WM-Finale 1986 : Hans-Peter Briegel: "Irgendwann hol ich ihn ein"

Im WM-Finale 1986 liegt Deutschland schon 0:2 zurück und gleicht doch noch zum 2:2 aus – dann spielt Maradona einen Pass aus dem Mittelkreis, und Hans-Peter Briegel kommt nicht mehr hinterher.

Hans-Peter Briegel
Jorge Burrachaga (l.) rettete seinen Vorsprung vor dem früheren Zehnkämpfer Hans-Peter Brieger ins Ziel und schoss Argentinien mit dem 3:2 zum WM-Titel.
Jorge Burrachaga (l.) rettete seinen Vorsprung vor dem früheren Zehnkämpfer Hans-Peter Brieger ins Ziel und schoss Argentinien mit...Foto: picture-alliance / augenklick

Alle vier Jahre laufe ich wieder los. Aztekenstadion in Mexiko, WM-Finale Deutschland gegen Argentinien. Es treten an: Hans-Peter Briegel und Jorge Burruchaga. Alle vier Jahre wird das Sprintduell aufs Neue im Fernsehen gezeigt, in dieser Woche ist es bestimmt wieder so weit. Bis jetzt habe ich immer knapp verloren. Am Ende fehlen mir anderthalb Meter, so dass Burruchaga den Ball an Toni Schumacher vorbei zum 3:2 für Argentinien ins Tor schieben kann. Aber ich bin mir sicher: Irgendwann werde ich Burruchaga einholen. Vielleicht in vier Jahren schon.

Unabhängig vom unglücklichen Ausgang für uns: Es war ein dramatisches Spiel vor 115 000 Zuschauern in einem tollen Stadion. Vor drei Jahren habe ich das Azteken-Stadion noch einmal besucht. Da ist mir erst bewusst geworden, was das für eine imposante Arena ist – für mich sogar das schönste Stadion der Welt. Aber wenn du als Spieler auf dem Rasen stehst, hast du natürlich keinen Blick dafür, vor allem nicht im Finale einer Weltmeisterschaft. Da sind andere Dinge wichtig: Der Rasen war ein richtiger Hoppelacker, die Mittagssonne stand senkrecht am Himmel, und dann darf man nicht vergessen, dass Mexiko-Stadt auf 2500 Meter Höhe liegt. Da ist die Luft noch ein bisschen dünner als jetzt in Johannesburg.

Man muss das wissen, um zu verstehen, was in dieser 85. Minute passiert ist. Wir waren schon ziemlich müde und leer im Kopf. Der Körper macht dann einfach nicht mehr das, was er machen sollte. Ich weiß bis heute nicht, warum wir bei Maradonas Pass an der Mittellinie auf Abseits spielen. Das war so nicht vorgesehen – und ist ja auch total in die Hose gegangen.

Heute sagt jeder: Die WM 86, das war die Weltmeisterschaft des Diego Maradona. Das mag in den Spielen zuvor so gewesen sein, im Finale aber hat er nicht überragend gespielt. Jedenfalls war das mein Eindruck auf dem Platz, und als ich mir die 90 Minuten noch einmal in voller Länge angesehen habe, hat das meinen Eindruck nur bestätigt. In der entscheidenden Szene spielt Maradona einen Pass über fünf Meter. Bei jedem anderen hätte man keinen großen Wirbel darum veranstaltet, aber bei Maradona war es eben genial. Mit Verlaub: Diesen Pass hätte ich auch spielen können.

Ich weiß nicht mehr, wer in diesem Moment rausgerückt ist, um Burruchaga ins Abseits zu stellen, das ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass Burruchaga freie Bahn hatte. Ich stand bestimmt fünfzehn Meter von ihm entfernt, weil ich von unserer rechten Seite kam und erst quer über den Platz laufen musste. Natürlich hast du in diesen Sekunden nur einen Gedanken im Kopf: „Den holst du dir.“ Ich habe alles versucht, aber am Ende konnte ich einfach nicht mehr. Einen Vorwurf hat mir deswegen nie jemand gemacht, höchstens insgeheim. Es gibt ja auch Leute, die gesagt haben: Wäre Toni Schumacher mal im Tor geblieben. Aber was bringt das noch? Ich bin nach dem Sprint über die Linie getrudelt und habe mich an der Stange hinter dem Tor festgehalten. Es waren noch fünf Minuten zu spielen. Da konnte sich natürlich jeder ausmalen, was das bedeutet hat. Es war eine Katastrophe.

An diesem Samstag kommt es wieder zum Duell Deutschland gegen Argentinien – und gegen Maradona. Es gehört ja fast schon zum guten Ton, sich über ihn als Trainer lustig zu machen. Aber man darf nicht vergessen, dass er noch ein Team hinter sich hat. Er ist nur der, der nach außen die Verantwortung trägt. Außerdem ist Maradona für die Spieler ein Vorbild. Sie verehren ihn, vor allem rennen sie für ihn um ihr Leben. Trotzdem ist unsere Mannschaft nicht chancenlos. Die Argentinier besitzen ihre Stärken im Angriff. Manchmal sieht es 20 Minuten so aus, als machten sie überhaupt nicht. Und dann schlagen sie plötzlich zu. Aber ihre Abwehr ist verwundbar, da kann man vieles machen.

Wir hätten es damals auch fast geschafft, lagen 0:2 zurück, haben innerhalb von zehn Minuten zwei Tore zum 2:2 erzielt – und dann haben wir uns von der Euphorie mitreißen lassen. Den Argentiniern war anzusehen, dass sie müder waren als wir, aber ein Konter, zwei Minuten nach dem 2:2, hat ihnen gereicht, um das Finale zu gewinnen. Wenn wir uns in die Verlängerung gerettet hätten, wären wir Weltmeister geworden. Davon bin ich überzeugt.

Im Nachhinein war es trotzdem ein großer Erfolg, dass wir überhaupt so weit gekommen sind. Niemand hatte das von uns erwartet. Wir galten als biedere Mannschaft, hatten auch sehr viele Abwehrspieler in unserem Kader. Aber wenn man sich die K.-o.-Spiele anschaut, muss man sagen, dass wir uns zu Recht für das Finale qualifiziert hatten. Die deutschen Mannschaften sind bei solchen Turnieren immer am besten vorbereitet. Das ist bis heute so. Am Wochenende habe ich mir das Achtelfinale der Argentinier gegen Mexiko im Fernsehen angeschaut. Da musste sich ein argentinischer Spieler schon eine Viertelstunde vor Schluss mit einem Krampf behandeln lassen. So etwas passiert den Deutschen ganz selten.

Aufgezeichnet von Stefan Hermanns.

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