WM-Gruppe A : Der Heimvorteil wird den Jungs wohl nicht reichen

Der Gruppen-Check, Teil 1: Gastgeber Südafrika hätte es leichter treffen können als mit der WM-Gruppe A. Der Gastgeber trifft auf Frankreich, Uruguay und Mexiko. Start einer Serie über die Vorrundengruppen.

Patrick Kleinmann,Handelsblatt
Instabile Seitenlage: Der frühere Dortmunder Steven Pienaar kann sich mit dem südafrikanischen Team nicht allzu viel ausrechnen.
Instabile Seitenlage: Der frühere Dortmunder Steven Pienaar kann sich mit dem südafrikanischen Team nicht allzu viel ausrechnen.

Südafrika: Prinzip Hoffnung

Alles andere als eine traurige Premiere wäre wohl die erste große Überraschung der WM: Noch nie zuvor in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft scheiterte die Auswahl des Gastgebers bereits in der Gruppenphase, für die von den Südafrikanern heißgeliebte „Bafana Bafana“ (die Jungs) wird es allerdings eng. Auch wenn vor allem Staatspräsident Jacob Zuma im Vorfeld Selbstbewusstsein an der Grenze zur Arroganz ausstrahlt. „Der WM-Pokal kommt erstmals in der Geschichte nach Afrika. Und wir in Südafrika werden es ihm nicht erlauben, das Land wieder zu verlassen“, meldete sich der 68-Jährige zu Wort. Mutige Töne, die Realisierung dieses Versprechens ist aber eher unwahrscheinlich.

Sportlich lief es für die Gastgeber in den vergangenen 15 Jahren nicht besonders gut. Sowohl 1998 in Frankreich als auch 2002 in Südkorea und Japan scheiterte die „Bafana Bafana“ in der Vorrunde. So bleibt der Gewinn des Afrika-Cups im Jahr 1996 als erster und vorerst wohl auch letzter großer Erfolg bestehen.

Bei ihrer ersten Teilnahme an der CAF-Meisterschaft – bis 1992 durfte Südafrika aufgrund der Apartheid keine Länderspiele bestreiten – gelang dem Team ein eindrucksvoller Triumph. Im Finale gegen Tunesien setzte sich Mark Williams ein Denkmal, dem Angreifer gelangen beide Treffer zum 2:0-Sieg, insgesamt erzielte der spätere Weltenbummler vier seiner insgesamt nur acht Landerspieltore beim Turnier in – Südafrika. Ein Hoffnungsschimmer für die heimischen Fans.

Denn auch bei der „Probe-WM“, dem Confederations-Cup im vergangenen Jahr, spielte das Team von Brasiliens Weltmeister-Coach von 1994 Carlos Alberto Parreira ein überraschend starkes Heim-Turnier. Nach einer eher durchwachsenen Vorrunde sorgten ausgerechnet zwei verlorene Spiele für neues Selbstbewusstsein. Im Halbfinale gegen Brasilien stand es bis zur 88. Minute 0:0, im Spiel um Platz drei führten die Südafrikaner gegen Europameister Spanien bis 120 Sekunden vor Schluss sogar 1:0, glichen einen Doppelschlag von Daniel Güiza noch in der regulären Spielzeit aus und verloren erst nach einer hart umkämpften Verlängerung.

Zum Shooting-Star mit zwei Treffern gegen die Iberer avancierte damals Stürmer Katlego Mphela von den Mamelodi Sundowns aus Pretoria. Neben dem international eher unbekannten Angreifer ist die Auswahl an Spitzenspielern für Trainer Parreira ziemlich begrenzt. Der frühere Stürmer-Star Benni McCarthy – 1998 mit sieben Treffern Torschützenkönig beim Afrika-Cup – steht nicht im Kader. Einzig die Mittelfeldstrategen Steven Pienaar – in der Saison 2006/2007 bei Borussia Dortmund eher weniger aufgefallen –, Rekordnationalspieler Aaron Mokoena und Russland-Legionär Sibaya erfüllen internationales Niveau.

Selbst der Heimvorteil wird der „Bafana Bafana“ bei der WM im eigenen Land nicht viel helfen. Zu schwach präsentierten sich die Südafrikaner in vergangenen Jahren bei kontinentalen Wettbewerben und Freundschaftsspielen, zu sehr fehlen international erfahrene Abwehrspieler und ein vernünftiger Torhüter. Selbst die zahlreichen Fans und der ohrenbetäubende Lärm der Vuvuzelas können die vielen Schwächen nicht kaschieren.

