WM-Gruppe E : Vorsicht Stolperstein!

Der Gruppen-Check, Teil 5: Die Niederlande träumen schon vom Titel, dabei gilt es zunächst einmal die Vorrunde zu überstehen. Und die Gruppengegner haben durchaus das Zeug zum handfesten Stolperstein.

Alexander Möthe, Handelsblatt
Bangen um Robben: Der Bayern-Star hat sich im letzten Testspiel verletzt und droht nun für das Turnier in Südafrika auszufallen. Foto: AFP
Bangen um Robben: Der Bayern-Star hat sich im letzten Testspiel verletzt und droht nun für das Turnier in Südafrika auszufallen.Foto: AFP

Niederlande: Endlich den Schalter umlegen

So unglaublich es sein mag, die Niederlande haben in ihrer Geschichte erst einen großen Titel erringen können. 1988 wurden sie ausgerechnet in Deutschland Europameister. Dabei ist "Oranje" bei so gut wie jeder Endrunde im engeren Favoritenkreis, allein der große Wurf will nicht gelingen. Ein Stigma, das den Niederländern mittlerweile anhaftet.

Traditionell begeistert das Team mit attraktivem Offensivfußball. Doch oft betreiben die Niederländer brotlose Kunst. Immerhin: Die oftmals gescholtene Abwehr hielt zuletzt richtig dicht. Auch deshalb gleich der Weg durch die WM-Qualifikation einem Spaziergang. Acht Siege in acht Spielen, 17:2 Tore, zwölf Zähler Vorsprung vor dem Zweiten Norwegen. Allerdings befand sich die "Elftal" auch nicht in der stärksten aller Gruppen. Dennoch ist die Bilanz ausgesprochen beeindruckend.

Gegen größere Namen ging es in den Testspielen nach erfolgter Qualifikation. Von den letzten zehn Spielen wurde kein einziges verloren. Zuletzt konnten in beeindruckender Manier Ghana (4:1) und Ungarn (6:1) bezwungen werden. Die Partie gegen die Magyaren stellte die Niederländer aber plötzlich vor ein Problem: In Arjen Robben zog sich der, ohnehin verletzungsanfällige, Superstar des Teams eine Blessur am Oberschenkel zu. Ganz Holland bangt, doch Spieler und Ärzte zeigen sich hoffnungsvoll.

Natürlich steht ein Robben nicht allein, der Kader ist gespickt mit Hochkarätern aus Top-Ligen. In Mark van Bommel, Wesley Sneijder, Robin van Persie, Rafael van der Vaart oder Dirk Kuijt stehen gestandene Stars im Aufgebot. Dahinter brennen Spieler wie Ibrahim Afellay, Eljero Elia oder Ryan Babel auf Einsatzzeit. Der Sturm ist das Prunkstück des Teams, das Mittelfeld ebenfalls stark und mit van Bommel und de Jong auch in der defensiven Ausrichtung gut besetzt. Zum Problemfall könnte die Defensive werden. Joris Mathijsen und John Heitinga ließen im Saisonverlauf immer wieder Schwächephasen erkennen. Im Tor ist Ajax-Keeper Maarten Stekelenburg derart mit dem Erbe van der Sars belastet, dass zuletzt sogar der fast vierzigjährige Sander Boschker mal zwischen den Pfosten stehen durfte.

Bondscoach Bert van Marwijk hat offensiv die Qual der Wahl, für die Abwehr braucht er gute Nerven. Zudem schwebt immer das Damokles-Schwert der Verletzung über dem Team, das in der Vergangenheit immer wieder mit Ausfällen zu kämpfen hatte.

Fazit: Bleiben alle gesund, spielt die Niederlande um den Titel mit. Ein Arjen Robben hat bewiesen, was er mit einem Ball alles anstellen kann. Die kritisierte Verteidigung hielt sich vielfach schadlos. Hält die Mannschaft hinten auch nur halbwegs dicht, lässt sich der Rest durch Feuerkraft regeln. Aber auch das wurde in der Vergangenheit häufig gesagt.

Prognose: Gruppensieg ist Pflicht, alles andere enttäuschend. Auch wenn die Gruppe stark ist, Platz eins ist nicht nur der eigene Anspruch.

