Verletzungspech vor WM : Deutschland humpelt

Bundestrainer Joachim Löw gehen nach dem WM-Aus für Christian Träsch die defensiven Mittelfeldspieler aus – doch Löw will niemanden nachnominieren.

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Déjà-vu. Das ist nicht der Fuß von Michael Ballack. Dieser lädierte Knöchel gehört Christian Träsch, der ebenfalls für die WM ausfällt.
Déjà-vu. Das ist nicht der Fuß von Michael Ballack. Dieser lädierte Knöchel gehört Christian Träsch, der ebenfalls für die WM...Foto: ddp

Im Mittelpunkt stand plötzlich einer, der ohne fremde Hilfe gar nicht recht stehen konnte. Christian Träsch, 22, und in seiner Rolle als Nationalspieler so etwas wie die Rückversicherung für die Schaltzentrale des deutschen Spiels. Seit dem Ausfall von Michael Ballack galt Träsch als „Back up“ für eine Vakanz im defensiven, zentralen Mittelfeld. Nun ist dem jungen Stuttgarter Profi das gleiche Schicksal widerfahren wie zuvor eben Ballack und den beiden Leverkusenern Simon Rolfes und René Adler: das WM-Aus.

„Schwere Kapsel- und Bandverletzung am rechten Fuß“, lautete die Diagnose, die aus einer Vorahnung traurige Gewissheit werden ließ. „Es klappt nicht mit Südafrika, das ist sehr bitter“, sagte Träsch, „aber man muss nach vorne schauen, das ist anderen Leuten auch passiert, zum Beispiel Michael Ballack.“ Träsch hatte die Verletzung am Pfingstmontag in einem Testspiel der deutschen Mannschaft gegen den FC Südtirol erlitten. Nach der abendlichen Untersuchung war das Ausmaß der Verletzung bereits klar. Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm „Müller-Wohlfahrt hat mir gesagt, dass die Kapsel eingerissen ist, ein dicker Bluterguss da ist, und dass es nicht möglich ist zu spielen“, sagte Träsch. Kotrainer Hansi Flick ergänzte: „Wir bedauern das sehr. Er hatte eine tolle Saison gespielt, hier überzeugt und wäre im endgültigen WM-Kader gewesen.“

Damit setzt sich für das deutsche Team eine bedenkliche Entwicklung fort. Zwar verzichtete Bundestrainer Joachim Löw auch gestern auf eine Nachnominierung, obgleich auch ihm aufgegangen ist, dass es „ein bisschen dünn“ wird im defensiven Mittelfeld. Auch wenn Träsch nicht für die Startelf bei der WM eingeplant war, so galt er doch als erster Stellvertreter für Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira, die nach Ballacks Ausfall jenes Duo bilden, für die der Fußballer-Jargon die Wortschöpfung „Doppelsechs“ bereithält.

Schmerzhaftes Ende. Christian Träsch muss sich nach seiner Verletzung im Testspiel gegen den FC Südtirol vom Platz führen lassen. Foto: ddp
Schmerzhaftes Ende. Christian Träsch muss sich nach seiner Verletzung im Testspiel gegen den FC Südtirol vom Platz führen lassen....Foto: ddp

Die Dichte der Ausfälle beinhaltet schon eine gewisse Tragik. In den Jahren der Regentschaft von Michael Ballack ging es lediglich um die Frage, wer den Part an der Seite des Kapitäns einnehmen würde. Inzwischen muss die Frage lauten: Wer kann das noch spielen und ist für Deutschland spielberechtigt?

Nach der schleichenden Ausmusterung des langjährigen Ballack-Adjutanten Torsten Frings aus Bremen besaß der frühere Stuttgarter Thomas Hitzlsperger ein Weilchen das erste Zugriffsrecht auf die zweite Position im defensiven, zentralen Mittelfeld. Auch Simon Rolfes konnte sich berechtigte Hoffnungen auf ein Ticket für die bevorstehende WM machen. Zusammen mit Hitzlsperger überzeugte Rolfes beispielsweise als „Doppelsechs“ im Viertelfinale der EM 2008 gegen Portugal. Dagegen war der Schalker Jermaine Jones, der zwischenzeitlich als Alternative galt, von Löw direkt vor dem EM-Turnier aussortiert worden. Nichts deutete darauf hin, dass es auf dieser Position mal eng werden würde. Schließlich überwarf Löw sich vollends mit Frings, obgleich sich Anfang dieses Jahres ein gewisser Engpass andeutete. Dass Frings nicht mitfahren würde nach Südafrika, stand für Löw wohl nie außer Frage. Allerdings war inzwischen auch Hitzlsperger in ein Leistungsloch historischen Ausmaßes gefallen.

Beim VfB rutschte er in der Hierarchie hinter Khedira und Träsch zurück. Fortan galt der Leverkusener Kapitän Rolfes als Stammspielerkandidat. Im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Russland im Oktober 2009 hatte er überzeugt. Doch kurz darauf verletzte sich Rolfes schwer. Als er im Frühjahr wieder in den Spielbetrieb einsteigen wollte, wurde plötzlich eine weitere Operation erforderlich. Anfang Mai verkündete er sein WM-Aus. Kurz darauf folgte auch Ballacks Ausfall.„Es gibt mehrere Optionen, wir haben einen großen Kader“, sagte Flick nun fast etwas trotzig und erinnerte daran, dass sowohl Heiko Westermann (Schalke) als auch Philipp Lahm (München) und Dennis Aogo (HSV) die defensive Position im Mittelfeld schon gespielt hätten.

Gegen Mittag machte sich dann Christian Träsch bereit für seine Rückreise. Ihm entgegen kamen vier von sieben Bayern-Nationalspielern, die gestern das Teamquartier erreichten. Miroslav Klose, Mario Gomez, Thomas Müller und Holger Badstuber nahmen sogleich das Training auf. Der Rest der Mannschaft hatte den weiteren Tag zur freien Verfügung. Um den erneuten Ausfall eines Mitspielers besser zu verkraften.

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