Unsere WM-Experten : Marcel Reif: Lust und Spaß und Können

Tagesspiegel-WM-Experte Marcel Reif wird zum Fan der deutschen Mannschaft. Ihm macht es einfach Spaß, den Spielern zuzusehen, und es macht denen offensichtlich Spaß, Spaß zu verbreiten.

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Marcel Reif
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Erst mal Meckern: Manuel Neuer muss nicht in jeder Szene eine Eins mit Sternchen machen, es reicht auch schon mal die normale Eins. Er ist ohnehin schon einer der besten Torhüter des Turniers, dann darf er auch mal fausten statt fangen. Per Mertesacker wird seine Form finden müssen. Philip Lahm wirkt ein bisschen nervös. Und zu Jerome Boateng ist zu sagen, dass man mit einer Körpergröße von 1,90 Metern auch mal zum Kopfball hochspringen darf. So, das war es, sonst fällt mir nicht mehr viel ein, was zu beanstanden wäre.

Was wir bei dieser WM erleben, ist nicht weniger als die Versöhnung des deutschen Fußballs mit seinen kindlichen, fröhlichen Elementen. Es macht einfach Spaß, den deutschen Spielern zuzusehen, und es macht denen offensichtlich Spaß, Spaß zu verbreiten. Das war ja schon fast eine Schutzmaßnahme, Mesut Özil vom Platz zu holen, weil er drauf und dran war, gestandene englische Männer des Sports bis zur Weißglut zu narren, auszutanzen, auszuspielen. Das Sommermärchen war 2006, als die Deutschen plötzlich ihre Fröhlichkeit und Leichtigkeit entdeckten, nun hat der Fußball nachgezogen.

Und wir reden vom deutschen Fußball, nicht etwa vom brasilianischen oder holländischen. Und überall schaut man in strahlende Gesichter, Taxifahrer, das Personal im Hotel, ausländische Kollegen, alle wollen einem auf die Schulter klopfen, als hätte man selbst mitgespielt, „tolle Mannschaft, tolles Spiel“, sagen alle. In früheren Jahren gab es auch schon Lob für eine deutsche Mannschaft, aber das war mehr ein Stöhnen über die deutsche Kraft und Stärke. Heute drückt sich Freude aus. Das Pragmatisieren des Spiels machen andere in Südafrika, die Brasilianer zum Beispiel, diese deutsche Mannschaft spielt Fußball.

Gewiss war der Schiedsrichter arg indisponiert, als er die Geschichte des Wembley-Tores fortschrieb. Und er reihte sich auch ein bei den schlechten Schiedsrichterleistungen insgesamt, die ich so schlecht zuletzt vor 40 Jahren bei einem Turnier von Betriebsmannschaften in Mainz gesehen habe. Aber das hat den deutschen Tanz ins Viertelfinale nicht verursacht, nicht begünstigt, nicht ermöglicht. Das hat die am Sonntag eindeutig bessere Mannschaft ganz alleine bewerkstelligt. Gegen Engländer, die Favorit waren vor diesem Spiel und im Spiel vorgeführt wurden. Mit Leichtigkeit und Lust und Spaß und Können. Eine deutsche Mannschaft, verbunden mit Zutaten aus einer anderen Fußball-Welt, wie schön das ist. Da will ich noch mehr von sehen, da kann man sich gar nicht dran satt sehen.

Hier kommentieren Fernseh-Kommentator Marcel Reif, Arnd Zeigler, Philipp Köster, Michael Oenning und Fredi Bobic im Wechsel die WM.

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