Japan: Fleiß allein genügt nicht

Für die Truppe aus dem Land der aufgehenden Sonne ist die Reise nach Südafrika die vierte WM-Teilnahme in Folge. Doch nur einmal kam man über die Vorrunde hinaus, im eigenen Land war 2002 nach dem Achtelfinale Schluss. Darüber hinaus wurde Japan bislang drei Mal Asienmeister.

Die Qualifikation wurde in der Asiengruppe A auf dem zweiten Platz beendet, was zur direkten Reise zur Endrunde berechtigte. Einzig Australien musste man sich geschlagen geben. Allerdings sind drei Unentschieden in einer Gruppe mit Bahrain, Usbekistan und Katar kein Qualitätsmerkmal. Ging es in den Vorbereitungsspielen oder im Rahmen des Asien-Cups gegen ernstzunehmende Gegner, setzte es ausnahmslos Niederlagen.

Die große – oder besser gesagt, verhältnismäßig große Zeit – erfolgreicher Legionäre ist mittlerweile vorbei. Trainer Takeshi Okada verlässt sich überwiegend auf Akteure aus der heimischen J-League. Auch einige alternde Stars hat es wieder dorthin verschlagen. Shunsuke Nakamura und Junishi Inamoto haben ihre besten Zeiten hinter sich, bleibt noch Makoto Hasebe vom VfL Wolfsburg als letzter verbliebener "Gastarbeiter" bei einem mehr oder minder renommierten Auslandsverein. Doch auch in der Vergangenheit hat die japanische Mannschaft sehr von ihrem kollektiven Kampfgeist gelebt. Allerdings zeichnet sich ab, dass die kreativen Impulse einzelner Könner immer seltener werden.

Fazit: Japan hat keine leichte Gruppe erwischt, die Mannschaft vergangener Jahre hätte den Sprung in die nächste Runde allerdings schaffen können. In derzeitiger Form ist die Auswahl Nippons nicht mehr als ein Außenseiter auf den Platz hinter den Niederlanden. Auch Kampf bis zum Umfallen wird sie nicht vor dem Ausscheiden bewahren.

Prognose: Kein deutliches, aber ein letztlich unvermeidbares Vorrundenaus. Japan fehlt einfach die Qualität.

Kamerun: Die große Chance nutzen

Kamerun wird auf dem afrikanischen Kontinent als eine der Mannschaften gehandelt, die in das Rennen um den Titel eingreifen können. Zum fünften Mal reisen die "unbezähmbaren Löwen" zu einer Weltmeisterschaft, zum zweiten Mal möchten sie die Vorrunde überstehen. Legendär ist das Team von 1990 um den bereits damals altgedienten Roger Milla. Unvergessen der Tanz mit der Eckfahne nach einem Torerfolg.

Seither konnte Kamerun nur noch kontinental Erfolge einheimsen und selbst dort ist der letzte Triumph (Afrikameister 2002) acht Jahre her. Im Fokus steht die Bewältigung verschiedener Blamagen, die das Team auf der WM-Bühne über sich ergehen lassen musste. Nur zwei Siege in den vergangenen zehn Spielen, gegen Kenia und Sambia beim Afrika-Cup, sprechen für sich. Ein Achtungserfolg wurde mit einem 0:0 gegen Italien erzielt.

Personell steht die Mannschaft im Schatten eines einzigen Mannes: Samuel Eto’o. Der Ausnahmestürmer von Inter Mailand trägt spätestens seit dem Gewinn der Champions League die Hoffnungen einer ganzen Nation auf seinen Schultern. Er steht aber nicht auf verlorenem Posten: Der französische Trainer Paul Le Guen kann sich auf eine ganze Reihe Legionäre aus europäischen Top-Ligen verlassen. In Eric Maxim Choupo-Moting und Joel Matip stehen zwei Talente im Kader, die zuvor in den Jugendmannschaften eingesetzt worden sind. Mohamadou Idrissou (SC Freibug) ist ebenso ein alter Bekannter wie Rigobert Song (mittlerweile Trabzonspor). Alexandre Song (FC Arsenal) und Jean Makoun (Olympique Lyon) sind weitere Stützen. In Carlos Kameni von Espanyol Barcelona hat Kamerun zudem den vielleicht stärksten Keeper unter den afrikanischen WM-Teilnehmern zwischen den Pfosten stehen.

