Südafrika : So schwer und doch so leicht

Die Menschen in Südafrika hoffen, dass die WM ihrem Land einen Schub gibt – in vielerlei Hinsicht.

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Bohrmaschinen kreischen, Presslufthammer rattern, Staub wirbelt durch das Foyer der Ankunftshalle am Flughafen von Kapstadt. Vor dem Gebäude dampft eine frisch gelegte Teerdecke, gleich nebenan wächst ein mächtiges Parkhaus in den blauen Himmel. „Get ready for 2010“ prangt in dicken Lettern auf einer Tafel an der Flughafenausfahrt. Gleich daneben steht eine Zahl, die täglich kleiner wird und gerade auf 190 gefallen ist: Der Countdown zählt die Tage bis zur Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft am 11. Juni 2010.

Ein halbes Jahr vor dem Eröffnungsspiel wimmelt die Metropole vor Baustellen. Die größte liegt 30 Kilometer vom Flughafen entfernt auf dem Green Point Common, einem mit Sportplätzen gefüllten Grün zwischen der Atlantikküste und der nahe gelegenen City. Selbst vom mehr als 1000 Meter hohen Tafelberg ist die architektonische Perle, die inzwischen die Kulisse der Stadt mitprägt, nicht zu übersehen: das neue, 400 Millionen Euro teure WM-Stadion von Kapstadt.

Ein junger Mann, dem die Begeisterung über seinen Job im Gesicht steht, erklärt die elegante Konstruktion. Seit drei Jahren leitet Robert Hormes die Bauarbeiten an dem von ihm entworfenen Stadion für das deutsche Architektenbüro gmp. Der 35-Jährige gehört zu einer Reihe von Deutschen, die direkt am Bau des Stadions beteiligt waren. Nicht weit vom künftigen Haupteingang der Arena entfernt residierte bis vor kurzem in einem schmucklosen Container auch Christian Schlögl vom Memminger Familienunternehmen Pfeifer. Fast zwei Jahre lang hat Schlögl von dort die Montage des hochmodernen Flachdachs und der 11000 Scheiben überwacht, die vom Glasbaubetrieb Gipser aus Halle angeliefert und installiert wurden. „Mit 38000 Quadratmetern Fläche haben wir weltweit das größte Glasdach auf ein Stadion gesetzt“, sagt Geschäftsführer Michael Gipser, der anfangs wohl leise Zweifel an der pünktlichen Umsetzung des Projekts gehegt haben dürfte.

Für die verantwortlichen Firmen war es nicht immer leicht, die benötigten Arbeitskräfte zu finden. „In Deutschland hat man es mit Menschen zu tun, die mindestens einen Gesellenbrief und ein paar Jahre Erfahrung mitbringen, hier sind sehr viele ungelernte Kräfte am Werk“, sagt Hormes. Wegen der vielen schlecht ausgebildeten Arbeiter richteten die Baufirmen spezielle Trainingscamps ein und schulten die Leute in Schnellkursen für spezielle Jobs. Damit wurde ein Pool an Fachkräften geschaffen, von dem Südafrika nach der WM zehren wird.

Für Pfeifer hat sich das Großereignis schon lange vor dem Anpfiff gelohnt: Mit einem Auftragsvolumen von rund 42 Millionen Euro gehört das Kapstädter Dach zu den größten Projekten der mehr als 400-jährigen Firmengeschichte. In die gleiche Kategorie fällt auch das fast noch imposantere Stadiondach in der Hafenstadt Durban, das wegen des 340 Meter langen Bogens über der Arena als das schwierigste unter den WM-Stadien gilt. Einige Experten glauben sogar, dass sich die Konstruktion an der Grenze des technisch Machbaren bewege. Die vorgefertigten Teile durften höchstens Abweichungen im Millimeterbereich aufweisen.

Auch Durban gleicht – wie der Rest des Landes – einer einzigen Baustelle. Der gesamte Strand der Ferienstadt ist aufgerissen und kaum begehbar; dabei haben gerade die großen Ferien begonnen. Straßen und Hotels, Flughäfen und Stadien – Südafrika saniert zurzeit einen Großteil seiner maroden Infrastruktur. Pünktlich zum großen Turnier will sich der frühere Apartheidsstaat in neuem Gewand präsentieren und der Welt zeigen, dass auch Afrika eine WM stemmen kann. Gleichzeitig soll das Turnier der in eine Rezession abgerutschten Wirtschaft des Landes einen kräftigen Schub geben. Entsprechend groß sind die Erwartungen der Menschen.

Dabei haben verschiedene Studien belegt, dass die Auswirkungen solcher Großereignisse oft nur gering und von kurzer Dauer sind. So gelang Deutschland 2006 zwar eine hervorragende Außendarstellung, von der WM selbst aber gingen kaum nennenswerte Impulse aus. Weder an den Umsätzen des Einzelhandels noch am Arbeitsmarkt sei ein positiver Effekt zu beobachten gewesen, heißt es in einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Insgesamt steuerten die Investitionen für die WM 2006 demnach nicht einmal ein halbes Prozent zum Wirtschaftswachstum bei. Eine eher dürftige Bilanz.

