Unsere WM-Experten : Ein Ball spielt verrückt

Tagesspiegel-WM-Experte Arnd Zeigler verteidigt die Torhüter gegen den unberechenbaren Jabulani. Dieser Ball tut Dinge, die ein Ball nicht tun sollte - oder sind doch die Torhüter schuld?

Arnd Zeigler
Manche sind Torhüter, mache haben nur Handschuhe an: Im WM-Relegationsspiel gegen Ägypten war Algeriens Nationalkeeper Faouzi Chaouchi noch der Held. Doch mit einem Wisch war alles weg - sowohl die Punkte im ersten Gruppenspiel gegen Slowenien als auch Chaouchis Stammplatz. Im Spiel gegen England wurde er durch Rais M'Bolhi ersetzt. In unserer WM-Galerie ist ihm aber ein Ehrenplatz sicher.
Manche sind Torhüter, mache haben nur Handschuhe an: Im WM-Relegationsspiel gegen Ägypten war Algeriens Nationalkeeper Faouzi...Foto: rtr

Mit ein paar Monaten Verspätung wird nun auch der Rest der Fußballwelt von der Diskussion um den WM-Ball Jabulani eingeholt. Wir in Deutschland sind ja seit Monaten vertraut mit bizarr anzusehenden Gegentoren, bei denen der Ball seltsame Dinge tut, der Torwart wie betrunken am Ball vorbeispringt und dabei bemerkenswert dämlich aussieht. Selbstredend macht die Presse die bedauernswerte Fachkraft zwischen den Pfosten anschließend verbal zur Wurst. Das ist ja ihr Job.

Ich habe zu denen gehört, die anfangs prustend auf den Fernseher zeigten, wenn dort wieder mal zu sehen war, wie Jens Lehmann oder Jörg Butt an einem einfach aussehenden Schuss vorbeiflogen und alles anschließend auf die Flugbahn des Balles schoben. Alberne Ausreden, dachten wir alle, und fanden das Verhalten der Torhüter unwürdig und billig.

Nachdem aber die Zahl derartiger Flutschfinger-Highlights immer weiter zunahm und nun auch bei der WM ein beachtliches Maß erreicht hat, habe ich einen anderen Eindruck gewonnen, der sich noch erhärtet hat, nachdem ich mich kürzlich mit einem Bundesliga-Torwart über den Jabulani unterhalten habe. Der Mann, auch ein Flatterball-Opfer, sagte mir: „Man kann als Torwart einfach nichts machen, wenn so ein Ball in den letzten fünf Metern plötzlich ohne erkennbaren Grund noch einmal einen halben Meter nach links oder rechts zieht!“

WM 2010: Internationaler Schnapper e.V.
Augen zu und durch: Uruguays Fernando Muslera hat es bei dieser WM zum Schluss noch zu großem Schnapper-Ruhm gebracht. Zweimal patzte er sich in unser Galerie, im Spiel um Platz drei: Bei dieser Flanke machte er den Eindruck, als schlafwandle er und wolle im Traum Pflaumen pflücken. Leider fiel er vom Baum...Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: AFP
11.07.2010 00:20Augen zu und durch: Uruguays Fernando Muslera hat es bei dieser WM zum Schluss noch zu großem Schnapper-Ruhm gebracht. Zweimal...

Also begann ich, Torhüterverhalten und Flugbahnen genauer anzuschauen, und ich bin nun voll und ganz auf Seiten der vermeintlichen Fliegenfänger. Dieser Ball tut Dinge, die ein Ball nicht tun sollte: Er dreht ab, fällt plötzlich runter, fliegt weiter, als er eigentlich können kann, trotzt allen Effet-Versuchen und landet im Tor, obwohl der Schütze alles falsch und der Torwart eigentlich alles richtig gemacht hat. Sicher, es fallen manchmal mehr Tore. Aber will man das? Dann könnte man auch den Torhütern die Arme auf dem Rücken zusammenbinden.

Ich möchte einen Ball, der das tut, was der Schütze beim Schuss wirklich vorhatte. Ich möchte, dass Schützen für gute Schusstechnik belohnt werden und Torhüter für gute Paraden. Im Augenblick ist es umgekehrt: Stürmer werden mit Traumtoren für verunglückte Schüsse belohnt und Torhüter mit Gegentoren für korrektes Stellungsspiel bestraft. Am fragwürdigsten sind die Rechtfertigungsversuche der Ball-Entwickler. Sie halten den klagenden Torhütern vor, dass der Ball im Labor getestet und in Ordnung sei und die Torhüter einfach nur keine Lust hätten, sich besser auf ihn einzustellen. Das mutet an wie die trotzigen Hersteller eines Babybreis, den kein Kind essen mag. Nach dem Motto: „Die Kinder kriegen das Zeug nicht runter, aber wir haben den Brei getestet: Er MUSS schmecken!“

Arnd Zeigler ist Moderator und kommentiert im Wechsel mit Marcel Reif, Philipp Köster, Michael Oenning und Fredi Bobic die WM.

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