WM-Gruppe G : Brasilien: Favorit mit Problemen

Der Gruppen-Check, Teil 7: Gleich drei Teams aus dem erweiterten Favoritenkreis treffen in Gruppe G aufeinander und auf Nordkorea. Und mittendrin steht Rekordweltmeister Brasilien.

Patrick Kleinmann, Handelsblatt
Brasilien ist wie immer einer der Topfavoriten - vor allem dann, wenn Kaká (Mitte) zu Hochform aufläuft.
Brasilien ist wie immer einer der Topfavoriten - vor allem dann, wenn Kaká (Mitte) zu Hochform aufläuft.Foto: dpa

Disziplin statt Samba, Format statt Form

Sie sind der Rekord-Weltmeister, sie sind die Nummer eins der Fifa-Weltrangliste und sie sind mal wieder einer der ganz großen Favoriten auf den Titel: Ganz Brasilien hofft auf die "Hexa", den sechsten Triumph bei einer WM nach 1958, 1962, 1970, 1994 und 2002. Die Chancen stehen wie immer gut. Bei vielen Experten gilt die "Selecao" zusammen mit Spanien als Topfavorit.

Auch die mühsame Pflicht der Qualifikation bewältigten die Grün-Gelben wieder mit gewohnter Souveränität. Zwar gewann Brasilien nur neun der 18 Spiele, Zweifel an der Teilnahme kamen dabei aber trotzdem nie auf. Am Ende stand Platz eins in der Conmebol-Gruppe, die meisten geschossenen Treffer und die wenigsten kassierten.

Erschreckend, dass eine brasilianische Mannschaft auf einmal auch Stärken in der Defensive hat. War früher gerade die Torhüterposition immer die große Schwachstelle einer ansonsten überragenden "Selecao", verfügt Disziplinfanatiker Carlos Dunga 2010 über gleich zwei starke Schlussmänner. Sowohl der – allerdings etwas angeschlagene – Triple-Gewinner Julio Cesar (Inter Mailand) als auch Gomes (Tottenham Hotspur) sind Keeper von internationaler Klasse.

Auch die Abwehr vor der Nummer eins, Julio Cesar, ist eine Klasse für sich. Die bundesligaerfahrenen Lucio und Juan sind sowohl am Boden als auch in der Luft kaum zu überwinden, auf den Außenbahnen machen Dani Alves (Barcelona) und der momentan europaweit heiß umworbene Maicon (Inter Mailand) viel Dampf nach vorne.

Die zentrale Rolle im Mittelfeld der "Selecao" spielt Kaká - eigentlich zumindest. Denn der 28-Jährige hat keine gute Saison hinter sich. Seit seinem Wechsel vom AC Mailand zu Real Madrid vor einem Jahr wirkt der Regisseur völlig verunsichert. Zudem plagt sich der Weltmeister von 2002 seit einiger Zeit mit Leistenproblemen. Einer der Gründe, warum es trotz der Starbesetzung irgendwie nicht so richtig läuft bei den Brasilianern. Eigentlich können sie ja, zu sehen ist das aber meist nicht. Selbst ein 5:1-Sieg im letzten Test gegen Sansibar wirkt eher wie ein Arbeitssieg und nicht wie die gewohnte Lektion in Samba.

Auch im Sturm stehen die Brasilianer vor Problemen. Zwar liest sich die Liste der nominierten Angreifer gut, ein Fragezeichen darf aber erlaubt sein. Top-Torjäger Luis Fabiano, vor einem Jahr noch bester Knipser beim Confederations Cup, hat diese Saison beim FC Sevilla trotz 15 Treffern nie wirklich seine Form gefunden, auch wegen einer Knöchelverletzung. Robinho, vor fünf Jahren noch als neuer Pelé gehandelt, hat sich nach eineinhalb enttäuschenden Jahren bei Manchester City zurück zum FC Santos ausleihen lassen und gilt zudem als "Enfant terrible". Dazu kommen in Nilmar (Villarreal) und dem Wolfsburger Grafite zwei international unerfahrene Reserveleute.

