Verantwortung im Team : Der Betriebsrat

Die Verantwortung in der deutschen Nationalmannschaft ist diesmal auf mehrere Spieler verteilt. Tagesspiegel-WM-Reporter André Görke meint: Weil das Team so jung ist, sind die Routiniers gefragt.

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Geballte Erfahrung. Schweinsteiger soll die Nationalelf bei der WM emotional anführen.
Geballte Erfahrung. Schweinsteiger soll die Nationalelf bei der WM emotional anführen.Foto: dpa

Leichtsinnig? Ein Spaßkeks? Ich? Bastian Schweinsteiger, ganz rot im Gesicht – von der Sonne natürlich – , pustet die Backen auf und grinst frech vor sich hin. Ja, gut, „ich hatte früher mal ’ne andere Frisur, war immer mit dem Poldi unterwegs“, sagt Schweinsteiger, der mittlerweile einen kurz geschnittenen Scheitel trägt. „Das sah vielleicht lustig aus.“ Aber er habe sich „nach vorn entwickelt“, sei gereifter und älter. Schweinsteiger ist jetzt 25 Jahre alt. Also bitte!

Natürlich witzelt er immer noch ständig auf dem Trainingsplatz am Waldrand von Eppan mit seinem Kumpel Lukas Podolski herum. Trotzdem stimmt das schon, was Schweinsteiger da sagt. Dass er erwachsen sei. Alle Entscheider in der Branche loben ihn, nennen ihn den „emotionalen Leader“ (Bundestrainer Joachim Löw), beobachten mit „großer Freude“ die Entwicklung in den „letzten eineinhalb Jahren“ (Manager Oliver Bierhoff). Oder, um noch einmal den hübschen Ritterschlag des Herrn Uli Hoeneß aufzugreifen: „Er ist ein Mann geworden“.

Kapitän der deutschen Nationalmannschaft ist sein Münchener Vereinskollege Philipp Lahm, 26. Dahinter kommt gleich Bastian Schweinsteiger, der Stellvertreter. Sie bilden die Spitze des Mannschaftsrates, den Löw in Südtirol gleich zu Beginn bestimmt hat. Fünf Männer gehören ihm an, neben Lahm und Schweinsteiger sind dies Arne Friedrich, Per Mertesacker und vor allem Miroslav Klose, 31. Löw: „Er ist ein Führungsspieler und Ansprechpartner für junge Spieler.“

Der Mannschaftsrat, erzählt Schweinsteiger, habe sich auch schon im WM-Hotel getroffen, um Themen abseits der Kreidelinie zu besprechen, aber viel verändert habe sich nicht. „Ich sitze im Bus immer noch auf dem gleichen Platz wie vorher.“ Der Bundestrainer hat die Arbeit ein bisschen präzisiert: „Der Mannschaftsrat wird eine bedeutendere Rolle bekommen als in der Vergangenheit.“ Da der WM-Kader jung ist und nach dem Ausfall einer wichtigen Persönlichkeit wie Michael Ballack die Hierarchie durcheinandergeraten könnte, „wird die Verantwortung nun auf mehreren Schultern getragen“, sagt Löw.

Das war neulich sehr gut zu sehen, beim Testspiel in Budapest. Schweinsteiger und Lahm waren zur Erholung in Südtirol geblieben und hatten es sich im Shirt auf der Terrasse des Hotels bequem gemacht. Dort lümmelten sie auf dem Gartensofa und starrten auf zwei Bildschirme, auf denen sie ihre Stellvertreter bei der Arbeit beobachten konnten.

Und wie diese drei harmonierten! Als Miroslav Klose, mit fast 100 Länderspieleinsätzen der Erfahrenste, die Mannschaft auf den Rasen führte, trug er die Binde links. Als er nach einer Stunde ausgewechselt wurde, zog sich Arne Friedrich, 31, das Stück ebenfalls über den linken Arm. Und als der wenig später in den Feierabend geschickt wurde, übergab er das Bändchen an den 25-jährigen Per Mertesacker. Klar, über welchen Arm der sich die Binde prompt zog.

Für alle fünf Spieler spricht die Erfahrung, ein wochenlanges Turnier schon miterlebt zu haben. Das ist bei Schweinsteiger so, der 2004 mit 19 Jahren sein erstes Länderspiel bestritt, das ist so bei Mertesacker, auch wenn der in Ungarn nur Stellvertreter des stellvertretenden Stellvertreters des stellvertretenden Mannschaftskapitäns war.

„Wir haben uns unterhalten, welche Spieler in der Lage sind, aufgrund ihrer menschlichen Qualität und ihrer Erfahrung Verantwortung zu tragen“, sagt Löw. So ein Zusammenschluss im Kader ist schließlich nicht zu unterschätzen. Er ist vielleicht mit einem Betriebsrat zu vergleichen, auch wenn die Wahl nicht demokratisch abläuft. Löw: „Die Auswahl des Mannschaftsrates treffe ich mit meinem Trainerstab, ohne Rücksprache mit den Spielern zu halten.“

Manche Trainer sind schon vom Mannschaftsrat entmachtet worden. Und auch das DFB-Präsidium weiß nur zu gut, wie es ist, mit dieser Delegation Verhandlungen zu führen – sei es um Prämien vor Turnieren, sei es um Sponsoreninteressen. Vor der WM 2006 gewann der Mannschaftsrat den wochenlangen Zoff um die freie Wahl der Schuhmarke, nachdem sogar das Wort „Boykott“ gefallen war.

Bei der EM vor zwei Jahren saßen im Mannschaftsrat neben Klose und Ballack auch die erfahrenen Kollegen Bernd Schneider und Torhüter Jens Lehmann. Eine Gruppe, deren Wort Gewicht hatte. Aber auch Friedrich und Mertesacker sind respektierte Kollegen mit klaren, unaufgeregten Meinungen.

Mertesacker habe sich „nicht nur sportlich weiterentwickelt, sondern auch in anderen Bereichen“, sagt Löw. Und Friedrich sei „auch für uns Trainer immer ein wichtiger Ansprechpartner, weil seine Einschätzung gut ist, was die Mannschaft betrifft. Er geht im Training ständig vorneweg und arbeitet sehr konzentriert“. Außerdem sei er bekanntlich „Kapitän bei Berlin“, sagt Löw und meint Hertha BSC. Sogar dieser Arbeitgeber kann gut für den Lebenslauf sein.

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