Südafrika wird die drei Teams in ihrer Gruppe ärgern können, für ein Weiterkommen reicht die Klasse aber nicht.

Mexiko: Mannschaft mit Potenzial

Endstation Achtelfinale. Bei den vergangenen vier Weltmeisterschaften in Deutschland, Südkorea und Japan, Frankreich sowie den USA erreichte die mexikanische Fußball-Nationalmannschaft zwar jedes Mal die Runde der letzten 16, weiter ging es aber nicht. Dennoch: Seit der WM 1986 im eigenen Land schafften die Mexikaner die sportliche Qualifikation für jede Endrunde, einzig im Jahr 1990 fehlten die zweimaligen WM-Gastgeber – nachdem bei der Qualifikation für die Olympischen Spiele 1988 in Seoul Spieler oberhalb der olympischen Altersgrenze eingesetzt wurden, bannte die Fifa alle mexikanischen Teams für zwei Jahre.

Trotz der konstant guten Leistungen bei den vergangenen Turnieren – herausragend präsentierten sich die Mittelamerikaner in ihrer WM-Geschichte nie. Als bestes Abschneiden einer mexikanischen Mannschaft stehen bis heute zwei Viertelfinal-Teilnahmen 1970 und 1986, jeweils im eigenen Land. Und auch die Qualifikation für die Endrunde in Südafrika lässt nicht unbedingt auf Großtaten schließen. Zwar beendete das Team von Ex-Nationalspieler Javier Aguirre die Finalgruppe hinter den USA als Zweiter, auf dem Weg dahin stolperten die Mexikaner jedoch einige Male über vermeintliche Außenseiter. Als besonders peinlich und um ein Haar entscheidend erwies sich eine 0:1-Niederlage auf Jamaika, später unterlagen die „El Tri“ dazu noch dem krassen Underdog El Salvador 1:2.

Dass holprige Qualifikationsrunden nicht viel bedeuten müssen, hat die WM-Geschichte aber häufig genug bewiesen und so wagen die Mexikaner einen neuen Anlauf. Das Potenzial dafür ist beim Gold-Cup-Sieger des vergangenen Jahres – im Finale in New Jersey wurde der Erzrivale USA vernichtend mit 5:0 geschlagen – durchaus vorhanden.

Bis auf Abwehrchef Rafael Márquez (FC Barcelona), Carlos Salcido (PSV Eindhoven), den Stuttgarter Außenverteidiger Ricardo Osorio und Guillermo Franco spielen alle langjährigen Leistungsträger in der starken heimischen Liga. Noch – denn spätestens seit dem Gewinn der U17-WM 2005 in Peru rücken nach und nach immer mehr junge Spieler nach und drängen ins Ausland. Die Speerspitze im Kader bilden dabei Stürmer Carlos Vela, der bereits seit 2005 beim FC Arsenal in London unter Vertrag steht, und sein Angriffskollege Javier Hernández. Der 21-Jährige vom C.D. Guadalajara erzielte in seinen ersten zwölf Länderspielen sieben Treffer und hat sich bereits einen Vertrag bei Manchester United erspielt. Auch Giovani dos Santos ist Teil des neuen Jugendtrends in der mexikanischen Offensive, er durchlief wie sein nicht nominierter Bruder Jonathan das berühmte Jugendinternat des FC Barcelona.

Die andere Seite der Alterspyramide im Team der Mittelamerikaner nimmt Angreifer Cuauhtémoc Blanco ein. Der inzwischen 37-Jährige, der bereits bei den Turnieren 1994 und 1998 für sein Heimatland auflief, ist zwar nicht mehr so gut in Form wie früher, besitzt dafür aber immer noch einen ausgezeichneten Torriecher. Nachdem Trainer Javier Aguirre den 117-fachen Nationalspieler in seinen Kader zurückholte, erzielte Blanco zwei entscheidende Tore in der Qualifikation. Und nachdem er bisher bei beidem Weltmeisterschaften je einmal traf, wird der Torschützenkönig des Confederations Cup 1999 sicher auch bei seiner dritten WM erfolgreich sein wollen.

Die Mexikaner stellen ein gutes und eingespieltes Team. Trotz kleinerer Probleme in der Qualifikation muss bei der Endrunde wieder mit den Mittelamerikanern gerechnet werden. Die Mannschaft ist durchweg gut besetzt, wirklich herausragende Spieler kann die „El Tri“ aber (noch) nicht vorweisen.

