Staubige Berichterstattung : Live aus dem Serengeti-Park Hodenhagen

30.06.2010 15:55 UhrVon Dirk Gieselmann
Sie ist der Dieter Kronzucker der im Sterben liegenden Auslandskorrespondenz: Franziska van Almsick. Foto: swr
Sie ist der Dieter Kronzucker der im Sterben liegenden Auslandskorrespondenz: Franziska van Almsick. - Foto: swr

Meine Damen und Herren, liebe Neger! Die Reisereportagen, die die Sender zwischen die WM-Spiele streuen, atmen die muffige Luft des Spätkolonialismus. Wann schalten wir ab?

Afrika: Sonne, Sand, Giraffen. Jeeps, die den Giraffen hinterher fahren. In den Jeeps: Weiße Frauen mit betroffenem Gesichtsausdruck. Und schwarze Ranger, die wissen, wo die Giraffen sich aufhalten. Die weißen Frauen wollen verstehen. Oh, geheimnisvolles Afrika!

Wir kennen das aus den Tagen nach Weihnachten, wenn im ZDF das „Traumschiff“ wieder ablegt und zu fernen Gestaden aufbricht. Fern – und doch so nah. Denn mit dem Gänsebraten im Bauch ist uns nicht nach einem Telekolleg in Anthropologie zumute. Wie die Menschen in den Zielländern des öffentlich-rechtlichen Luxusliners wirklich leben – wer will das schon so genau wissen? Und deshalb ist stets ein Ensemble mit an Bord, das in der Lage ist, das deutsche Theater überall in der Welt aufzuführen.

Es ist im Grunde egal, dass sich das Ganze auf einem Schiff abspielt, es könnte auch in einer Klinik oder einem Forsthaus sein: erwachende Liebe, zerbrechende Liebe, gekittete Liebe. Das Erstaunliche ist, dass das Traumschiff nicht strandet, so seicht sind die Gewässer, in denen es herumtuckert. Wenn es absichtsvoll dann doch mal anlegt, pausiert die Liebe für einige Minuten, und wir sehen jene Bilder: Giraffen, Jeeps, betroffene Gesichtsausdrucksfrauen, gebatikte Tücher wehen im Fahrtwind. Und ein sensibler Hubschrauberpilot fliegt so nah heran, dass man die Tränen in den Augen der Giraffen sieht.

Mit dem gleichen ästhetischen Konzept sind die Sender nun zur WM nach Südafrika ausgerückt. Die Frau im Jeep ist diesmal Franziska van Almsick, die früher mal „Franzi“ hieß und als schwimmender Frechdachs in Deutschland weltberühmt war. Sie jeept durch Wildtierreservate, sie jeept in Hüttendörfer, in Townships, sie jeept zu denen, die in Südafrika wohnen – den Südafrikanern. Dass ihr das Wort „Ureinwohner“ noch nicht über die Lippen gekommen ist, muss erstaunen: Denn so scheint sie die Arglosen zu sehen, die sie überfallartig besucht. Das sind die, die hier waren, bevor sie kam. Fernsehkolonialismus, von unseren Gebühren getragen.

Van Almsick, dieser Dieter Kronzucker der im Sterben liegenden Auslandskorrespondenz, kann, wiewohl ihr jede Fachausbildung fehlt, eines ganz gut: die Mimik anpassen. Sie wählt dabei zwischen zwei Stufen. Stufe 1: Mitleidsfalten, wenn jemand sich keinen Plasmabildschirm leisten kann. Stufe 2: Der „Schön, bei euch zu sein“-Blick, wenn die „Menschen“, wie sie sie mit maximaler Einfühlsamkeit nennt, fließend Wasser und einigermaßen gute Laune haben.

Wird etwas aber zu komplex (also mindestens drei verschiedene Gefühlszustände), reicht das Mienenspiel der Laienreporterin nicht mehr aus. Dann muss Sven Kaulbars ran. Der „Storymacher“, wie die ARD ihn vollmundig nennt, ist der Mann fürs ganz große Afrika-Kino. Er hat sich offenbar allzu intensiv mit Schnittprogrammen befasst und collagiert nun zügellos angebliche Voodoo-Priester mit Trainingseinheiten in Velmore. Einziges Manko: Es ist nicht verstehbar, was diese mit sinnentleerten Formeln aus dem Off („Löööööööööw!“) unterlegten Filmchen sagen wollen. Was man immerhin mitnimmt: Kaulbars hat sein inneres Afrika gefunden. Dazu Glückwunsch.

Kaulbarsens Gebrauchslyrik, Franzis Gehversuche – wer die WM am Fernseher verfolgt, dem wird ein Bild von Afrika präsentiert, das mit Afrika weniger zu tun hat als mit dem Serengeti-Park Hodenhagen. Und wo Afrika sich weigert, wie Afrika auszusehen, wird es kurzerhand dazu gemacht. Nageln wir einfach ein Leopardenfell aus dem Möbelmarkt davor, und der Breitner zieht sein Mandela-Hemd an! Wakkawakka, es ist schließlich time for Africa.

Dass der Folklore-Schrott gesendet wird, ist das eine. Dass ihn sich jemand reinzieht, das andere. Wir sind von dieser Zielgruppe umzingelt. Menschen, die bei „Die weiße Massai“ weinen, die vom „Traumschiff“ aus die Welt entdecken wollen. Sie wollen verstehen. Wo ist der Eisberg, wenn man ihn braucht?

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