Uruguay - Niederlande 2:3 : Holland legt vor - zieht Deutschland nach?

Holland erreicht durch ein 3:2 über Uruguay als erstes Team das WM-Endspiel. Tagesspiegel-Reporter Sven Goldmann sieht erneut wenig Brillanz, dafür aber kühle Effizienz. Diese früher als "deutsch" verpönte Spielweise weckt bei "Oranje" Hoffnungen auf den Titel.

von
Der Wohnwagen bleibt auf Südafrikas WM-Campingplatz. Die Niederländer ziehen mit einem 3:2 über Uruguay ins Finale ein.
Der Wohnwagen bleibt auf Südafrikas WM-Campingplatz. Die Niederländer ziehen mit einem 3:2 über Uruguay ins Finale ein.Foto: AFP

Wesley Sneijder trifft und trifft und trifft und weckt damit bei seinen Landsleuten die Hoffnung auf Erlösung von einem nationalen Trauma. Endlich einmal Fußball-Weltmeister werden… Im WM-Halbfinale von Kapstadt schoss Sneijder sein fünftes Tor im Turnier; es war das erlösende 2:1 und ebnete seiner Mannschaft den Weg zum 3:2 (1:1)-Sieg über Uruguay. Nach dem sechsten Sieg im sechsten Spiel in Südafrika stehen die Niederländer zum dritten Mal in einem Endspiel um die Weltmeisterschaft. Am Sonntag geht es in Johannesburg gegen den Sieger des zweiten Halbfinals zwischen Spanien und Deutschland.

"Ich habe noch nicht realisiert, was heute passiert ist. Bei unserem letzten WM-Finale war ich gerade ein Jahr alt. Wir sind froh, dass wir weiter sind. Es war heute nicht alles super, aber wir stehen im Finale", erklärte Bayern-Kapitän Mark van Bommel. Und Rafael van der Vaart sagte: "Wir sind so stolz. Ich drücke Spanien die Daumen, aber wenn Deutschland gewinnt, wird das auch ein großes Spiel", sagte der Ex-Hamburger.

Dabei war es ein hartes Stück Arbeit für die Niederländer, die das Geschehen erst einmal nur in den Anfangsminuten bestimmten. Nach einem ersten Flankenlauf von Arjen Robben und halbherziger Faustabwehr von Fernando Muslera befand sich Dirk Kuyt unversehens in guter Schussposition, aber er traf den Ball nicht optimal und setzte ihn einen Meter über die Latte. Die nächste Chance hatte Wesley Sneijder. Der Held des Viertelfinalsiegs über Brasilien dribbelte geschickt am Strafraum, doch einen erfolgreichen Abschluss verhinderte die Hüfte seines Mannschaftskollegen Robin van Persie.

Das Führungstor fiel folgerichtig, überraschend war allein der Schütze. Nicht Robben, van Persie oder Sneijder, keiner der üblichen Verdächtigen aus dieser mit überragender Offensivkraft gesegneten Mannschaft. Sondern Giovanni van Bronckhorst, gemeinhin zuständig für das Verhindern von Toren. Der verteidigende Mannschaftskapitän wurde in halblinker Position 30 Meter vor dem Tor von Kuyt angespielt, und da sich kein Uruguayer so recht um ihn kümmern mochte, schoss er einfach. Der Ball flog immer weiter, vergeblich streckte Muslera den Arm aus, er kam nur noch mit den Fingerspitzen dran, auch der Pfosten mochte den Gang der Dinge nicht mehr aufhalten, und schon stand es 1:0.

Uruguay - Niederlande
Der Wohnwagen bleibt auf Südafrikas WM-Campingplatz. Die Niederländer ziehen mit einem 3:2 über Uruguay ins Finale ein.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: AFP
06.07.2010 20:55Der Wohnwagen bleibt auf Südafrikas WM-Campingplatz. Die Niederländer ziehen mit einem 3:2 über Uruguay ins Finale ein.

