Viele Ausfälle : Verletzte Vorsätze

Durch die vielen Ausfälle muss Bundestrainer Löw umdenken. Tagesspiegel-WM-Reporter Michael Rosentritt meint: Viele Fragen an den Kader stellen sich neu.

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Gesunder Kreis. Bundestrainer Joachim Löw kann derzeit immer weniger Spieler um sich versammeln.
Gesunder Kreis. Bundestrainer Joachim Löw kann derzeit immer weniger Spieler um sich versammeln.Foto: dpa

Irgendwann in der vergangenen Woche hat Joachim Löw mal darüber sinniert, was er nun mit seinem neuen Kapitän macht. Wo er ihn hinstellt – auf die linke oder rechte Abwehrseite? Denn die Sache ist die: Abgesehen von der Torwart- und Mittelstürmerposition kann Philipp Lahm so ziemlich alles auf hohem Niveau spielen. Genau das könnte zu einem Problem werden – nicht für Lahm, denn der 26-Jährige vom FC Bayern ist natürlich gesetzt, sondern für jenen Spieler, der bis heute 24 Uhr aussortiert werden muss, um den endgültigen WM-Kader zu benennen.

Bundestrainer Löw will seine Entscheidung nicht vor Ablauf der Nominierungsfrist bekanntgeben. Löw ließ gestern ausrichten, dass er am heutigen Dienstag nicht öffentlich machen wolle, „wie die weiteren Überlegungen der sportlichen Leitung aussehen“. Der Weltverband Fifa wird die Aufgebote der 32 teilnehmenden WM-Nationen erst am Freitag (12 Uhr) veröffentlichen. Beinahe hätte ja das Verletzungspech, das die deutsche Nationalmannschaft durch ihre drei Sizilianischen und Südtiroler Vorbereitungswochen schleppt, dem Bundestrainer die unangenehmste aller Entscheidungen gänzlich abgenommen und den vorläufigen WM-Kader von einst 27 Spielern von allein auf die WM-Sollstärke von 23 dezimiert. Erst fielen Michael Ballack vom FC Chelsea und der junge Stuttgarter Christian Träsch aus, am späten Sonntagabend musste dann auch Heiko Westermann (Schalke) für das Turnier am Kap verletzungsbedingt absagen.

Die vielen Verletzungen haben weitreichende Folgen für die Mannschaft und Löws WM-Planung. Wir stellen die wichtigsten Auswirkungen vor:

Die Pläne des Trainerteams

Es gilt das gesprochene Wort von Hansi Flick. Löws Assistenztrainer hatte nach dem Ausfall von Christian Träsch gesagt: „Wir haben einen großen Kader und werden das verkraften. Außerdem sind wir für unsere Wenn-dann-Strategien bekannt – wir wissen, wie wir zu reagieren haben, wenn noch etwas passiert.“ Passiert ist durch den Ausfall Westermanns tatsächlich etwas, doch Löw hält die Füße still. Gestern bat er die verbliebenen 24 Spieler zu Beginn des Trainings auf der Sportanlage Rungg in Eppan zum Kreis. In seiner kleinen Ansprache appellierte der Bundestrainer, dass man als Gruppe weitermachen müsse mit dem Training. Das Team habe ein schweres Turnier vor sich, deswegen müsse jeder Einzelne topfit sein. An eine Nachnominierung hat das Trainerteam auch nach dem dritten Ausfall innerhalb kurzer Zeit nicht gedacht. Auch weil eine solche auch noch gar nicht zulässig ist.

Die Nachnominierung eines Spielers

Die deutsche Mannschaft bestreitet am kommenden Donnerstag in Frankfurt am Main ihr letztes WM-Testspiel gegen Bosnien-Herzogowina. Sollte sich dann ein Spieler verletzen und für die WM ausfallen, könnte Löw einen Spieler nachnominieren. Eine wesentliche Voraussetzung wäre nämlich erfüllt: Zu diesem Zeitpunkt ist bereits der 23-köpfige WM-Kader bei der Fifa gemeldet. Und nur, wenn ein Spieler aus diesem Kreis für das Turnier ausfällt, ist eine Nachnominierung möglich. Eine zweite Voraussetzung ist, dass die Verletzung des Spielers von einem Fifa-Arzt attestiert werden muss. Unter diesen Bedingungen könnte dann ein Spieler bis 24 Stunden vor dem Anpfiff des ersten WM-Gruppenspiels gegen Australien am 13. Juni ausgetauscht werden. Das würde auch für Ballack, Träsch und Westermann gelten. Doch diese Vorgehensweise ist unwahrscheinlich, weil diese Spieler dann der Fifa bis Dienstag gemeldet werden und Löw entsprechend mehr als einen von seinen 24 einsatzfähigen Spielern streichen müsste.