"Die Favoritenrolle bringt uns nirgendwo hin. Man muss auf den Platz gehen und das auch unter Beweis stellen", mahnte Dunga früh und er scheint damit Recht zu behalten.

Fazit: Brasilien fehlen in diesem Jahr Spieler der Kategorie eines fitten Ronaldinho, Ronaldo oder Adriano. Der Kader der "Selecao" ist zwar immer noch hochklassig, ausgerechnet die offensiven Hoffnungsträger Kaká und Luis Fabiano scheinen aber alles andere als in Hochform.

Prognose: Brasilien übersteht die Gruppenphase ohne Probleme. Danach muss sich das Dunga-Team aber enorm steigern, um weit zu kommen. In der aktuellen Form scheint der WM-Titel außer Reichweite.

Nordkorea: Das Vorbild sind die Frauen

Wir schreiben den 19. Juli 1966 im englischen Middlesbrough, 18.000 Zuschauer werden Zeuge einer der größten Sensationen der WM-Geschichte: Im entscheidenden Spiel um den Einzug ins Viertelfinale der Weltmeisterschaft in England schlägt die nordkoreanische Nationalmannschaft den haushohen Favoriten Italien durch einen Treffer von Doo-Ik Pak mit 1:0. Vier Tage später führen die Asiaten auch gegen ein von Eusebio angeführtes Portugal nach 25 Minuten 3:0, bevor eben jener Eusebio mit vier Treffern doch für das Ausscheiden der Nordkoreaner sorgt.

Das ist lange her, der Mythos lebt gerade im Heimatland allerdings weiter. Der englische Dokumentarstreifen "The Game of Their Lives" ging 2002 sogar so weit, die Geschichte der sieben überlebenden Spieler zu erzählen. Ob das aktuelle Team in der Lage ist, neue Geschichten solcher Art zu schreiben, ist mehr als fraglich.

Dabei darf der nordkoreanische Fußball-Verband einige Titel auf seinem Briefkopf aufführen: Dreifacher Asienmeister, Olympiateilnehmer und eine Viertelfinal-Teilnahme bei der WM 2007. Schade nur, dass diese Erfolge allesamt vom Frauenteam eingefahren wurden.

Bei den Männern sieht es da eher mau aus: Neben oben genanntem Viertelfinale 1966, einem vierten Platz bei der Asienmeisterschaft 1980 und dem Gewinn des wenig renommierten AFC Challenge Cups 2010 – Gegner in Halbfinale und Endspiel waren Myanmar und Turkmenistan - hat das Team von Coach Jong-Hun Kim nichts vorzuweisen. Die "Choilima" – benannt nach einem mythologischen Pferd, das 4000 Meter weit springen kann – muss auf ganz traditionelle Werte setzen: Laufstärke, Disziplin und vor allem Unterschätzung.

Der einzige Star des Teams ist Tae-Se Jong. Der in Japan geborene Sohn einer südkoreanischen Mutter und eines nordkoreanischen Vaters wird aufgrund seiner athletischen Spielweise gerne als "Wayne Rooney Asiens" bezeichnet, obwohl er sich selber ganz unbescheiden eher mit Didier Drogba vergleicht.

Als Sturmspitze ist Jong aber meist ziemlich auf sich allein gestellt. In der Vorbereitungsphase, die Nordkorea teilweise in Deutschland verbrachte, ließ Trainer Kim mit Viererkette spielen - plus Libero. Nicht umsonst kassierten die Ostasiaten in acht Qualifikationsspielen nur fünf Gegentore. Keeper Myong-Guk Ri überzeugte zudem besonders im entscheidenden Spiel gegen Saudi-Arabien in Riad, rettete das 0:0 und damit die zweite WM-Teilnahme.

