Reise nach Südafrika : Zehn Tonnen Übergepäck

Tagesspiegel-WM-Reporter André Görke hat Zeugwart Thomas Mai getroffen. Der fliegt der deutschen Nationalmannschaft schon einmal voraus nach Südafrika – unter anderem mit einer kompletten Sauna.

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Herr der Spinde. Thomas Mai sorgt dafür, dass jeder Spieler die richtigen Stutzen, Trikots und Schuhe bekommt.
Herr der Spinde. Thomas Mai sorgt dafür, dass jeder Spieler die richtigen Stutzen, Trikots und Schuhe bekommt.Foto: ddp

So ein Reisekoffer muss sorgfältig gepackt sein. Badehose, Zahnbürste, Socken? Darüber können sie beim Deutschen Fußball-Bund nur müde lächeln. In der DFB-Reisezentrale schnüren sie für die WM in Südafrika ganz andere Pakete. Vor einigen Tagen ist im Vorgarten des WM-Hotels südlich von Pretoria ein Container eingetroffen. Von Bremerhaven ging er per Schiff in die südafrikanische Hafenstadt Durban und von dort aus im Lkw ins 600 Kilometer entfernte WM-Quartier Hotel Velmore. Der Inhalt: eine Sauna mit Eisbad aus Schwäbisch Hall, in dem 15 Fußballer ein Plätzchen finden. Kosten: 100 000 Euro.

Dazu wurden Fernseher, Fitnessgeräte und Tischtennisplatten nach Südafrika geschafft. Zehn Tonnen Gepäck nimmt der DFB nach Südafrika mit. Und um das Wichtigste kümmert sich Thomas Mai, 44. Er ist seit 1992 als Zeugwart für das Teamgepäck verantwortlich. „Ich war schon bei vielen Weltmeisterschaften“, sagt Mai. „Aber Winterjacken musste ich noch nie einpacken.“

In Südafrika ist während der WM nun mal Winter, nachts wird Bodenfrost erwartet, es kann windig und nass werden und am Tag plötzlich wieder sonnig-warm. Mai musste drei Kollektionen mitnehmen: je eine für Sommer und Winter und Frühling. Das alles wird in Aluminiumkisten verpackt – abschließbare, damit auf den Flughäfen nicht auf einmal die Trikots in den Kisten fehlen, sagt Mai, „darauf wurden wir vor der WM extra hingewiesen“. Für jedes WM-Spiel plant Mai zwei Trikotsätze ein. Hinzu kommen Aufwärmshirts, Freizeithemden, Ausgeh-Anzüge, Trainingskleidung und all die Sachen für das große Trainer- und Betreuerteam, die das Design (und die Sponsorenlogos) des DFB tragen müssen. Von Wintermützen bis zu Badelatschen. „Ich bin so was wie der Herbergsvater“, sagt Mai.

Der gebürtige Sachse ist als Erster in der Kabine und legt Stutzen, Schuhe, Handtücher bereit; beim Training stellt er die Flaschen und Hütchen an die Seitenlinie und achtet darauf, dass die Netze mit den 36 Bällen da sind. Und im Hotel müssen die Spieler ihre dreckige Wäsche nur auf den Flur vor ihrem Zimmer werfen, Mai tauscht sie gegen frische aus. „Ich bin penibel, was Sauberkeit angeht. Aber ich habe keinen Ekel, sonst wäre ich ja im falschen Job“, sagt er. „Die Klamotten sind ja nicht so verschmutzt wie bei einer Jugendmannschaft, die auf einem Hartplatz spielt.“

Thomas Mai kann viele Fußball-Geschichten erzählen, aber die vielleicht schönste Geschichte schreibt er selbst: Er ist in Chemnitz geboren, als es noch Karl-Marx-Stadt hieß, und reiste als DDR-Bürger immer zum DFB-Team, wenn es in Sofia oder Bukarest spielte. Mit seinen Mitreisenden wurde er schon im Hotel erwartet. „Beim DFB hatten sie ein Karteikästchen mit Namen von Fans aus dem Osten, da steckte ein Kuvert drin mit Eintrittskarte und dem neuesten Mannschaftsfoto. Bei der Einreise in die DDR haben die Grenzer mich natürlich ganz schön auseinandergenommen. Aber ich bin auf den Trichter gekommen, mir die Sachen einfach per Post zu schicken. Und das DFB-Trikot, das mir geschenkt wurde, hatte ich unterm Pullover versteckt.“

Nach dem Mauerfall arbeitete er als Chauffeur beim Fußballkongress in Leipzig, wo sich Ost- und Westverband zusammentaten, und fuhr den damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun spazieren. Sie redeten lange, man wolle in Kontakt bleiben, und drei Wochen später kam ein Anruf aus Frankfurt am Main. Er musste zum Vorstellungsgespräch in die DFB-Zentrale – und bekam den Job. Sie kannten ihn ja schon seit Jahren, den Fan aus dem Land, das es zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr gab. Und jetzt ist er in Südafrika. Wie die Sauna und die Fernseher ist auch Thomas Mai schon lange vor der Mannschaft im Hotel Velmore eingetroffen. Er muss die vielen Aluminiumkisten auspacken. Wann er mal ausspannen kann? Thomas Mai lacht. „Frei habe ich, wenn die Jungs spielen.“

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