T-Frage : Wer wird Nummer eins?

Die Erfahrung spricht für Tim Wiese, doch der Anforderungskatalog von Bundestorwarttrainer Andreas Köpke favorisiert klar Manuel Neuer.

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Einer spielt, einer fliegt. Manuel Neuer (Foto) und Tim Wiese haben unterschiedliche Qualitäten. Ein Nationaltorwart soll den Ball aber nicht nur auf der Linie halten können.
Einer spielt, einer fliegt. Manuel Neuer (Foto) und Tim Wiese haben unterschiedliche Qualitäten. Ein Nationaltorwart soll den Ball...Foto: dpa

Wie war das noch am 10. Mai vergangenen Jahres? Im Innenraum des Bremer Weserstadions lagen tausende weißer Papierkugeln, die Ostkurve johlte immer wieder „Kein Finale, keine Schale – HSV!“ als ein muskulöser Mann im grellgelben Sweater sich ein Megaphon nahm. Tim Wiese, der sich als Torwart genau wie der Anhang am Triumph in der Vierfach-Ausfertigung des Nordderbys gegen den Hamburger SV berauscht hatte, stieg den Zaun hoch, um „Scheiß HSV“ zu schreien. Die Prozedur erreichte Kultstatus für die grün-weiße Fangemeinde, die Mitschnitte ins Netz stellte, was Wiese Ermittlungen des DFB und eine Geldstrafe einbrachte. Bereut, so heißt es, habe er seine Tat bis heute nicht.

Aber der 28-Jährige hat dazugelernt. Sollten die Bremer am Samstag abermals die letzten Hamburger Träume platzen lassen, würde Werders Nummer eins bestimmt nicht als Lautsprecher vorangehen. Er weiß, dass jetzt – nach der verletzungsbedingten Absage von Nationaltorhüter René Adler für die WM – alle Augen auf ihn fokussiert sind. Jede unbedachte Handlung, jede unbedachte Äußerung würde nur denen neue Nahrung geben, die sich einen WM-Torwart Wiese partout nicht vorstellen können. Ehemalige Nationaltorhüter von Sepp Maier bis Toni Schumacher als auch einflussreiche Herren wie DFB-Sportdirektor Matthias Sammer gehören dazu. Sie haben sich schon für den 24 Jahre jungen Manuel Neuer ausgesprochen, obgleich der seit anderthalb Jahren kein Europapokalspiel mehr bestritten und in dieser Spielzeit nicht nur im Länderspiel gegen die Elfenbeinküste gepatzt hat.

Kampfansagen kommen nicht über Wieses Lippen. Er ahnt, dass Neuer als Nummer eins nach Südafrika fliegen wird. Würde Robert Enke noch leben und hätte sich Adler nicht die Rippe gebrochen, wäre Wiese, dem laut Liga-Datenbank genau wie Neuer vier schwere Fehler in dieser Saison angelastet werden, vielleicht nicht dabei. Als der DFB-Trainerstab sich im Februar für Adler als Torwart der Nation entschied, rief Bundestorwarttrainer Andreas Köpke zwar bei Neuer, aber nicht bei Wiese an. Ein vielsagendes Detail.

Noch mehr verriet Köpke zuletzt bei einem Torwartkongress. Dort schlüsselte der 48-Jährige, der in dieser Personalie großen Einfluss auf Joachim Löw besitzt, auf, nach welchen Kriterien die Torleute bewertet würden. „Wichtig sind mir die Spieleröffnung, das Verhalten bei Flanken, die Strafraumbeherrschung, das Dirigieren der Mitspieler. Ein Torwart muss ein Spiel lesen können, mit dem rechten und linken Fuß stark sein, Gegenangriffe einleiten und möglichst Abwürfe haben wie Manuel Neuer.“ Über die ureigene Aufgabe eines Torwarts – die Handarbeit – fiel kaum ein Wort. Köpke sagte stattdessen: „Diese Aufgabe hat sich im Fußball am meisten verändert, weil sie wesentlich komplexer geworden ist.“ Zu komplex für einen aus der nicht unumstrittenen Torwart-Flugschule von Gerald Ehrmann stammenden Prototypen wie Tim Wiese?

Woche für Woche fertigt die auf Spielanalysen spezialisierte Firma Mastercoach im Auftrag des DFB spezielle DVDs an, die allein die Torwartkandidaten zeigen. Köpke liefert die Vorgaben für die Ausschnitte, „natürlich schaue ich mir auch die Gegentore an“. Doch im Grunde strebt Köpke etwas an, was er selbst nie wirklich war: einen modernen, mitspielenden Torwart. Und während Neuer und Adler von ihm gelobt wurden, sagte er zu Wiese nur: „Er hat sein Spiel umgestellt.“

In der Tat spielt der Bremer besser mit, geht öfter raus – doch beim Abfangen von Flanken, beim Abwurf oder Abstoß hat Wiese nicht Neuers Qualität erreicht. Hier ist das Potenzial des Schalker Schlussmannes auch statistisch unterfüttert. Wiese wirkt auf der Linie aktuell einen Tick geschmeidiger und explosiver, gerade in der Rückrunde auch konstanter, und er ist – nicht unwichtig bei einem Turnier – der bessere Elfmeterkiller.

Bei besagtem Kongress erklärte Köpke übrigens auch, der beste Torwart nach dem DFB-Anforderungsprofil sei nach wie vor Jens Lehmann. Wiese muss sich aber nicht gleich fürchten: Herr Lehmann, bald 41, fährt nicht als dritter Mann mit zur WM. Der DFB wollte gestern Meldungen noch nicht bestätigen, wonach Hans-Jörg Butt vom FC Bayern diese Aufgabe zufallen wird, fünf Jahre jünger und dennoch reifer als Lehmann.

Der disqualifizierte sich am Mittwoch mit abschätzigen Äußerungen. „Ich hätte mich nicht hinter zwei Torhüter auf die Bank gesetzt, die in dieser Saison nicht annähernd meine Konstanz gezeigt haben“, sagte Lehmann. „Wenn ich mitgefahren wäre, dann hätte ich auch gespielt.“ Auch zweifelte er an, ob Neuer die Nerven behält: „Wenn man Weltmeister werden will, ist das schwierig. Für Neuer kommt das vielleicht ein bisschen früh.“

Tim Wiese würde so etwas nicht mehr laut sagen.

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