Mexiko wird die Vorrunde überstehen. Um das Achtelfinale zu schaffen, müsste das Team von Trainer Javier Aguirre aber über sich hinauswachsen.

Uruguay: Die Offensive als Prunkstück

Dass die Letzten tatsächlich am Ende die Ersten sein werden, kommt in der harten Realität des Profifußballs verhältnismäßig selten vor. Entsprechend schlecht stehen die Chancen der uruguayischen Nationalmannschaft auf den dritten Weltmeistertitel nach 1930 und 1950, denn die Südamerikaner qualifizierten sich als 32. von 32 Teams für die Endrunde in Südafrika. Erst am 18. November stand nach dem 1:1 im Play-off-Spiel gegen Costa Rica fest, dass die „Celeste“ (Die Himmelblauen) auch 2010 an der WM teilnehmen darf.

Durch die Last-Minute-Qualifikation fährt somit zum elften Mal das Auswahlteam Uruguays zu einer Endrunde, nach zuletzt nur einer Teilnahme bei den vergangenen vier Turnieren bereits ein erster Erfolg. Dabei gab es Zeiten, zu denen die „Celeste“ eine dominierende Rolle im Weltfußball einnahm. Direkt die erste WM 1930 im eigenen Land ging an Uruguay, 20 Jahre später folgte der ganz große Coup: Vor inoffiziell weit über 200 000 Zuschauern wurde Brasilien im Entscheidungsspiel der WM 1950 in Rio de Janeiro völlig überraschend 2:1 geschlagen. Ein Trauma, dass die Brasilianer lange begleitete, Siegtorschütze Alcides Ghiggia und die Entstehung des Treffers wurden Jahre später sogar mit der Ermordung John F. Kennedys verglichen.

Historische Momente wie dieser waren bei den „Himmelblauen“ danach aber eher selten, als letzter großer Triumph steht der Gewinn der Copa America 1995 – übrigens erneut gegen Brasilien. Ob das aktuelle Team ähnlich erfolgreich auftreten kann, ist äußerst fraglich. Die größte Stärke des Teams von Trainer Oscar Tabárez liegt sicher in der Offensive. In Diego Forlán, Luis Suárez und Edinson Cavani stehen drei überdurchschnittlich gute Stürmer im Kader der Südamerikaner, herausragend agierte in den letzten Jahren dabei vor allem Forlán.

Der Angreifer von Atletico Madrid bewies in der gerade abgelaufenen Saison einmal mehr seinen Torriecher. Der 31-Jährige erzielte in der Europa League in den beiden Halbfinalspielen gegen den FC Liverpool sowie dem Finale gegen den FC Fulham insgesamt vier Treffer und sorgte damit fast im Alleingang für den ersten internationalen Erfolg der Spanier. Auch in der Primera Division überzeugte Forlán mit 18 Treffern erneut. In den letzten sechs Spielzeiten stehen insgesamt 120 Tore zu Buche, zweimal gewann er den „Goldenen Schuh“ als bester Torjäger Europas. Aber nicht nur die Torgefahr des Routiniers soll Uruguay helfen. „Er zeigt als Führungsfigur den jungen Spielern den Weg“, urteilte Nationaltrainer Oscar Tabárez.

Junge Spieler wie seine Sturmkollegen Suárez und Cavani. Die beiden 23 Jahre alten Hoffnungsträger haben beide eine glänzende Saison hinter sich: Suarez wurde bei Ajax Amsterdam mit 35 Toren in 33 Spielen Torschützenkönig der niederländischen Eredivisie, Cavani traf in der Serie A immerhin elfmal für die US Palermo. Als vierter starker Stürmer steht zudem erfahrene Sebastián Abreu im Kader der Uruguayer. „El Loco“, wie der 33-Jährige genannt wird, traf in 57 Länderspielen 30 Mal und steht damit auf Rang zwei der ewigen Torjägerliste.
Auch ein überdurchschnittlich gut besetzter Sturm kann Uruguay wohl nicht helfen. Die Südamerikaner haben gerade im Mittelfeld zu viele Schwachstellen in ihrem Team, die vermutlich auch mit dem traditionell unbändigen Einsatzwillen nicht zu kompensieren sind. Nur, wenn das Team von Oscar Tabárez in den Spielen gegen Mexiko und Frankreich über sich hinauswächst, hat es eine echte Chance.
Vom Potenzial sind die „Himmelblauen“ das drittstärkste Team in Gruppe A. Nur ein Überraschungssieg könnte für das Weiterkommen sorgen, spätestens im Achtelfinale ist aber Schluss.

