Unsere WM-Experten : Fredi Bobic: Die Engländer bewundern uns heimlich

Unser WM-Experte Fredi Bobic kennt die Rivalität zwischen Deutschland und England aus eigener Erfahrung. Aber er ist sich auch ganz sicher, dass die Engländer uns im tiefsten Innern bewundern.

Fredi Bobic
Unser WM-Experte: Der frühere Hertha- und Nationalstürmer Fredi Bobic.
Unser WM-Experte: Der frühere Hertha- und Nationalstürmer Fredi Bobic.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Heute vor genau 14 Jahren. Dieter Eilts und ich laufen am Picadilly Circus entlang – mit dem erhabenen Gefühl des EM-Finaleinzugs. Am Tag zuvor haben wir die Engländer im Halbfinale geschlagen, ein wahnsinniges Match. Nun will ich in einem Plattenladen für unser Team den Fußballsong jenes Sommers besorgen: „Football’s coming home.“ Als wir so daherschlendern, blicke ich auf die riesigen Leuchttafeln. Dort steht: „Germany beats England. Man of the Match: Dieter Eilts.“ Dieter grinst, ich sage: „Du hast es geschafft.“

Von diesem Tag nach dem Sieg im Elferschießen ist mir außerdem die Fairness und Freundlichkeit der Engländer in Erinnerung geblieben. Alle haben uns auf die Schulter geklopft und gratuliert. Da gab es keine Aggression, keinen bösen Willen. Darüber, was in den englischen Zeitungen geschrieben wird, schmunzeln die meisten selbst.

Klar gibt es diese Rivalität, aber die Engländer bewundern uns tief im Innern auch für die Fähigkeit, auf den Punkt genau da zu sein – auch wenn sie das nie zugeben würden. Ich habe mich kürzlich mit einem „Sun“-Redakteur unterhalten, und er sprach immer wieder von dem „German thing“: Glaube an die innere Stärke und mannschaftliche Geschlossenheit. Ausrutscher wie die von John Terry sind beim deutschen Team nicht vorstellbar.

Terry. Ein Mann mit vielen Kapriolen, wie bei der unglücklichen Pressekonferenz. Aber auf dem Feld ein Spieler der Extraklasse. Die einzige Stärke der Engländer in der Vorrunde war, dass sie nicht viele Chancen zugelassen haben. Nach vorne spielten sie träge und fantasielos, hinten aber standen sie sattelfest. Auch dank Terry. Wie sollen wir ihre Abwehr knacken? Mit einer Systemumstellung?

Die Entscheidung, auf das 4-4-2 überzugehen, hängt davon ab, ob Bastian Schweinsteiger ausfällt. Falls ja, müssen wir seine fehlende Präsenz im Zentrum durch gutes Flügelspiel ausgleichen. Und Miroslav Klose hat in der Sturmspitze die dafür nötige Kopfballstärke. Gomez sehe ich momentan nicht als passende Alternative. Ihm fehlt noch der Rhythmus in diesem Turnier, den man für einen Auftritt in der Startelf bräuchte.

Wenn Schweinsteiger doch auflaufen kann, dann sollte man beim bisherigen System bleiben. Denn auch im wenig überzeugenden Spiel gegen Ghana haben wir uns genug Chancen erspielt. Mit schnellen Bällen in die Tiefe sind wir gefährlich. Dazu sollten wir uns hinten nicht so viele Fehler erlauben wie gegen Ghana. Per Mertesacker muss wieder in die Spur finden und Rooney früh stellen. Wenn wir all das beherzigen, dann wird es wieder eine nette Laufschrift am Picadilly Circus geben.

Fredi Bobic wurde mit der Nationalmannschaft 1996 Europameister. Hier kommentiert er im Wechsel mit Marcel Reif, Arnd Zeigler, Philipp Köster und Michael Oenning die WM.

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