WM-Edelreservist : Was macht eigentlich Tim Wiese?

Tim Wiese wollte um die Nummer eins "kämpfen, bis Blut kommt". Doch Manuel Neuer erhielt den Vorzug. Jetzt ist es überraschend still um den Bremer Torwart geworden.

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Tim Wiese (r.): Er würde, er könnte, er wäre da.
Tim Wiese (r.): Er würde, er könnte, er wäre da.Foto: ddp

Andy Brehme denkt ungern zurück an die WM 1986. Als Deutschland im Endspiel gegen Argentinien verloren hatte, schluchzte er in der Kabine: „Ich würde am liebsten sterben.“ Alles war vergebens, die Maloche unter den 20 Sonnen Mexikos, sein Freistoßtor gegen Frankreich – und der Krieg mit Uli Stein.

Der galt damals zwar als bester deutscher Keeper, das sagte sogar Teamchef Franz Beckenbauer, und dennoch stellte er Toni Schumacher ins Tor. Stein konnte das nicht ertragen, er degradierte sich selbst zur Nummer drei, setzte sich auf die Tribüne, beschimpfte Beckenbauer als „Suppenkasper“, rauchte Kippen und machte Urlaub, bis man ihn endlich nach Hause schickte.

Brehme hat das aufgewühlt – bis heute. Und deshalb sagt er: „Joachim Löw muss Meckerer wie Tim Wiese verwarnen und zur Not nach Hause schicken.“ Ein Menetekel.

In der Tat war der streitbare Torwart im Begriff, der Epigone Uli Steins zu werden. Er wollte um die Nummer 1 „kämpfen, bis Blut kommt“. Doch jeder Tropfen war zu viel: Manuel Neuer erhielt den Vorzug, und Wiese war beleidigt: „Einen Grund habe ich nicht erfahren. Ich habe wohl keine Lobby.“ Dunkel dräuten die Wolken, wann würde Wiese explodieren? Schon sah man ihn in der gleichen karierten Flanellhose auf den Rängen fläzen wie Stein, damals in Guadalajara. Brehme warnte aus Erfahrung.

Doch seitdem – nichts. Wiese schweigt beziehungsweise sagt: „Wir sind ein Team und wollen Erfolg haben.“ Ein braver Satz, ein lautes Schweigen wiederum. Ab und an streifen ihn die Kameras, das Haar ist wie immer ölig gepflegt, der Teint ein bisschen blasser als sonst, bei der Hymne legt er die langen Arme um Kießling und Marin. Sein Blick ist in eine nicht vorhandene Ferne gerichtet.

Wovon träumt Tim Wiese? Vielleicht von der 119. Minute gegen England, es steht immer noch 0:0. Da hält der vierte Offizielle die Tafel hoch. Die 1 leuchtet auf. Nimmt Löw etwa Neuer aus dem Tor? Ja, ein Wahnsinn, er tut es wirklich – und bringt Wiese! Den Elfmetertöter! England schwitzt, Wiese hält alles. Der Teufelskerl.

Er spricht nicht gern im Konjunktiv. Aber er würde, er könnte, er wäre da. Bis dahin fährt er nicht nach Hause.

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