Russland : Der Präsident putzt die Schuhe

Während Slowenien die WM-Qualifikation feiert, ist die Zukunft von Trainer Hiddink in Russland offen.

Dominik Bardow

BerlinNach Robert Enkes Tod hatten sich viele Medien mehr Zurückhaltung in der Sportberichterstattung vorgenommen – bis Russland hat sich das anscheinend noch nicht herumgesprochen. „Selbstmord!“, titelte die Moskauer Zeitung „Sport Express“ am Tag nach dem 0:1 in Slowenien, das die Russen die WM-Teilnahme kostetete. Die Sportzeitung gab den Spielern die Schuld an einer Serie „unerklärlicher Fehler und Konzentrationsmängel“ in Hin- und Rückspiel.

Slowenische Zeitungen schrieben hingegen von einem „Herz, größer als Russland“, ein Kolumnist der Zeitung „Delo“ dankte der slowenischen Mannschaft dafür, „zu tun, was sonst niemand konnte: Slowenien zu einigen und dieser Generation Selbstvertrauen zu geben“.

Der Ministerpräsident des Landes, Borut Pahor, machte nach dem Sieg sein Versprechen war und putzte in der Kabine die Schuhe des gesamten Teams. Die Zeitung „Dnevnik“ schrieb, das Team reise „mit sauberen Stollen nach Südafrika“. Russlands Präsident Dmitri Medwedew kam ebenfalls in die Spielerkabine, ohne das Team jedoch von seinem Frust erlösen zu können, durch das 0:1 des Bochumer Bundesligastürmers Zlatko Dedic nicht zur WM nach Südafrika fahren zu dürfen.

Guus Hiddink, der als Trainer seine vierte WM-Teilnahme in Folge verpasste, hatte Schwierigkeiten, die Niederlage zu akzeptieren. Sloweniens Trainer Matjaz Kek klagte, Hiddink habe ihm nach dem Spiel den Handschlag verweigert, danach schwänzte der Holländer die Pressekonferenz. Russischen Reportern gegenüber sagte der 63-Jährige nach dem Spiel, die slowenische Ersatzbank habe Juri Schirkow mit Zeitspiel provoziert, daher habe dieser einen Slowenen geschubst. Der Außenverteidiger hatte in der Nachspielzeit Gelb-Rot gesehen. Obwohl der norwegische Schiedsrichter Hauge auch Stürmer Kerschakow Rot wegen einer Tätlichkeit gab, suchte Hiddink die Schuld nicht beim Unparteiischen und trauerte lieber den vergebenen Chancen aus Hin- und Rückspiel hinterher.

In der russischen Presse wird nun bereits spekuliert, Hiddink werde seinen im Juli 2010 auslaufenden Vertrag als Nationaltrainer nicht verlängern. „Ich muss in den nächsten Monaten darüber nachdenken“, wird Hiddink zitiert. Sowohl vor dem Spiel gegen Deutschland im Oktober als auch vor den Play-off-Spielen habe ihm der Verband eine Verlängerung angeboten. „Im Dezember, Januar oder Februar werden wir zu einer Entscheidung kommen“, sagt Hiddink nun.

Derweil kam die Zeitung „Sport Express“ zu einer anderen Entscheidung: Im Laufe des Donnerstags änderte sie auf ihrer Webseite die geschmacklose Überschrift von „Selbstmord“ dann lieber doch in „Ohne uns“.

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