Der letzte Streichkandidat

Wer nun noch vor dem Turnier nach Hause fahren muss, hängt nach den Verletzungen vor allem von der Frage ab: Wo spielt Lahm? Berühmt geworden ist er als linker Außenverteidiger, der, weil er eigentlich Rechtsfuß ist, auf der falschen Seite spielt. Viele Fans erinnern sich noch an sein Türöffner-Tor bei der WM 2006, als er im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica auf der linken Seite abging, irgendwann nach rechts abbog, so in beste Schussposition für seinen rechten Fuß kam und abdrückte. Lahm war damals eine Verlegenheitslösung, eine, um die die halbe Welt den Bundestrainer beneidet. Andererseits hat der 26 Jahre alte Allrounder in der gerade abgelaufenen Saison gezeigt, dass er auch auf rechts echte Qualitätsmaßstäbe setzt. Bisher galt Lahm auf der linken Seite als offensiv und auf rechts als defensiv stärker. „Ich würde es bevorzugen, rechts zu spielen, weil ich es zuletzt tat“, sagt Lahm, aber natürlich würde er sich „in den Dienst der Mannschaft stellen“ und auch links spielen. Diese Entscheidung steht aus. Fakt ist nur: „Wenn eine Entscheidung getroffen ist, wird sie für die WM auch Bestand haben“, sagt Löw.

Beinahe beiläufig hatte der Bundestrainer zuletzt ein wichtiges Auswahlkriterium erwähnt: „Es muss so sein, dass jeder Spieler, der im WM-Kader ist, einen anderen Spieler adäquat ersetzen kann.“ Löw setzt also auf Spielertypen, die variabel einsetzbar sind. Sollte Löw Lahm auf die rechte Seite stellen, würde wohl Andreas Beck ausgemustert. Für ihn gäbe es auf rechts auch noch Jerome Boateng vom HSV als Alternative, der spielstärker ist. Der 23 Jahre alte Hoffenheimer dagegen ist einer der wenigen Spieler im Kader, der auf die eine Position fixiert ist. Ähnliches gilt für Dennis Aogo vom Hamburger SV, Becks Pendant auf links. Holger Badstuber hingegen könnte sowohl links als auch in der Innenverteidigung spielen. Außerdem gehört er dem selbstbewussten Bayern-Block an.

Die taktische Aufstellung

Westermanns Ausfall trifft Löw. Nicht ohne Grund hatte er den Schalker im Testspiel in Ungarn auf der linken Außenposition in der Vier-Abwehrkette aufgeboten, eine Position übrigens, die Schalkes Kapitän gut ausfüllen kann. Nach seinem Wegfall spricht einiges dafür, dass Lahm links defensiv spielt, weil er für Lukas Podolski, der im linken Mittelfeld zum Einsatz kommen könnte, die bessere Absicherung wäre als Aogo oder Marcell Jansen. Letzteren sieht Löw eher im Mittelfeld, also als Alternative zu Podolski. Die Auslese, die Löw zu vollziehen hat, bewegt zwar die Gemüter fast aller Spieler, doch ihr Einfluss auf das Abscheiden der Deutschen bei der WM wird überschaubar sein. Dass Löw einen der sechs Stürmer streicht, gilt als ausgeschlossen, zumal entweder Podolski oder aber Thomas Müller von FC Bayern auch als Mittelfeldspieler durchgehen. Idealerweise besteht ein WM-Kader aus drei Torhütern, acht Verteidigern, sieben Mittelfeldspielern und fünf Stürmern.

Die Stimmung im Team

So bitter Verletzungen auch sein mögen, die Stimmung ist nicht gedrückt, wie Philipp Lahm gestern berichtete. „Wir haben trotz allem eine Mannschaft zusammen, die stark und qualitativ hochwertig ist“, sagte der Kapitän. Man dürfe sich jetzt nicht beeindrucken lassen von den Ausfällen. „Wir müssen mutig bleiben“, sagte Lahm – und wollte diesen Satz wie ein Leitmotto verstanden wissen. Schließlich habe man noch eine Mannschaft, die es in Südafrika weit bringen könne. Zwar dürfe man nicht die Gruppenphase unterschätzen, doch „unser Ziel ist das Halbfinale“, sagte Philipp Lahm. Und fügte im Namen der Nationalspieler an: „Klar ist aber auch, dass wir von mehr träumen.“

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