Reportage : Fußball in Leipzig

Rechte Gewalt, linke Redlichkeit – und viel, viel Geld: Fußball in Leipzig ist selten einfach nur Fußball. Und deshalb brodelt und stinkt es hier häufig. Und manchmal knallt es.

Lars Spannagel[Leipzig]
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Lok-Rufer. Zuschauer eines Spiels des 1. FC Lokomotive Leipzig gegen den FSV Zwickau. -Foto: Imago

Am Eingangstor des kleinen Sportplatzes will ein Polizist mit gezücktem Schlagstock Personalausweise sehen, ein paar Meter weiter sind Einsatzwagen geparkt, die Zufahrtsstraße ist abgesperrt, mehrere Dutzend Polizisten haben Stellung bezogen auf einem kleinen Wall, der Einsatzleiter steht etwas abseits, an seinen Stiefeln klebt roter Matsch. „Bezirksklasse, zweite Staffel – ich würde normalerweise gar keine Kollegen hierherschicken“, sagt er. „Aber seit Brandis …“

Es geht hier um Fußball.

Rund 80 junge Männer und Frauen – viele haben Kapuzen auf dem Kopf, einige Dreadlocks – sind auch noch da an diesem Dezembersonntag, sie feuern vom Spielfeldrand aus ihr Team an. Roter Stern Leipzig, 1999 gegründet, spielt eine halbe Autostunde nördlich von Leipzig bei der zweiten Mannschaft des ESV Delitzsch.

Seit Spieler und Fans von Roter Stern Ende Oktober beim Auswärtsspiel im sächsischen Brandis von 50 Neonazis mit Knüppeln und Eisenstangen attackiert wurden, muss die Polizei den Klub schützen. Aber auch die Beamten haben nicht verhindern können, dass jemand in Delitzsch seine Meinung zu Roter Stern in der Nacht vor dem Spiel auf einem Kiosk am Spielfeldrand verewigt hat. „Unsere Stadt lehnt Linke ab“, steht da, „Good night red side“ und „Rot ist keine Alternative“.

In Leipzig war Fußball selten einfach nur Fußball. Es gibt tiefe, jahrzehntealte Feindschaften zwischen den Anhängern des 1. FC Lokomotive und des FC Sachsen. Nach der Wende drängten beide Klubs in den Profifußball, dann gingen sie pleite, es gab Krawall, Abspaltungen, Neugründungen, Lok-Fans stellten sich bei einem Jugendspiel mal in Hakenkreuzformation auf, und der FC Sachsen scheiterte kläglich beim Versuch, das riesige Zentralstadion zu füllen. Und vielleicht weil das alles so deprimierend ist, Leipzig den Sport aber immer noch liebt, ist die Stadt zu einem Fußballlabor geworden, in dem experimentiert wird wie sonst nirgendwo in Deutschland.

Die Experimente sind gewagt, es brodelt und stinkt im Leipziger Fußball, manchmal knallt es. Die NPD hat versucht, den 1. FC Lok zu unterwandern, und wirbt im Umfeld des Klubs offen um Anhänger. Auf der anderen Seite kämpfen Roter Stern und dessen linke Fans gegen Diskriminierung im Fußball. Und mit dem Getränkehersteller Red Bull spielt seit dieser Saison ein Konzern im Leipziger Fußball mit, der noch einmal ganz andere Ziele verfolgt.

Das neueste Experiment heißt „Rasenballsport Leipzig e.V.“ Wenn man den sperrigen Namen abkürzt, wird klar, worum es geht: RB steht nicht nur für Rasenball, sondern auch für Red Bull. Vor dieser Saison hat der Leipziger Vorortklub SSV Markranstädt seine Lizenz in der Oberliga, der fünfthöchsten deutschen Spielklasse, an den österreichischen Konzern abgetreten. Das Logo mit den beiden Bullen ist jetzt auch das Emblem des Vereins. 100 Millionen Euro will Red Bull angeblich investieren, um schnellstmöglich in die Bundesliga, die Sportschau, die deutschen Wohnzimmer vorzudringen. Bei einer Umfrage der „Leipziger Volkszeitung“ begrüßten 77 Prozent der Leipziger das Engagement der Firma.

Das Bruno-Plache-Stadion im Stadtteil Probstheida am Samstag. Steffen Kubald, ehemaliger Hooligan und heutiger Vereinspräsident von Lok, läuft mit großen Schritten an den Verkaufsständen vorbei. Der massige Mann mit den kurzen Haaren ist vor dem Anpfiff unterwegs, um auf dem Parkplatz, vor dem Eingangstor und auf der Tribüne nach dem Rechten zu sehen. Ein kleiner Empfänger im Ohr informiert ihn darüber, was in seinem Stadion und drumherum passiert. Und ob vielleicht ungebetene Gäste kommen – die Ultrafans hatten auswärts vor kurzem Leuchtraketen abgefeuert, sie dürfen an diesem Tag nicht rein.