Frankreich: Bei der „Équipe“ läuft es nicht mehr rund

Thierry Henrys „Hand Gottes 2.0“, eine medienwirksame Sexaffäre und eine schwache Qualifikation: Die französische Nationalmannschaft hat in den letzten zwölf Monaten wenig ausgelassen, um ihren guten Ruf nachhaltig zu gefährden. So oder so, die Zeiten der fußballerischen „Grande Nation“ sind wohl erstmal vorbei. Zwar verfügen die Franzosen immer noch über starke Einzelspieler, als Team funktionierten sie in den vergangenen vier Jahren aber nur selten.

Vor allem den Abschied von Zinedine Zidane konnten die „Bleus“ bisher nicht auffangen. Seit dem denkwürdigen Abgang des wohl besten französischen Spielers der Geschichte im WM-Finale 2006 läuft es bei der „Équipe“ nicht mehr rund. Tiefpunkt war das Vorrunden-Aus bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren als Schlusslicht einer mit Italien, den Niederlanden und Rumänien zugegebenermaßen auch stark besetzten Gruppe. Trotzdem – die Qualifikation für die Endrunde in Südafrika bewies, dass das schwache Abschneiden nicht nur an den starken Gegnern lag.

Schon das erste Spiel verhieß nichts Gutes: Die Franzosen starteten mit einer 1:3-Pleite in Österreich, ließen weitere Punkte bei zwei Unentschieden gegen Rumänien und konnten auch bei drei knappen 1:0-Erfolgen in und gegen Litauen sowie auf den Faröer Inseln nicht überzeugen. Am Ende landeten die „Bleus“ auf Rang zwei hinter Serbien und mussten in die Relegation. Nach einem 1:0-Hinspielsieg in Irland verhinderte nur ein erschummeltes Ausgleichstor von William Gallas das Elfmeterschießen, die Vorarbeit leistete Thierry Henry mit einem absichtlichen Handspiel.

Trotz der holprigen letzten Monate – vom reinen Spielerpotential her gehen die Franzosen auch 2010 wieder als Mitfavorit in das Turnier. Trotz des starken Keepers Hugo Lloris und der erfahrenen Defensive um Patrice Evra und Eric Abidal setzt der Weltmeister von 1998 vor allem auf seine Offensive: Franck Ribéry, Thierry Henry, Nicolás Anelka, Yoann Gourcuff und der beste Qualifikations-Torschütze André-Pierre Gignac werden für geballte Sturmkraft sorgen und ganz nebenbei auch vergessen machen, dass der höchst eigenwillige Coach Raymond Domenech sogar auf Real Madrids Karim Benzema verzichtet.

Vor allem für den Münchner Ribéry könnte die WM so eine Art Befreiungsschlag werden. Nach einer trotz des Doubles eher durchwachsenen Saison im ungewohnten Schatten von Arjen Robben und nur 19 Bundesligaspielen, steht der 27-Jährige im Nationalteam wieder im Mittelpunkt und kann seine Fähigkeiten als Dribbelkünstler und kreatives Genie voll ausspielen. Gleiches gilt für Stürmer und Rekordtorschütze Thierry Henry, beim FC Barcelona neben Ausnahmefußballern wie Lionel Messi oder Xavi nur einer vielen. Der inzwischen 32-Jährige kann an guten Tagen immer noch den Unterschied machen.

Und vielleicht kommt es ja so, wie Uefa-Präsident Michel Platini prognostiziert: „Die haben sich geschont. Ich hoffe, dass es in Südafrika klappen wird. Die großen Spieler der Weltmeisterschaften waren ja immer jene, die sich davor ausgeruht haben.“

Die Franzosen stellen nicht mehr das Ausnahmeteam, das 1998 und 2006 auflief. Trotzdem geht die „Équipe Tricolore“ auch in Südafrika als Mitfavorit an den Start, die Masse an Topspielern in der Offensive spricht für sich. Entscheidend wird sein, ob die „Bleus“ aber auch ein homogenes Team stellen und nicht nur eine Ansammlung von Individualisten.

Sollten sich die Franzosen in der Vorrunde einspielen und als Einheit finden, ist alles drin. Gelingt das nicht, wird spätestens im Viertelfinale Schluss sein – die Gruppenphase überstehen sie so gut wie sicher.

(Quelle: Handelsblatt)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben