Die Verkehrssituation um Johannesburg etwa ist einfach katastrophal. Es gibt auch eine Menge anderer Begleitmaßnahmen.

Welche sind das?

Einige lokale Bürgerinitiativen haben zum Beispiel die Stadionbauten ausgenutzt und die Medienöffentlichkeit auf gravierende Mängel in ihren Communities gelenkt. Wenn Geld für ein Stadion da ist, so das Argument, müsste doch auch Geld für eine Schule da sein. In manchen Fällen wurde dann tatsächlich beides gebaut. Die Regierung hatte, da sie unter enormem Zeitdruck steht, kaum eine andere Wahl, als auf die Forderungen einzugehen. Auch die Gewerkschaften konnten so Erfolge feiern, etwa als im Juli die Arbeiter auf den Stadionbaustellen gestreikt haben.

Die ersten freien Wahlen, an denen alle Südafrikaner teilnehmen konnten, liegen nun 15 Jahre zurück. Wie durchlässig ist die Gesellschaft inzwischen?

Die Hautfarbe spielt in vielen Bereichen immer noch eine Rolle. Für die Bildung hat zwar das Verfassungsgericht Gleichheit hergestellt, Hürden wie Sprachtests in Afrikaans wurden beseitigt. Auf schwarzer Seite gibt es aber noch enormen Nachholbedarf, Schulen und Universitäten haben große Probleme, qualifizierte Absolventen hervorzubringen. Gleichzeitig hat die Politik zur Förderung der Gleichstellung Schwarzer auf der weißen Seite zu hoher Frustration geführt, die Auswanderungsquote ist wohl hoch, wenn sie auch nirgends dokumentiert ist. Beides führt dazu, dass Wirtschaft und Wissenschaft in Südafrika hinter ihren Möglichkeiten zurückliegen. Dabei stünden die Mittel eigentlich zur Verfügung.

Wirkt die Tatsache, dass die WM in Südafrika stattfindet, auch in andere afrikanische Länder hinein?

Konkurriert um die WM haben mit Südafrika vor allem nordafrikanische Länder. Aus dieser Perspektive wird der Zuschlag für das Land am Kap in den Staaten des südlichen Afrika als Erfolg wahrgenommen. Gleichzeitig herrscht aber in diesen Ländern auch immer die Angst vor dem Hegemon Südafrika. In den einzelnen Ländern ist die Identifikation mit der WM daher sehr unterschiedlich stark ausgeprägt.

Was ist denn ihre Prognose, wie das Fußballfest ablaufen wird.

Ich bin optimistisch und vertraue auf das Organisationstalent der Südafrikaner und ihrer Berater.

Das Gespräch führte Anna Sauerbrey.

In einem speziellen Live-Ticker können Sie, liebe Leser, die WM-Gruppen-Auslosung am heutigen Freitagabend ab 17.45 Uhr auf unserer WM-Sonderseite 
www.tagesspiegel.de/wm2010 verfolgen. Viel Spaß!

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