WM-Qualifikation : Argentinien verliert den Glauben

Ein ganzes Land wälzt die Schuld am Misserfolg der Nationalmannschaft auf den Volkshelden Maradona ab. Dabei liegen die Ursachen tiefer: Jahr für Jahr verlassen Dutzende Talente das Land.

Tobias Käufer[Buenos Aires]
Argentinien - Brasilien
Alleine in der Krise. Diego Maradona hat keinen Rückhalt mehr in Argentinien.Foto: dpa

Sie diskutierten überall. Im Fernsehen, im Radio, auf den Straßen und in den Parks, und alle geben sie einem Mann die Schuld. Argentinien hat sich entschieden: Diego Maradona trägt die Hauptschuld an der Krise, die längst schon nicht mehr nur eine Ergebniskrise ist. Wenn es der Fußball-Nationalmannschaft schlecht geht, geht es auch den Argentiniern schlecht, und so schlecht wie in diesen Tagen ging es ihnen schon lange nicht mehr. Ausgerechnet unter dem Jahrhunderthelden Diego Maradona als Trainer läuft die Seleccion Gefahr, die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika zu verpassen. Nach der 1:3-Niederlage gegen den alten Feind Brasilien listete die Tageszeitung „Clarin“ in ihrer Montagausgabe die zehn größten Fehler des Kapitäns der Weltmeistermannschaft von 1986 auf. Ein kleiner Auszug: Der Trainer geht kein Risiko ein, er bevorzugt seine Lieblinge – und überhaupt läuft irgendwie alles falsch, was Diego Maradona derzeit anpackt.

Dabei liegen die Ursachen für die schwache WM-Qualifikationsrunde der Argentinier viel tiefer: Jahr für Jahr verlassen Dutzende Talente das Land, ohne sich überhaupt erst einmal in der eigenen Liga behauptet zu haben. Vielversprechende Nachwuchsspieler wie Ernesto Sosa, der seit Jahren versucht, bei Bayern München Fuß zu fassen und so wichtige Jahre in seiner Entwicklung verliert. Oder wie der ehemalige Mönchengladbacher Frederico Insua, den es in jungen Jahren bereits durch die halbe Fußballwelt zog und eigentlich nie die Chance hatte, irgendwo zu reifen. Jetzt ist er wieder bei den Boca Juniors gelandet. So fehlt den Argentiniern eine ganze Generation junger Talente, die von profitsüchtigen Beratern frühzeitig verheizt werden.

Maradona muss auf erfahrene, aber alternde Stars setzen. Jetzt steht die 51 Jahre alte Fußball-Ikone mit dem Rücken zur Wand. Eine Niederlage am Mittwoch in Paraguay und die, nun ja, Ära des Nationaltrainers Maradona könnte bereits nach sechs WM-Qualifikationsspielen vorbei sein.

Der mediale Druck auf den Jahrhundertspieler ist riesengroß, Maradona selbst macht gute Mine zum für ihn so bösen Spiel. „Ich nehme die Verantwortung auf mich. Ich allein bin Schuld“, bekannte er nach der bitteren Niederlage gegen Brasilien. Immerhin das muss man Maradona lassen. Er stellt sich vor die Mannschaft und versucht, ihr den Druck zu nehmen und ganz besonders Alleinunterhalter Lionel Messi zu schützen, der trotz seiner erst 22 Jahre das argentinische Schicksal ganz allein meistern soll.

Ausgerechnet in Paraguay soll am Mittwoch die Wende gelingen. Gegen eine hochmotivierte Mannschaft, die daheim in Asuncion mit einem Sieg vorzeitig die Qualifikation für Südafrika schaffen könnte. „Es wäre ein besonderes Vergnügen, wenn wir ausgerechnet gegen Maradona und Messi die Qualifikation unter Dach und Fach bringen“, sagen die Herren Claudio Morel und Julio Caceres. Die beiden Verteidiger aus Paraguay verdienen ihr Geld in Buenos Aires – ausgerechnet bei Maradonas Heimat- und Lieblingsklub Boca Juniors.

In der Heimat herrscht Weltuntergangsstimmung. Der Dauerregen in Buenos Aires passt zur Gemütslage: Mehr als zwei Drittel der Argentinier glauben, dass ihre Seleccion die WM-Qualifikation in den letzten drei Partien noch verspielen wird. Nur zwei Punkte Vorsprung haben die Argentinier auf Kolumbien und Ekuador. Angesichts der aktuellen Auswärtsschwäche unter Maradona ist ein Abrutschen auf Platz sechs am drittletzten Spieltag kein undenkbares Szenario mehr. Unter Maradona haben die Argentinier noch kein Pflichtspiel in der Fremde gewonnen. Der Trainer verbreitet Durchhalteparolen: „Wir müssen alles verdrängen und nur an Paraguay denken. Wir müssen dort gewinnen.“ Wie Maradona das anstellen will, hat er noch nicht verraten.

„Was tun?“, fragt das argentinische Sportblatt „Olé“ am Montag und zeigt auf der Titelseite einen ratlosen Trainer. Bis Mittwoch hat Diego Maradona Zeit die passenden Antworten zu finden. Sonst muss er vielleicht schon bald gar keine Lösungen mehr suchen.

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