Fazit: Die Nordkoreaner wären in jeder Gruppe der absolute Außenseiter, die starken Gegner helfen da nicht unbedingt. Zwar verfügt die "Choilima" über eine grundsolide und vor allem vielköpfige Abwehr, gegen den Sturmlauf Brasiliens, Portugals oder der Elfenbeinküste wird das aber auch nicht helfen.

Prognose: Alles andere als der vierte Platz wäre eine Riesen-Überraschung. Genauso wie ein Punktgewinn.

Elfenbeinküste: Der Ellbogen der Nation

Es war ein Riesenschock. Mehr noch: Es war so etwas wie das Ende aller Hoffnungen. Als sich Stürmerstar Didier Drogba eine Woche vor WM-Start im Testspiel gegen Japan nach einem übereifrigen Einsteigen von Abwehrspieler Tulio den Ellbogen brach, schien es, als wäre der große Traum vieler Ivorer ein für alle Mal vorbei.

Doch Drogba erwies sich als Kämpfer. Der bullige Stürmer wurde operiert und stieg nur wenige Tage später mit einer Spezialmanschette wieder ins Training ein. Die beiden behandelnden Ärzte Ralph Hertel und Michel Gaillot sowie der medizinische Stab der Ivorer rechnen sogar mit einer "schnellen Rückkehr auf den Fußballplatz". Ob der für seine sehr körperbetonte Spielweise bekannte Premier-League-Torschützenkönig aber auch mit so einer großen Behinderung groß aufspielen kann, ist fraglich.

Dabei wäre Drogba so wichtig, der 32-Jährige ist nicht nur der Superstar der Elfenbeinküste, sondern auch so ein bisschen der des gesamten afrikanischen Kontinents. Seit 2004 spielt er beim FC Chelsea, für seine Nationalmannschaft schoss Drogba in 67 Länderspielen 44 Tore. Ihm wird bei den Ivorern ein größerer Einfluss auf das Team nachgesagt als dem Trainer und den meisten Funktionären.

Hinter dem dominanten Superstar stehen einige Spieler internationaler Klasse in der zweiten Reihe. Die Brüder Yaya und Kolo Touré sind in ihren Vereinen FC Barcelona und Manchester City wichtige Leistungsträger, ebenso wie Rekord-Nationalspieler Didier Zokora beim FC Sevilla und Emmanuel Eboué beim FC Arsenal.

Und noch eins eint die Schlüsselspieler bis auf den 26-Jährigen Yaya Touré: Die WM 2010 ist eine ihrer letzten Chancen, ein großes Turnier zu gewinnen. Die "Goldene Generation" der Elfenbeinküste hat ihr unbestreitbares Talent bisher noch nicht in Titel umsetzen können. "Wir haben eine große Mannschaft mit großen Spielern. Jetzt wollen wir das auch zeigen", gibt sich Verteidiger Arthur Boka vom VfB Stuttgart - neben Guy Demel vom Hamburger SV einer der beiden Bundesligaprofis im Team - kämpferisch.

Denn den "Elefanten" von Trainer Sven-Göran Eriksson eilt ihr Ruf voraus, bei großen Spielen stets zu versagen. Der letzte Titel der Elfenbeinküste reicht ins Jahr 1992 zurück, damals wurde der Afrika Cup gewonnen. Spätestens seit 2006 gehen die Ivorer alle zwei Jahre wieder als Favorit in ihren Kontinentalwettbewerb, jedes Mal scheiterten sie aufs Neue: 2006 nach einer bitteren Final-Niederlage gegen Ägypten, 2008 waren erneut die Nordafrikaner das fußballerische Stoppschild, diesmal im Halbfinale. Und Anfang dieses Jahres kam das Ende bereits im Viertelfinale, diesmal scheiterten das Team an Algerien.

Fazit: Eigentlich ist die Elfenbeinküste ein ganz heißer Favorit auf den ersten WM-Titel einer afrikanischen Mannschaft überhaupt. Eigentlich, denn sowohl die schwere Gruppe, als auch Drogbas Verletzung und das schwache Nervenkostüm sprechen dagegen.