Azar Jammine kann das nicht entmutigen. „Südafrika ist nicht mit Deutschland vergleichbar“, sagt der Johannesburger Ökonom. Der Hauptgrund liege in der unterschiedlichen Größe der beiden Volkswirtschaften. So sei Südafrikas Wirtschaft 13 Mal kleiner als die deutsche und seine Infrastruktur erheblich schwächer. Entsprechend größer ist Jammine zufolge der Nutzen der WM.

Neben der Bauindustrie dürfte vor allem die angeschlagene Tourismusbranche von der WM profitieren – es sei denn, die Betreiber von Hotels, Gasthäusern und Restaurants verlangen im kommenden Jahr völlig überzogene Preise und vergraulen damit die Besucher, zumal Südostasien und Südamerika schon jetzt günstigere Rivalen sind. Neben den Folgen der Finanzkrise macht die starke Landeswährung einen Aufenthalt am Kap für Europäer teurer. Seit Jahresbeginn hat der Rand mehr als 20 Prozent gegenüber Euro und Dollar zulegen können – er gehört damit zu den härtesten Währungen der Welt.

Dennoch bleibt Südafrika das begehrteste Reiseziel in Afrika – noch vor Tunesien und Ägypten. Allein zur Weltmeisterschaft erwarten Optimisten knapp eine halbe Million Touristen, die rund drei Milliarden Euro in die Wirtschaft des Landes spülen sollen. Matthias Boddenberg von der deutschen Handelskammer für das südliche Afrika in Johannesburg hält solche Projektionen jedoch für übertrieben. Er rechnet angesichts der Wirtschaftskrise und der stark gestiegenen Preise für Flugreisen und Unterkünfte damit, dass sich die Zahl eher zwischen 250 000 bis 300 000 Besuchern einpendeln wird.

Die massiven Ausgaben für die Weltmeisterschaft haben jedoch nicht verhindern können, dass die weltweite Wirtschaftskrise auch Südafrika hart getroffen hat. Das Ende des größten Rohstoffbooms seit 30 Jahren bereitet dem Gold- und Platinproduzenten arge Probleme. Zwar scheint die Wirtschaft gerade aus der Rezession herauszufinden, doch dürfte sie in diesem Jahr um mindestens zwei Prozent schrumpfen.

Umso wichtiger werden für das Land die vielbeschworenen weichen Faktoren des Fußballfests. Der Sozialwissenschaftler Steven Friedman vom Johannesburger Zentrum für Policy Studies spricht in Zusammenhang mit der WM von einem „Feel-good-Faktor“ für die Nation. Und selbst Akademiker, die lange in Frage stellten, dass Sport auch als versöhnendes Element dienen kann, sehen in ihm inzwischen ein gesellschaftlich relevantes Phänomen.

Gerade Südafrika könnte eine solch emotionale Form der Aufbauhilfe gut gebrauchen. „Die Euphorie seit dem Ende der Apartheid ist verflogen und Südafrika längst zu einem normalen Land geworden, das nun in einem harten Wettbewerb mit anderen Schwellenmärkten wie Brasilien, Indonesien oder der Türkei steht“, sagt Ann Bernstein vom Centre for Development and Enterprise. Viele Weiße fürchten, dass die einst von Nelson Mandela verfolgte Versöhnungspolitik vollkommen verpuffen und den brüchigen gesellschaftlichen Frieden gefährden könnte. Rund 800 000 der einstmals fünf Millionen Weißen haben das Land seit 1994 schon verlassen. „Mit der WM verbindet sich die Hoffnung, dass sie den Menschen noch einmal Anlass für gemeinsamen Stolz auf ihr Land und seine Entwicklung gibt – genau so wie es der sensationelle Sieg von Südafrikas Springboks bei der Rugby-WM 1995 getan hat“, hofft John Carlin, der gerade ein Buch über das unvergessliche Ereignis geschrieben hat.

Symptomatisch für den Verlauf der WM könnte am Ende die Geschichte des Kapstädter Stadions stehen, das zeigt, was am Kap möglich wäre. Statt im Februar 2010 ist die Arena schon jetzt fast fertig – zwei Monate früher als geplant. Sogar die anfangs so kritischen Kapstädter sind inzwischen voll des Lobes für das Design. Waren die Zeitungen früher mit bösen Protestbriefen gefüllt, wird die Spielstätte heute einhellig als architektonisches Meisterwerk besungen. Vielleicht bewahrheitet sich ja für das ganze Land genau das, was gmp-Chef Volkwin Marg für den Bau des Kapstädter Stadion gesagt hat. „Zunächst hatten die Betroffenen Angst“ sagt er. „Es wurde sogar eine Panik geschürt, die alles ins Monströse vergrößert hat – bis man gemerkt hat, dass dieses sicherlich große Objekt eine beschwingte Leichtigkeit hat.“ Nun lege sich die Kritik – „und alle identifizieren sich mit etwas, das sie so positiv vorher gar nicht gesehen hatten“.

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