Unsere WM-Experten : Marcel Reif: Alpharudel statt Alphatier

So muss man erst einmal auftreten, wie es das Team von Jogi Löw getan hat. Unser WM-Experte Marcel Reif ist beeindruckt von der deutschen Mannschaft.

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Marcel Reif
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Nur, um sie nicht zu vergessen, und auch nur sehr klein und sehr leise, die Fußnote vorweg, dieses winzige ’aber’, diese Restmäkelei: Jetzt bitte nicht abheben, es werden stärkere Gegner kommen, als es die Australier waren.So, und das war es dann auch schon. Und das war auch nur eine Banalität.

Ansonsten: Welch eine Freude, welch ein Spaß, was für eine Klasse, was für ein Tempo, mit so viel Witz und Souveränität. Die anderen bisherigen Teams haben im Schnitt ein Tor erzielt, die deutsche Elf kam auf vier. Mag sein, dass dieses erste Spiel keinen endgültigen Schluss zulässt über die Chancen der Deutschen. Aber ein paar endgültige Erkenntnisse sind schon fest zu halten. Zum Beispiel die, dass es mit Lukas Podolski in der Nationalmannschaft tatsächlich funktioniert. Und auch mit Miroslav Klose. Beider Nominierungen unterlagen ja dem doch sehr wackeligen Prinzip Hoffnung. Und eigentlich sprach nichts dafür. Bis auf das Vertrauen des Trainers Jogi Löw. Mag sein, dass das im Falle Kloses aufgebraucht gewesen wäre, wenn es bei Kloses vergebenen Chance geblieben wäre. Aber dann rechtfertigte Klose es, und ich ziehe den Hut. Oder diese Erkenntnis: Thomas Müller ist ein veritabler Nationalspieler. Kein Nachwuchsspieler, der mal rein riechen darf gegen die vermeintlich Schwächeren. Sondern einer, der genau dahin gehört, wo er ist. Und das, als ob er es seit Jahren sei.

So muss man erst einmal auftreten, wie es das Team von Jogi Löw getan hat. Mit diesem Schwung und mit diesem Spaß daran, Spaß zu bereiten. Wann hat es das schon gegeben, dass es weit über das Ergebnis hinaus die pure Freude ist, einer deutschen Mannschaft zuzusehen? Welch ein Segen, dass sie keine Altstars mehr hat, und welch ein Segen, dass sie bei aller Jugendlichkeit offensichtlich doch intelligent genug ist und lernwillig, um nun nicht durchzudrehen. Denn so wie sie spielten gegen Australien, so wie sie sich geben bisher in Südafrika, wissen sie, was sie tun. Und zwar alle, und ganz besonders die Trainer. Löw hält an den Kantonisten fest, sie danken. Löw zuckt nicht mal mit der Schulter, als Michael Ballack ausfällt und stellt Sami Khedira neben Bastian Schweinsteiger. Als sei das alles das Selbstverständlichste auf der Welt. Er wusste offensichtlich, was er an dieser jungen Mannschaft hat, und – bitte, das ist nur eine Spekulation – möglicherweise kam ihm Ballacks Fehlen nicht ungelegen. Weil diese Mannschaft kein Alphatier braucht, weil sie sich Alpharudel genug ist. Das hat die Grundvoraussetzungen für ein gelungenes Turnier geschaffen, die sind vielversprechend. Dafür sollen sie sich bejubeln und feiern lassen, sie werden schon nicht abheben.

Hier kommentieren Marcel Reif, Arnd Zeigler, Philipp Köster, Michael Oenning und Fredi Bobic im Wechsel die WM.

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