Trotz seiner Eile hat Kubald Zeit, um ankommende Zuschauer zu begrüßen. Wenn er jungen Männern auf die Schultern klopft oder eine Frau in den Arm nimmt, wirkt Lok wie eine große Familie – allerdings wie eine, bei der stets der missratene Neffe mit seinen unangenehmen Freunden vor der Tür stehen könnte.

Es ist kalt im Bruno-Plache-Stadion, in der zweiten Halbzeit setzt auch noch Regen ein, viele der 1027 Zuschauer werden nass. Nur eine Gerade des Feldes ist besetzt, der Rest der flachen Betonränge, auf denen sich früher im Europapokal die Massen drängten, ist leer, Pößneck ist ganz ohne Fans angereist. Aber die Zuschauer sind gut gelaunt, der zuletzt schwache 1. FC Lok gewinnt 3:0. Steffen Kubald sitzt nach dem Abpfiff zufrieden in der „Lok Lounge“, dem bescheidenen Vip-Raum des Klubs, wo es Kuchen, Würstchen und Bier für 1 Euro 50 gibt. Eine riesige Landkarte hinter Kubald, der den einst ruhmreichen Klub nach der Pleite mit Gleichgesinnten neu gründete und nun gegen die Unterwanderung seines 1. FC Lok durch die Nazis kämpft, zeigt frühere Europapokalgegner. Von Benfica Lissabon im Westen bis Spartak Moskau im Osten, von Stavanger in Norwegen bis zum SSC Neapel in Süditalien. Jetzt, nach dem Spiel, hat Kubald auch den Empfänger aus dem Ohr genommen. Es gab keinen Ärger, das ist wichtig.

Dass viele Fans draußen bleiben mussten, macht ihm allerdings zu schaffen. „Das ist schon schwer“, sagt Kubald. „Aber die haben dem Verein geschadet, da mussten wir die Bremse reinhauen.“ Wenigstens war von NPD-Leuten nichts zu sehen und zu hören. Kurz nach dem Anpfiff wurde Pößnecks Brasilianer Jorge Ferreira Junior sogar ein humorvolles „Du Austauschstudent“ zugerufen. Aber als der Stürmer einmal hinfiel, sang ein Fan so leise, dass es nur die Leute direkt neben ihm hörten, gedankenverloren vor sich hin: „Er ist ein Mohr, ein Mohr, ein Mohr …“ Den Linienrichter beschimpften gleich mehrere Zuschauer als „Schwuchtel“.

Wegen solch offener Gesänge und versteckter Überzeugungen ist Adam Bednarsky bei Roter Stern Leipzig aktiv. Bednarsky, 29 Jahre alte, Doktorand der Politikwissenschaft, Spieler der dritten Mannschaft, sitzt mit der Spielerin und Vereinssprecherin Claudia Krobitzsch im „Fischladen“, dem Vereinsheim des Klubs im Stadtteil Connewitz. Auf einer Leinwand laufen die letzten Minuten des Bundesligaspiels zwischen Frankfurt und Mainz, es gibt eine Theke, einen Kühlschrank mit Bier, in der Ecke bollert ein kleiner Ofen. Dass der Klub seit seiner Gründung vor zehn Jahren offensiv gegen die im Fußball üblichen Sprüche und Rituale antritt, machte ihn bei anderen nicht gerade beliebt. Auch wenn Roter Stern vor kurzem wegen seines Engagements gegen Rassismus, Homophobie und Diskriminierung sogar den Sächsischen Förderpreis für Demokratie erhalten hat, sagt Bednarsky: „Wir sind immer die Nestbeschmutzer gewesen.“ Er habe aber keine Lust, sein „Gehirn am Stadiontor abzugeben“.

Am 20. April 2008 warfen Unbekannte die Scheiben des Fischladens ein, ein Molotowcocktail verfehlte sein Ziel. Seitdem schützen Jalousien die Fenster, die Tür ist vergittert. „Seit Brandis schließen wir jetzt auch manchmal ab“, sagt Krobitzsch. Seit Brandis fährt die Mannschaft auch gemeinsam mit den Zuschauern in einem Bus zu Auswärtsspielen, seit Brandis bittet die Polizei vor jeder Partie zu einer Sicherheitskonferenz, seit Brandis singen die Fans nicht mehr so ausgelassen wie früher. Der Verband hat das Skandalspiel gerade neu angesetzt, nicht auf neutralem Boden, sondern auf demselben Platz. Dem gastgebenden Klub sei nichts vorzuwerfen. Wieso Eisenstangen auf dem Vereinsgelände herumlagen, warum kaum Polizei da war, wie die Angreifer auf den Platz gelangten – diese Fragen sind ungeklärt geblieben. Roter Stern hat Einspruch gegen die Neuansetzung erhoben.

