Public Viewing im Osten : Tokio hat Schwein gehabt

Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt hat das WM-Auftaktspiel der deutschen Mannschaft am frühen Morgen in Tokio verfolgt. Hier hat er aufgeschrieben und bebildert, was er dabei erlebte.

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Ein Japaner mit Deutschland-Schal in Tokio? Alles ist möglich.
Ein Japaner mit Deutschland-Schal in Tokio? Alles ist möglich.Foto: Lorenz Maroldt

„Schwein!“, brüllt der japanische Fernsehreporter gegen den Vuvuzelaschwarm an, „Schwein!“, und noch mal: „Schwein!“ Am Bildschirmrand werden dazu japanische Schriftzeichen eingeblendet, und darüber ist zu sehen, wie sich Bastian Schweinsteiger gerade mit eleganter Drehung einen bissigen Australier vom Leib hält.

Es ist kurz vor vier an diesem Montagmorgen in Tokio, Klose hat soeben das 2:0 gemacht, draußen auf den Straßen rund um die U-Bahnstation Roppongi schwillt erst langsam der Verkehr an, aber hier drinnen, im Club Feria, tobt die deutsch-japanische Freundschaft.

Beste WM-Stimmung im im Club Feria.
Beste WM-Stimmung im im Club Feria.Foto: Lorenz Maroldt

Yasutoshi Ito, der kaum ein Wort Deutsch kann, jedenfalls ist nichts zu verstehen, wirbelt mit seinem Deutschlandschal herum; ein anderer, im Podolski-Trikot, springt immer wieder hoch und merkt gar nicht, dass er sein halbes Becks verschüttet; 800 Yen kostet die Flasche, fast acht Euro also. „Schwein!“ ruft er, wie der Reporter, lächelt glückselig und umarmt ein japanisches Mädchen mit schwarz-rot-goldenen Streifen auf beiden Wangen.

Eine große Leinwand für den Beamer gibt es im Feria, dazu in jeder Ecke Fernseher, auch im dunkelroten Separee. Die Boxen sind gigantisch, und wo eben noch die Vuvuzelas brummten, dröhnen jetzt die Sportfreunde Stiller: Halbzeit. Auf dem Bildschirm analysiert die japanische Version von Dellingnetzer die ersten 45 Minuten; der DJ, ein Deutscher, würgt die Sportfreunde ab und gibt den TV-Ton wieder frei, Dellingnetzer-san ruft gerade „Schwein!, Schwein!“ Die Japaner im Feria nicken einander zu.

Deutschland trifft und Japan dreht durch.
Deutschland trifft und Japan dreht durch.Foto: Lorenz Maroldt

Ein paar Langnasen sind auch gekommen, Studenten, Angestellte, die einzweidrei Jahre in Tokio verbringen, dazu eine Delegation der Lufthansa, die nur ein einzweidrei Tage hier ist. Der Vertriebsleiter ordert eine neue Runde Becks, die Barfrau strahlt und macht wieder zehn dicke Striche, noch mal 8000 Yen; 4:0 steht es inzwischen, und Yasutoshi Ito möchte jetzt mal dringend fotografiert werden, das Bild bitte mailen, gleich muss er los. „Schwein!“ ruft er, und hält noch mal seinen Schal hoch.

Ein paar Langnasen sind auch gekommen, zum Beispiel Lorenz Maroldt vom Tagesspiegel aus Berlin.
Ein paar Langnasen sind auch gekommen, zum Beispiel Lorenz Maroldt vom Tagesspiegel aus Berlin.Foto: Lorenz Maroldt

Abpfiff in Durban, Abpfiff in Tokio. Drei betrunkene Australierinnen schimpfen ein bisschen an der Bar herum, es war ihnen wohl zu teuer. Ein paar Minuten später sind alle draußen, es ist schon hell in Tokio und voll, die Deutschlandtrikots verlieren sich im Berufsverkehr. Am Freitag kommen sie wieder, perfekte Zeit diesmal, ein Nachmittagsspiel. 20.30 geht’s los.

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