WM in Südafrika : Deutscher WM-Kader: 27 für ein Ziel

Bundestrainer Joachim Löw gibt in einer bescheidenen Zeremonie die Spieler bekannt, die bei der WM in Südafrika den Titel holen sollen – und wirkt selbst angespannt.

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Als die Fernsehkameras ausgeschaltet waren, schlenderte Joachim Löw noch einmal kurz in die Ecke der „Small Hall“. Der Konferenzraum im Stuttgarter Automuseum kommt so bieder daher wie eine Konzernkantine, aber dieses eine Foto an der Wand interessierte den Bundestrainer dann doch. Die Fußball-Nationalmannschaft ist darauf zu sehen, wie sie 1990 mit einem Cabrio-Corso den Gewinn der Weltmeisterschaft bejubelt, vorneweg Lothar Matthäus und Franz Beckenbauer. Löw schaute sich also das Foto an, tippte plötzlich darauf und murmelte seinem Torwarttrainer Andreas Köpke zu: „Ich war auch dabei!“ Bitte? Löw deutete auf einen behelmten Motorradpiloten auf dem Foto – und freute sich über seinen Scherz.

Zählen wir mal zusammen nach diesem Tag eins der Mission „Titelgewinn WM 2010“: 50 Minuten hatte Joachim Löw zuvor geredet und 27 Namen des vorläufigen WM-Kaders verraten. 10 Abwehrspieler, 8 Mittelfeldspieler, 6 Stürmer, 3 Torhüter. Und lachen konnte der Bundestrainer also auch. Nicht nur ein Mal.

Dabei war das gar nicht so selbstverständlich an diesem Donnerstagmorgen in Stuttgart. Es sind schließlich schwierige Wochen, die der Bundestrainer durchmacht. Zähe Vertragsverhandlungen, Genörgle nach der Absage an Stürmer Kevin Kuranyi, Entsetzen nach dem Ausfall von Stammtorhüter René Adler, zuletzt die Stänkereien eines Ex-Keepers. (Löw: „Wir haben uns für Butt entschieden. Jens Lehmann war kein Thema“.) Entsprechend verkniffen setzte sich der 50-Jährige auf das kleine Podium im Erdgeschoss des Automuseums und hielt erst einmal eine Rechtfertigungsrede: „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Wir haben mehr als 100 Spiele gesehen. Jeder von uns hat jeden Spieler ständig beobachtet“, und das übrigens oft schon über Jahre! „Wir können nicht den allwöchentlichen Empfehlungen Rechnung tragen, sonst hätten wir nach jedem Bundesligaspieltag neue Mitglieder im Kader.“

Das ist ein durchaus vernünftiger Gedanke: Denn höchstens 30 Fußballer dürfen in einem vorläufigen WM-Team stehen, und das auch nur bis zum 1. Juni. Dann muss der DFB dem Weltverband mitteilen, mit welchen 23 Spielern er letztlich in Südafrika antreten will. Welche Namen der Bundestrainer nun streicht? Wird man sehen, antwortete Löw, erst einmal werde gemeinsam trainiert. Erst in Sizilien, wo vom 14. bis zum 21. Mai regeneriert wird mit den Familien, später dann in den Weinbergen bei Bozen in Südtirol. Jetzt, sagte Löw, freue er sich, dass es „endlich losgeht“. Dass die 27 Namen raus sind.

Löw war sichtbar angespannt. Die Arme hielt er unter dem Tisch versteckt, die Scheinwerfer blendeten, er scannte das Publikum und blinzelte nur mal kurz vertraut auf, wenn er ein Gesicht erkannte. Draußen regnete es in Strömen, dunkle Wolken schwebten über Stuttgart. Der Druck auf das WM-Team ist hoch, das sah jeder. Wohl auch deshalb wurde auf allzu viel Schnickschnack verzichtet bei der Bekanntgabe des Kaders. Ein kurzer Spot lief hinter Löws Rücken ab, Raubtiere waren zu sehen, die einen Fußball durch die Steppe kicken, und natürlich Bilder der WM-Spieler. Aber sonst: Vor dem Museum prustete nicht etwa ein Elefant, der mal eben aus dem Stuttgarter Zoo ausgeliehen wurde, um für das richtige Südafrika-Feeling zu sorgen, nicht einmal eine Vuvuzela ertönte. Mit so etwas hatte man rechnen müssen, nachdem der DFB die Bekanntgabe des EM-Kaders 2008 zu einem nationalen Ereignis gemacht und eine pompöse Zeremonie auf der Zugspitze veranstaltet hatte. Beim DFB hieß es diesmal nur: „Wir wollten es lieber kurz und knapp vor der WM.“

Und so ratterten kurz und knapp hinter Löws Rücken die Namen und Bilder über den Bildschirm. Badstuber ist also dabei, auch Aogo und Beck, sogar der verletzte Jansen. (Löw: „Wir wollen ihn erst einmal bis zum 1. Juni bei uns haben. Er beginnt jetzt mit dem Lauftraining.“) Hitzlsperger hingegen erhielt am Mittwochabend in Rom keinen ganz so netten Anruf des Bundestrainers, „er war sehr, sehr enttäuscht“, sagte Löw. Die einen trauerten, die anderen freuten sich, wieder andere warteten gar nicht erst auf den alles entscheidenden Anruf, denen musste Löw nur kurz auf die Mailbox quatschen: Hallo. Bist dabei. Einer von 27.

Die Vorbereitung auf die WM, die am 11. Juni in Johannesburg angepfiffen wird, findet Löw jedenfalls „kompliziert und schwierig“. 50 Trainingseinheiten sind einkalkuliert, doch anfangs werden viele Spieler fehlen. Die Bayern und Bremer stehen noch im DFB-Pokalfinale, die Münchner müssen am 22. Mai gegen Mailand in der Champions League ran. Und Michael Ballack zieht im englischen Pokalendspiel das Trikot seines Londoner Arbeitsgebers über. Sie alle werden später in die WM-Trainingslager reisen. Über die Erfolge freue er sich, „wir sind stolz auf die Bayern“, und immerhin blieben die Spieler somit unter Hochspannung und fielen nicht in der WM-Vorbereitung in ein Loch. „Aber einfacher macht das die Gestaltung des Trainings nicht gerade“, sagte Löw. Und sah vor sich hin.

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