Was in Erinnerung bleibt : Keine WM für Romantiker

Die WM ist schon lange nicht mehr die Weltmesse des Fußballs, trotzdem haben sich in Südafrika einige Trends verfestigt: Tagesspiegel-WM-Reporter Sven Goldmann glaubt: Je besser die Systeme, desto dringender werden Individualisten benötigt.

von
Der Trend zur Doppelsechs. Das ist die taktische Botschaft dieser Weltmeisterschaft. Auch bei den Deutschen, dank Sami Khedira (l.) und Bastian Schweinsteiger.
Der Trend zur Doppelsechs. Das ist die taktische Botschaft dieser Weltmeisterschaft. Auch bei den Deutschen, dank Sami Khedira...Foto: dpa

César Luis Menotti, der ewige Anwalt des schönen, gerechten Fußballs, hat einmal gesagt: „Eine Mannschaft ohne Abenteurer ist wie ein Land ohne Poesie.“ Und: „Beim Fußball der Linken spielen wir nicht einzig und allein, um zu gewinnen, sondern um besser zu werden, um Freude zu empfinden, um ein Fest zu erleben.“

War Südafrika 2010 ein Fest des schönen Fußballs? Diesem Anspruch kann eine Weltmeisterschaft schwer gerecht werden am Ende eines Jahres, in dem die Besten der Welt 60 Spiele und mehr in den Beinen haben. Sie wurde es zum bisher letzten Mal vielleicht 1970, aber auch nur bei den Spielen der Brasilianer, die es als bisher letzter Weltmeister wagten, mit vier Stürmern anzutreten; die gesegnet waren mit Individualisten wie Pelé, Carlos Alberto, Jairzinho, Tostao, Rivelino oder Clodoaldo, wie es sie in dieser Zusammenballung selten gegeben hat. Mexiko 1970 gilt den Romantikern bis heute als Hochamt der Fußball-Ästhetik.

Aber die Brasilianer kamen vor 40 Jahren komplett aus ihrem idyllischen Ligabetrieb zur WM und trafen auf Europäer, die schon damals ausgelaugt von der schweren Saison waren. Heute spielen auch fast alle Brasilianer in der Alten Welt, sie haben deren Denk- und Spielweisen adaptiert und sind ungleich höheren Belastungen ausgesetzt. Brasilien hat in Südafrika nicht viel anders gespielt als Portugal oder die Slowakei und bei weitem nicht so spektakulär wie die Deutschen.

Arsène Wenger, französischer Trainer des englischen Klubs FC Arsenal, hält Weltmeisterschaften schon längst nicht mehr für zeitgemäß. Dem entgegen steht das öffentliche Interesse. Bei Weltmeisterschaften trennen sich die multikulturellen Gesellschaften der globalisierten Welt auf in ihre nationalen Bestandteile. Vor allem das macht ihren Reiz aus. Nicht so sehr die Weiterentwicklung des Spiels.

Die WM ist längst nicht mehr die Weltmesse des Fußball, das ist die Champions League, wo Woche für Woche die Besten der Besten gegen- und miteinander spielen. Eine Nationalmannschaft kommt vier Wochen vor einem großen Turnier zusammen. Wer wollte da die Einführung revolutionärer Neuerungen erwarten? Die letzte revolutionäre Neuerung war die Einführung der Viererkette, mittlerweile beherrschen sie auch fast alle Nationalmannschaften mit einiger Perfektion. Selbst Rehhagels Griechen haben aufgeholt.

Dazu hat sich in Südafrika das Spiel mit einem Stürmer etabliert. Das allerdings lässt nicht automatisch auf defensives Taktieren schließen, weil es immer davon abhängt, welche Unterstützung die Etappe dem vorderen Solitär angedeihen lässt. Argentinien etwa bot nominell drei Stürmer auf (Carlos Tévez, Gonzalo Higuaín, Lionel Messi), doch weil jegliche Anbindung an das Mittelfeld fehlte, zerfiel die Selección in zwei Halbmannschaften und schied im Viertelfinale ohne nennenswerte Offensivaktion aus. Das Gegenbeispiel waren die Deutschen: Sie spielten in Südafrika nur mit einer Spitze (Miroslav Klose oder Cacau) und waren doch eine der angriffsfreudigsten Mannschaften, dank Thomas Müller als Quasistürmer auf der rechten und, manchmal, Lukas Podolski auf der linken Seite.

Entscheidend war das Spiel im zentralen Mittelfeld, wie es Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira gestalteten. Kreativ und schnell, immer in Bewegung, im Zweifelsfall lieber direkt spielend als dribbelnd, oft in Zickzackbewegung Richtung Tor, wie es auch beim FC Bayern gemacht wird. Der Brasilianer Kaka war als Solist in der brasilianischen Offensive eine traurige Figur. Bei den Argentiniern vertraute Diego Maradona die zentrale Organisation allen Ernstes allein der braven Defensivkraft Javier Mascherano an.

Dieser Trend zur Doppelsechs, zu zwei zentralen Mittelfeldspielern auf einer Höhe, zugleich mit Abwehr- und Angriffsaufgaben bedacht – das ist die taktische Botschaft dieser Weltmeisterschaft. So spielen es die Bayern in der Bundesliga, und so haben es fast alle Mannschaften bei der WM gespielt, mit Nuancen in der Ausführung, wie sie durch die individuellen Begabungen der Spieler vorgegeben sind. Die Holländer Mark van Bommel und Nigel de Jong interpretieren die Doppelsechs defensiver als Schweinsteiger und Khedira. Ungefähr in der Mitte liegen die Spanier Xabi Alonso und Sergio Busquets, die im Verein mit den Zauberern Xavi und Iniesta über deren in Barcelona erprobtes Tiki-Taka den schlauen Stürmer David Villa in Szene setzen.

Villa zählt mit seinen Sprints und Finten und Dribblings und originellen Toren zu denen, die einen weiteren Trend setzten. Anders als 2002 in Fernost und 2006 in Deutschland hat Südafrika begnadete Solisten gesehen, die sich hinweghoben über nivellierte Stile. Das System muss nicht der Feind des Individualisten sein, im Optimalfall bringt es seine Vorzüge erst richtig zur Geltung. Was wären die defensiven Uruguayer ohne ihren Freigeist Diego Forlán gewesen, was die überraschend zurückhaltenden Holländer ohne die Tore von Wesley Sneijder? Wann hat man zuletzt einen so großartigen Innenverteidiger gesehen wie den Spanier Gerard Piqué, wie lange wohl noch wird der portugiesische Torhüter Eduardo für Klubs wie Sporting Braga, SC Beira Mar oder FC Genua spielen? Und war es nicht auch überraschend, dass Schweinsteiger seine Position in der Nationalmannschaft genauso souverän interpretiert wie bei den Bayern neben van Bommel und dass Arjen Robben sogar Kopfball kann?

Auch auf der Nachrückerliste steht reichlich junges Personal mit großer Perspektive: Portugals Außenverteidiger Fabio Coentrao, der argentinische Mittelfeldmann Angel Di Maria, der Torjäger Luis Suarez aus Uruguay, Chiles Stürmer Alexis Sanchez, der Mexikaner Giovani Dos Santos. Und, natürlich, Thomas Müller und Mesut Özil. César Luis Menotti kann beruhigt sein: Wenn Südafrika 2010 etwas gezeigt hat, dann, dass die Zeit der Abenteurer nicht vorbei ist. Es gibt immer noch Poesie auf dem Fußballplatz.

Autor

3 Kommentare

Neuester Kommentar