Seit die erste Männermannschaft im Sommer aus der Stadtliga in die Bezirksklasse aufgestiegen ist, muss das Team in der sächsischen Provinz antreten. Im Muldentalkreis, wo die Rechten stark sind, in Wurzen und Mügeln. „In der Stadtliga hatte man sich an uns gewöhnt“, sagt Krobitzsch. „Auch daran, dass ab und zu Hunde unserer Zuschauer über den Platz gelaufen sind.“ Aber im Umland steht der Name Roter Stern noch für den Schwarzen Block, für ungewaschene Autonome.

Im Fischladen hängen Plakate, die Konzerte und Lesungen ankündigen, Roter Stern Leipzig ist ein politisches Projekt, aber auch ein Fußballklub mit dem klassischen Vereinsleben, das Lok und dem FC Sachsen abhandengekommen ist und das RB Leipzig vielleicht nie haben wird. Es gibt bei Roter Stern drei Männer- und eine Frauenmannschaft sowie fünf Jugendteams, man trifft sich, um Fußball im Fernsehen anzuschauen und um Bier zu trinken, der Trikotsponsor ist die verrauchte Kneipe gegenüber. Einmal pro Woche tagt das Plenum, zu dem jedes Klubmitglied kommen kann. Eine Entscheidung muss von allen Anwesenden getragen werden, die Diskussionen sind oft ermüdend. Doch seit Brandis ist es in den Sitzungen wieder voller geworden. „Die Leute merken, warum wir das machen“, sagt Claudia Krobitzsch. „Und dass wir keine Phantome bekämpfen.“

Das Zentralstadion, am Sonntag. RB Leipzig empfängt den FC Sachsen. Auf den weitgehend leeren Tribünen der riesigen WM-Arena ist viel Platz für Plakate, eines verkündet: „Lieber moderner Fußball mit Herz und Kommerz als Traditionsfußball mit Rassismus, Gewalt und Schmerz“. Auf der Videoleinwand laufen Extremsportvideos Marke Red Bull in Superzeitlupe: Wakeboarder springen zu Rockmusik über Wellenkämme, BMX-Fahrer schießen Kaufhausrolltreppen hinab.

Ein paar Meter entfernt, vor den Toren des Stadions, dominiert das Grün der FC-Sachsen-Fans das Bild, auf dem Eichenparkett der Businesslounge sind die Red-Bull-Schals deutlich in der Überzahl. Der neue Investor wirbt für seine Spiele mit einem Familienticket – ein Erwachsener, ein Kind, zehn Euro, – einige Fans haben sich schon mit Mützen eingedeckt, aus deren Seiten Bullenhörner aus Stoff ragen. Die letzten Generationen der Stadt sind mit blau-gelben Göttern und Helden in grünen Trikots aufgewachsen, die nächste soll den roten Bullen anbeten. Das vor der Saison teuer verstärkte Team führt die Tabelle der Oberliga Süd des Nordostdeutschen Fußballverbands souverän an, Lok und Sachsen stehen weit dahinter. Auch an diesem Tag gewinnt RB Leipzig locker mit 2:0. Nach dem fest eingeplanten Aufstieg soll der neue Klub auch mehr Zuschauer anziehen, das Zentralstadion wird schon bald Red-Bull-Arena heißen, die Namensrechte hat sich der Konzern für die nächsten 20 Jahre gesichert.

Das Bruno-Plache-Stadion, wo tags zuvor der 1. FC Lok spielte, wird wohl immer Bruno-Plache-Stadion heißen. An einem Verkaufsstand bekommt man für 30 Cent Sticker mit den Vereinslogos von Lok und vom Vorgänger VfB, darunter der Slogan „Im Felde unbesiegt“. Für 50 Cent gibt es Aufkleber mit der Aufschrift „Rat Pull – Folgt nicht dem österreichischen Rattenfänger“. Und ein Sticker ruft die eigentlich unvereinbaren Anhänger des FC Sachsen und des 1. FC Lok sogar zur Einheit auf: „Feinde im Alltag – Gemeinsam gegen Red Bull“.

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