Eine besondere Rolle wird die Bedeutung der ersten Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden sein. Der Kontinent ist so weit und so unterschiedlich, doch jedes Team ist sich der Chance bewusst, auf Heimatboden Geschichte zu schreiben. Man rückt näher zusammen und auch die Fans werden das die Gegner spüren lassen – sofern es nicht gegen Südafrika geht.

Fazit: Kamerun ist ein ganz heißer Anwärter auf das Viertelfinale. Qualitativ vielleicht sogar unter dem Niveau Dänemarks, können die "unbezähmbaren Löwen" die Welle der Euphorie reiten, die die "heimischen" Teams umspült. Samuel Eto’os Aufgabe wird es sein, das ganze Team durch Top-Leistungen mitzureißen. Gelingt das Zusammenspiel dieser Faktoren, ist die Überraschung – der Vorstoß über das Viertelfinale hinaus – drin.

Prognose: Kamerun erarbeitet sich den zweiten Platz in der Gruppe E. Das Schlüsselspiel ist gegen Dänemark, Japan könnte zum Spielverderber mutieren.

Dänemark: Das Dynamit zündet nicht so recht

Relativ überraschend hat sich Dänemark in der Qualifikationsgruppe eins klar gegen die hoch favorisierten Portugiesen durch. Zum vierten Mal fahren die Skandinavier zu einer WM. Jedes Mal, wenn sie qualifiziert waren, überstanden sie die Vorrunde. Eine Serie, die schwer zu verteidigen sein wird.

Der größte Erfolg der Länderspielgeschichte wurde 1992 perfekt gemacht. Als Nachrücker für das vom Wettbewerb ausgeschlossene Jugoslawien gekommen marschierte "Danish Dynamite" überraschend ins Finale und rang dort die DFB-Elf nieder.

Die Qualifikation wurde souverän gemeistert. Neben den bereits erwähnten Portugiesen wurde dabei auch Schweden klar distanziert. Die einzige Niederlage setzte es im bedeutungslosen letzten Spiel gegen Ungarn. Die Vorbereitung hingegen darf als verhalten misslungen angesehen werden. In fünf Partien konnten zwar Senegal und die USA bezwungen werden, allerdings verloren die Dänen gegen Österreich, Australien und Südafrika.

Coach Morten Olsen, auch in der Bundesliga kein Unbekannter, hat am Kap eine schlagkräftige Truppe beisammen. "Ich gehe davon aus, dass wir ein großartiges Turnier spielen werden. Wenn wir uns in unserer Gruppe nicht für die nächste Runde qualifizieren, wäre das eine große Enttäuschung", erklärte Nicklas Bendtner, Stürmerstar des FC Arsenal, bereits im Vorfeld. Im zur Seite stehen Mittelfeld-Abräumer Christian Poulsen von Juventus Turin, Liverpools Daniel Agger und die Offensiv-Routiniers Dennis Rommedahl sowie Ikone Jon Dahl Tomasson. Aus der Bundesliga sind Daniel Jensen (Bremen) und Thomas Kahlenberg (Wolfsburg) dabei, dazu kommt Sören Larsen vom Zweitligisten MSV Duisburg. Die Akteure sind weit über Europa verstreut.

Bendtner plagt sich jedoch mit einer Verletzung herum. Poulsen hat eine enttäuschende Saison hinter sich, Tomasson hat seinen Zenit weit überschritten. Dazu gesellt sich das für Dänemark typische, aber in diesem Fall wohl etwas überzogene Selbstbewusstsein.

Fazit: Dänemark wäre im Normalfall ganz heißer Anwärter auf das Achtelfinale, Ende offen. Kamerun, das auf Augenhöhe agiert, wird sich von den Fans den entscheidenden Extra-Kick Entschlossenheit holen. Die Entscheidung wird aber knapp ausfallen.

Prognose: Obwohl gut besetzt, wird es in der Gruppe E nicht für die Skandinavier reichen.

(Quelle: Handelsblatt)

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