Prognose: Es wird für die Ivorer wieder nicht reichen. Zu schwer wiegt der Ausfall ihres Superstars Drogba. Am Ende steht Platz drei in der Todesgruppe – wie schon bei der ersten Teilnahme vor vier Jahren.

Portugal: König Cristiano und sein Hofstaat

Cristiano Ronaldo, Cristiano Ronaldo und Cristiano Ronaldo - das sind die drei Topthemen rund um das portugiesische WM-Team. Und so ein bisschen ist der Hype ja auch gerechtfertigt, obwohl "CR7" seit Februar 2009 nicht mehr für sein Nationalteam getroffen hat.

Der Offensiv-Allrounder hat spätestens nach seinem spektakulären 94-Millionen-Euro-Wechsel zu Real Madrid bewiesen, dass er überall und gegen jeden Gegner ein Spiel im Alleingang entscheiden kann. Der Weltfußballer des Jahres 2008 ist ehrgeizig und perfektionistisch. Er achtet nicht nur penibel auf sein Aussehen, sondern er will auch den Rang des besten Fußballers der Welt zurückerobern, den ihm im vorigen Jahr der Ligakonkurrent Lionel Messi abgejagt hat

Dass ein Superstar selbst mit guten Mitspielern keine Garantie für Titel ist, musste der 25-Jährige in der vergangenen Saison bereits leidvoll bei den "Königlichen" erfahren. Trotz einer mehr als wackligen Qualifikation - in den entscheidenden Relegationsspielen wurde Bosnien-Herzegowina zweimal knapp und auch etwas glücklich bezwungen - geht die "Seleccao" optimistisch in ihre insgesamt erst fünfte WM.

Spielmacher Deco ist sich sogar sicher: "Wir sind zwar nicht die Favoriten, aber wir haben eine hochklassige Mannschaft und können weit kommen, vielleicht sogar bis ins Finale." Auch Trainer Carlos Queiroz – einst Entdecker der "Goldenen Generation" um Luis Figo - will mindestens unter die letzten Vier kommen.

Für einige der Leistungsträger ist es die letzte Chance auf den WM-Titel. Stützen wie Deco, Simão, Ricardo Carvalho, Paulo Ferreira oder Liedson haben ihren 30. Geburtstag längst hinter sich. Dass sie nicht auch schon über ihren fußballerischen Zenit hinaus sind, müssen sie erst noch beweisen.

Nicht vergessen sollte man allerdings zwei schmerzliche Ausfälle. Dribbler Nani von Manchester United musste kurz vor Beginn der Endrunde wegen Schulterverletzung absagen, Rechtsverteidiger José Bosingwa (FC Chelsea) leidet immer noch an einer Knieverletzung, die er sich vergangenen Oktober zuzog. Fit sind beide wertvolle Spieler, Nani als Entlastung für Cristiano Ronaldo, Bosingwa als Abwehrstütze mit Offensivdrang.

In den letzten Testspielen zeigte die "Seleccao" Licht und Schatten. Nach einem 0:0 gegen die Kapverdischen Inseln folgten ein 3:1-Sieg gegen Kamerun und ein 3:0 gegen Mosambik. Bei der WM-Generalprobe zeigte sich vor allem der einzige Deutschland-Legionär treffsicher: Hugo Almeida von Werder Bremen traf doppelt. Bei der Endrunde wird der 26-Jährige trotzdem wohl erst mal auf der Bank Platz nehmen müssen.

Fazit: Viel hängt bei Portugal von Cristiano Ronaldo ab. Schafft der Superstar es, nicht nur seine Talente, sondern die auch seiner Mitspieler in Szene zu setzen, ist einiges drin. Falls nicht, könnte das Aus schon in der Vorrunde kommen.

Prognose: Portugal wird hinter Brasilien Zweiter der Gruppe G. Danach winkt im Achtelfinale der iberische Erzrivale Spanien. Besteht die "Seleccao" auch diese Probe, ist auch der Titel drin.

(Quelle: Handelsblatt)

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