Vor den Länderspielen : Die Stimmung hat Pause

Die Nationalmannschaft kann nicht begeistern, weil die spielerische Klasse fehlt. Inzwischen sind der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw ein paar Spiele jener Sorte untergekommen, die als geschäftsschädigend einzustufen sind.

Michael Rosentritt[Köln]
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Die Hand zum Himmel. Philipp Lahm sehnt sich nach Fußballfesten im Kreise der Nationalmannschaft. Foto: dpaddp

Das letzte Mal, dass die deutschen Fußballfans so richtig eins waren mit ihrer Nationalmannschaft, war der Moment, als Philipp Lahm sie in einen Rausch versetzte. Das war ganz am Ende des Halbfinales der Europameisterschaft in Basel, als der damalige Linksverteidiger des FC Bayern in der 90. Minute das Tor zum 3:2 schoss. Vier Minuten, nachdem der Türke Sentürk die deutsche 2:1-Führung durch Miroslav Klose egalisiert hatte. Lahms Soloauftritt ließ an Vehemenz nichts missen. Er wollte dieses Tor, er schoss dieses Tor und Deutschland damit ins EM-Finale. Eine ganze Nation feierte wie wild durch jene Juninacht.

Das ist jetzt mehr als ein Jahr her. Inzwischen sind der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw ein paar Spiele jener Sorte untergekommen, die als geschäftsschädigend einzustufen sind. Nachdem die deutsche Mannschaft die Heimspiele gegen England (Herbst 2008) und Norwegen (Frühjahr 2009) verloren hatte, warnte Theo Zwanziger vor einem Imageschaden. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sagte: „Die Mannschaft war nicht bereit, an ihre Grenzen zu gehen. Das ist eine Einstellungsfrage.“ Auch das ist schon ein Weilchen her, was die Sache nicht besser macht, weil die deutsche Mannschaft danach zwar gute Ergebnisse lieferte, doch die Auftritte waren keine Feste. Und genau das ist das Problem.

„Wir haben zuletzt nicht überzeugt“, sagte Lahm gestern. Das müsse sich wieder ändern. Am Samstag ergibt sich für die deutsche Nationalmannschaft in Leverkusen gegen Südafrika, den Gastgeber der Weltmeisterschaft 2010, die nächste Gelegenheit. Es handelt sich dabei um ein Freundschaftsspiel, aber was heißt das schon? Ist es doch derzeit mit der Stimmung rund um das deutsche Team nicht gerade zum Besten bestellt. Für das Spiel in der neuen Bayarena sind noch 1500 Karten zu haben. Das WM-Qualifikationsspiel am kommenden Mittwoch in Hannover wollen bislang nur 26 000 Zuschauer sehen. Annähernd doppelt so viele Zuschauer würden Platz im Stadion finden. Dabei hatte es Zeiten gegeben, da waren sogar Freundschaftsspiele gegen Aserbaidschan ausverkauft, die Nummer 139 der Welt.

Die Defizite des Spiels der deutschen Mannschaft in den vergangenen Wochen und Monaten sind unübersehbar. Seit der Europameisterschaft im vergangenen Jahr fehlt es dem Team an spielerischer Dominanz, eine Dominanz, die sie schon einmal erreicht und ausgezeichnet hatte. Bis auf die erste Halbzeit gegen Russland beim 2:1-Sieg der Deutschen im vergangenen Herbst hat die Elf nicht die Leistungen gezeigt, die man noch in der EM-Qualifikationsphase 2006/07 gewohnt war. „Wir haben nicht unser spielerisches Potenzial abgerufen“, sagte Joachim Löw. „Wir besitzen mehr Qualität, wir werden uns jetzt steigern.“

Das muss die Mannschaft auch. Der vom Bundestrainer vor einem Jahr ausgerufene Konkurrenzkampf, die personellen Änderungen im Team sowie die zwischenzeitlichen Zwistigkeiten zwischen Löw und den Leitwölfen Michael Ballack und Torsten Frings haben die Organisation der Elf auf dem Platz sowie die Automatismen zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen in Mitleidenschaft gezogen. Die Mannschaft befindet sich gerade im Umbruch, und so spielte sie zuletzt auch. Zwar führt das DFB-Team die Tabelle ihrer WM-Qualifikationsgruppe 4 mit vier Punkten vor Russland an, doch Russland hat ein Spiel weniger bestritten und empfängt die Deutschen im Oktober zum vermutlich entscheidenden Spiel noch in Moskau.

„Wir müssen jetzt endlich in Rhythmus kommen. Wir wollen uns vor dem schwere WM-Qualifikationsspiel gegen Russland wieder Selbstvertrauen holen“, sagte Philipp Lahm. Damit hat der Verteidiger aus München nicht unrecht, hat aber vielleicht ein wenig zu egoistisch gedacht. Denn die deutsche Mannschaft braucht auch wieder eine gute Stimmung im eigenen Land. In diesem Punkt ging Mario Gomez gestern einen Schritt weiter in seiner Analyse. Klar, die Ergebnisse müssten schon stimmen, sagte der Stürmer des FC Bayern, „aber wir wollen wieder Spiele abliefern, die wir schön, souverän und offensiv gestalten“.

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