Vor dem England-Spiel : Schweinsteiger - dramatisch-kritisch

Vor dem WM-Achtelfinale gegen England sucht die Nationalmannschaft noch ihre Mitte. Darum wäre es dramatisch, wenn Bastian Schweinsteiger tatsächlich ausfiele.

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Zeit der Schonung für Bastian Schweinsteiger.
Zeit der Schonung für Bastian Schweinsteiger.Foto: rtr

Als Hans-Dieter Flick gestern zum Bericht an die in Wallung geratene Nation vor die Presse trat, machte er ein Gesicht wie – ja, wie eine „Muskelverhärtung der Oberschenkel-Rückseite“, wie er sagte. Der deutsche Kotrainer sprach zwar über die Verletzung von Bastian Schweinsteiger, der humpelnd das Spiel gegen Ghana vorzeitig beendet hatte. Aber genau diese Bilder sind es gewesen, die Deutschland vor dem Sonntagsspiel gegen England in Schrecken versetzen. Nicht auszudenken, wenn der Münchner Mittelfeldstratege nicht mittun könnte im Achtelfinale.

„Es wäre nicht gerade von Vorteil“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Genauso gut hätte er sagen können, es sei unmöglich, ohne Schweinsteiger gegen England zu bestehen. In den Vorrundenspielen hat sich der 25-Jährige als Angelpunkt im deutschen Spiel erwiesen. Sein Adjutant Sami Khedira ließ ihm dabei nur im überschaubaren Maße Unterstützung zukommen. Gerade gegen Ghana.

Wozu ist die deutsche Elf in der Lage, was weiß der Gegner, und was weiß die eigene Mannschaft? Wenn man es etwas abschätzig formulieren will, dann hat die deutsche Elf seit dem Auftakt von Spiel zu Spiel an Form verloren. Wenn man es positiv auslegen mag, dann könnte man der Zustandsbeschreibung einen anderen, freundlichen Dreh geben: dass sie a) wie gegen Australien aufregend schön spielen kann; dass sie b) wie gegen Serbien selbst in Unterzahl reichlich Torgefahr entwickeln und trotzdem ein Spiel verlieren kann. Und dass sie c) ein Spiel mit reichlich eigenen Schwächen und Unsicherheiten zur Not auch gewinnen kann. Siehe Ghana.

Und was heißt das für England? Löw und Flick haben eine eigene, nicht ganz uneigennützige Deutung des bisher Gezeigten gefunden. Sie heben den Sieg der Moral hervor. Man habe nicht berauschend gespielt, aber der Drucksituation standgehalten. Das mag sein, und kann über eine zittrige Vorstellung hinweghelfen. Doch zu offensichtlich war, wie wenig vom viel gepriesenen Selbstvertrauen vorhanden ist. Oder andersherum: wie wenig davon tatsächlich auf innerer Überzeugung der Spieler fußt.

In den dunkelsten Phasen des Spiels gegen die Afrikaner wirkte die deutsche Elf gehemmt, fahrig, ja beinahe kleisterhaft. Es fehlten die schnellen, druckvollen und genauen Zuspiele in die Spitze, oder einfach „das Tempo im Spiel nach vorn insgesamt“, wie es Khedira selbstkritisch einräumte. In den lichteren Momenten sah das Spiel der Deutschen auch nur eher nach Verwaltungsfußball denn nach Inspiration, Exotik und Mut aus.

Löw und Flick haben in der verbleibenden Zeit dafür Sorge zu tragen, dass die Spieler die „Hemmungen und ihre Nervosität aus den Köpfen kriegen“, wie es Innenverteidiger Arne Friedrich anregte. Zudem darf auch weiterhin an der Aufgaben- und Platzverteilung im mittleren Dreieck der Mannschaft gefeilt werden. Gerade im Wirkungsbereich von Schweinsteiger, Khedira und dem doch sehr offensiven Mesut Özil besitzen die Engländer große Qualitäten.

„Gegen England dürfen wir nicht so viel zulassen wie gegen Ghana“, sagte Khedira, sonst „wird es gegen sie böse“, ergänzte Friedrich. Nicht nur er befürchtet für diesen Fall Schlimmes. Joachim Löw wollte davon nichts wissen. „Also, befürchten muss man mal gar nichts“, sagte er. Dass seine junge Mannschaft in solchen Spielen „nicht den ganz großen Rhythmus im spielerischen Bereich“ findet, hätte man in Turnieren auch schon mit erfahrenen Mannschaften erlebt. Für seine Mannschaft sei es gut, „durch so ein Stahlbad zu gehen – in einem Spiel um alles oder nichts“.

Und dann sagte der Bundestrainer noch, wie sehr sich alle freuen auf das Duell mit dem alten Rivalen. „Es lebt ja auch von der Geschichte.“ Mit oder ohne Bastian Schweinsteiger. „Es sieht kritisch aus“, sagte Hans-Dieter Flick zum Abschluss seiner Rede an die Nation noch. Und schloss mit den Worten: „Aber wir sind da ganz optimistisch.“

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