Weil das schon nach 18 Minuten geschah, drohte die Qualität des Spiels schon zu leiden, bevor sich überhaupt eine entfalten konnte. Die Holländer sind nicht mehr die ungestüm anrennende Mannschaft, die einen knappen Sieg als Makel empfindet und erst nach dem zweiten, dritten oder vierten Tor zufrieden ist. Unter Bert van Marwijk erfreuen sie sich zur Not auch der Kunst des erfolgsorientierten Verwaltens. Entsprechend zurückhaltend gestalteten sie das Spiel nach dem unverhofft guten Start, im festen Vertrauen darauf, ein technisch und taktisch eher minderbemittelter Gegner wie Uruguay könne ihnen nicht mehr gefährlich werden, zumal er durch die Ausfälle der gesperrten Luis Suarez und Jorge Fucile sowie der verletzten Diego Lugano und Nicolas Lodeiro schwer angeschlagen war.

Doch so einfach machte es ihnen der Außenseiter aus Südamerika nicht. Die Uruguayer zeigten sich überhaupt nicht beeindruckt und nahmen die von den Niederländern ausgesprochene Einladung zum längeren Verweilen in deren Platzhälfte dankend an. Sie hatten ja auch nichts zu verlieren, der Einzug ins Halbfinale war mehr, als ihnen jeder auch in der Heimat zugetraut hatte. Entsprechend unbeschwert spielten sie auf, hatten Pech bei ein paar strittigen Abseitsentscheidungen und zeigten auch einen Anflug von Übermut, etwa als Martin Caceres an der Strafraumgrenze einen Fallrückzieher versuchte, dabei aber nicht den Ball traf, sondern das Gesicht des Holländers Demy de Zeeuw. Bei van Bronckhorsts Schubser gegen Edinson Cavani geben strenge Schiedsrichter schon mal einen Elfmeter, und Cavanis Solo ein paar Minuten später blockte John Heintinga gerade noch so ab.

Uruguay war jedenfalls wieder im Spiel, so dass der Ausgleich kurz vor der Halbzeitpause vielleicht ein bisschen überraschend fiel, aber keinesfalls aus dem dunkelblau-heiterem Kapstädter Himmel. Und natürlich erzielte ihn Diego Forlán, der überragende Individualist dieser vom Geist des Kollektivs geprägten Mannschaft. Ein Haken nach links, einer nach rechts, dann schoss Uruguays Kapitän aus 25 Metern so krumm und unberechenbar wie schon im Viertelfinale gegen Ghana, direkt in die Mitte des Tores, aber Maarten Stekelenburg touchierte den Ball nur noch hilflos mit der Handfläche. Es war das vierte WM-Tor des Stürmers von Atletico Madrid.

In der zweiten Halbzeit durfte sich Rafael van der Vaart an Stelle von de Zeeuw versuchen. Der frühere Hamburger war es dann auch, der nach zunächst guten Chancen für Uruguay (Alvaro Pereira, Forlán) das Zeichen zur Wende gab. Seinen Schuss klatschte Muslera vor die Füße von Robben, der schoss aus spitzem Winkel zu hoch schoss. Kurz darauf aber fiel dann endlich das erlösende 2:1. Bei Sneijders Drehschuss in der 70. Minute stand der Muslera irritierende van Persie vielleicht ein paar Zentimeter im Abseits, aber das war für das menschliche Auge kaum zu erkennen. Als Robben dann drei Minuten später auf Flanke von Kuyt kurioserweise mal per Kopf traf, schien das Spiel entschieden.

Doch in der Nachspielzeit verkürzte Maximiliano Pereira auf 2:3 und plötzlich schöpften die Uruguayer noch einmal Hoffnung. "Wir haben gekämpft und hatten am Ende auch ein wenig Glück. Ich hatte noch nie so viel Angst in meinem Leben", meinte van der Vaart. Aber letztlich blieb es beim Erfolg für die Holländer, die damit zum dritten Mal nach 1974 und 1978 im WM-Finale stehen.

Autor

27 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben