Vor dem Duell gegen Argentinien : Thomas Müller erobert die Bühne

In knapp einem Jahr hat es Thomas Müller an die Weltspitze geschafft. Die Zeiten, in denen er für Maradona seinen Platz räumte, sind vorbei.

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Eingefangen. Miroslav Klose freut sich mit Thomas Müller.
Eingefangen. Miroslav Klose freut sich mit Thomas Müller.Foto: ddp

Thomas Müller, 20 Jahre alt, stand angelehnt im Türrahmen, machte einen langen Hals und lauschte andächtig dem pummeligen Diego Maradona, der fünf Meter weiter vor der Presse saß. Kurz zuvor war Müller schon ein Stück weiter gewesen. Da hatte der Debütant der deutschen Nationalelf bereits Platz genommen neben der argentinischen Legende. Bis diese plötzlich aufgesprungen war, weil sie die Bühne wohl nicht teilen wollte. Nach einigem organisatorischen wie diplomatischen Aufwand hinter den Kulissen hatten Müller und Maradona die Plätze getauscht. Das heißt, Müller trat zur Seite. „Ich wusste nicht, dass das ein Spieler ist“, sagte Maradona, und wollte das als Entschuldigung verstanden wissen. Hielt er den jungen Mann für einen Autogrammjäger?

Die Szene stammt vom März dieses Jahres. Die deutsche Nationalelf hatte gerade in München das Freundschaftsspiel gegen Argentinien 0:1 verloren. Bayern-Spieler Müller bestritt sein erstes Länderspiel. Bundestrainer Joachim Löw hatte erstmals Bastian Schweinsteiger auf die zentrale Position neben Kapitän Michael Ballack geschoben. Die Lücke, die Schweinsteiger auf dem rechten Flügel hinterließ, sollte Müller ausfüllen. Es war nicht ohne Risiko, einen Neuling gegen die spielstarken Südamerikaner zu bringen. Schließlich war es das einzige Spiel für die deutsche Nationalelf 2010 vor der direkten WM-Vorbereitung und schon deshalb wichtig für die Stimmung im eigenen Land.

Löw traute sich, er brachte Müller, einen im Ausland gänzlich unbekannten Spieler. Der Shootingstar des FC Bayern machte eine Stunde lang ein gutes Spiel. Dann wurde er ausgewechselt. Mittlerweile haben sich die Dinge entwickelt. Müller ist eine Konstante in der Stammelf. Er hat in vier deutschen Turnierspielen drei Tore erzielt, zwei davon beim 4:1 gegen England. Internationale Beobachter sehen in ihm die Entdeckung dieser Weltmeisterschaft.

Bayer gegen Bayer. Thomas Müller (l.) im Zweikampf mit Martin Demichelis, seinem argentinischen Kollegen vom FC Bayern.
Bayer gegen Bayer. Thomas Müller (l.) im Zweikampf mit Martin Demichelis, seinem argentinischen Kollegen vom FC Bayern.Foto: dpa

Hinter Müller liegt eine rasante Entwicklung vom Regionalligaspieler zu einem Profi, der in die Nationalelf rückte und diese auf Anhieb besser machte. Dabei genießt Müller das Vertrauen seiner Mitspieler– und bei den deutschen Fans ein Ansehen mit idolhaften Zügen. „Es hat sich einiges verändert“, sagt Müller selbst. Er habe mit Bayern das nationale Double gewonnen und im Champions-League-Finale gestanden. „Wichtig aber ist, was am Samstag passiert“, sagt Müller und dreht sein schwarz-rot-goldenes Lederarmband.

Müller nimmt seinen atemberaubenden Aufstieg von der Dritten Liga zur WM in Südafrika „nicht als Riesenschritt“ wahr, jedenfalls sagt er das. „Ich lebe diese Entwicklung ja jeden Tag“, sagt er fast entschuldigend. Warum solle er den Wirbel, der gerade um ihn veranstaltet wird, als Bedrohung wahrnehmen? „Ich bin jetzt ein Jahr ganz gut damit umgegangen“, sagt Müller: „Ich werde mir jetzt nicht einbilden, dass ich der Größte bin.“

Die Szene vom März hat er aber noch gut in Erinnerung. Die genauen Gründe, aus denen Maradona ihn weggeschickt habe, kenne er nicht. „Ich möchte jetzt ein gutes Spiel abliefern, und dann können wir uns ja gern noch einmal darüber unterhalten“, sagt Müller. Den Spieler Maradona habe er „aus zeitlichen Gründen“ nicht mehr erlebt, aber der Argentinier habe ja auch beim Abschiedsspiel von Lothar Matthäus auf dem Münchner Rasen gestanden. Da habe er den früheren Superstar erlebt. „Am Ball hatte er noch allerhand drauf, auch wenn er ja schon ein bisschen übergewichtig war“, sagt Müller. Den Trainer Maradona könne er nicht beurteilen.

Um Maradonas Argentinier schlagen zu können, muss die deutsche Elf einen fast perfekten Tag erwischen. Im März 2010 hatte sie ihn nicht. Die Mannschaft wollte damals möglichst wenig falsch machen, am Ende des kühlen Märzabends hatte sie aber nicht viel richtig gemacht. Tatsächlich hatte Deutschland wenig zugelassen, doch Müller und seinen Mitspielern war es nicht gelungen, Druck aufzubauen, und so hatten sie kaum klare Aktionen in der Offensive. Zu sanft, zu temperamentlos spielten die Deutschen. „Uns hat ein bisschen der Mut gefehlt“, hatte Löw im März erzählt.

„Wir haben jetzt auf jeden Fall die Möglichkeiten, sie zu schlagen“, sagt Müller nun. Er werde dafür alles unternehmen. „Ich würde sogar auf ein selbst erzieltes Tor verzichten, wenn wir dafür ins Halbfinale kämen.“

Dann stand er auf vom Podium und verließ es. Aber anders als im März in München.

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