• Fußballer in den sozialen Medien: "Fußball ist eine verschissene Politik. Ich hasse es. Verdammter Trainer"

Fußballer in den sozialen Medien : "Fußball ist eine verschissene Politik. Ich hasse es. Verdammter Trainer"

In der fußballfreien Zeit sorgen Tweets und Posts der Spieler für Aufmerksamkeit. Da dies Fluch und Segen zugleich sein kann, wollen die Bundesligavereine mitreden, wie Fußball-Profis ihre Smartphones nutzen - auch zu deren Schutz.

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Blödsinn, der um die Welt geht. Nicht alle Selfies sind so harmlos wie das Foto, das Christoph Kramer von sich, Kevin Großkreutz (l.), Manuel Neuer (m.) und Shkodran Mustafi (r.) machte, während die frischgebackenen Weltmeister mit ihren Medaillen posieren.
Blödsinn, der um die Welt geht. Nicht alle Selfies sind so harmlos wie das Foto, das Christoph Kramer von sich, Kevin Großkreutz...Foto: dpa

Wenn die Fußballer von Hertha BSC den Trainingsplatz verlassen, könnte man manchmal meinen, sie hätten ein Smartphone in der Hand. Starr nach unten gerichtet ist ihr Blick, als würden dort irgendwo Nachrichten aus sozialen Netzwerken aufpoppen. Doch der Tunnelblick hat eher mit den Reportern zu tun, die mit ganz analogen Nachfragen auf sie lauern. Zum Beispiel zu einem angeblichen Verbot, auf dem Trainingsgelände Handys zu benutzen. „Das sind Mannschaftsinterna, und so wird es auch bleiben“, sagen Peter Niemeyer und Jens Hegeler wortgleich.

Ihr Trainer Jos Luhukay, der die Direktive zu Jahresbeginn erlassen haben soll, wird deutlicher. „Der Einfluss ist heutzutage sehr groß durch die neuen Medien wie Facebook, Instagram oder Twitter“, sagt er. „Das ist Ablenkung und stört, weil die Spieler die Fokussierung auf das sportliche Geschehen legen sollen.“ Sanktionen und Verbote sind ein beliebtes Mittel bei Fußballklubs, um sportlichen Krisen entgegenzuwirken oder zumindest abzulenken. Beim VfB Stuttgart etwa soll Huub Stevens das Tragen von Mützen im Training verboten haben.

"Fußball ist eine verschissene Politik. Ich hasse es. Verdammter Trainer"

Bei Smartphones und Social Media ist es anders, die sozialen Netzwerke werden seit Jahren immer wichtiger für Spieler, Klubs und Fans. Gerade in der spielfreien Zeit sorgen Tweets und Posts für Aufmerksamkeit. Das kann Fluch und Segen zugleich sein. Im Umgang mit den neuen Medien herrscht noch Unsicherheit, einige Vereine fördern die Internetaktivitäten ihrer Profis, andere schränken sie ein. Dabei sind die Inhalte oft banal. Virtuelle Grußkarten an Fans und Bekannte, Gewinnspiele oder Selfies mit gereckten Daumen dominieren die Spieler-Accounts. Gelegentlich lässt jemand aber seine Wut aus. „Fußball ist eine verschissene Politik. Ich hasse es. Verdammter Trainer“, twitterte etwa Robert Mak beim 1. FC Nürnberg nach einer Auswechslung zur Pause.

Twitter-Skandale von Fußballprofis
Lukas Podolski gilt als eifriger Twitterer. Darüber machte sich sogar der ebenso wenig verschwiegene Lothar Matthäus lustig: Podolski solle weniger twittern und mehr spielen. Der 53-Minuten-Weltmeister antwortete – per Twitter: „Ich finde es schon sehr amüsant, dass ausgerechnet Matthäus mir Tipps gibt wie ich mich verhalten soll. #Erfolgscoach #Greenkeeper“Weitere Bilder anzeigen
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09.01.2015 07:47Lukas Podolski gilt als eifriger Twitterer. Darüber machte sich sogar der ebenso wenig verschwiegene Lothar Matthäus lustig:...

Beim FC Schalke 04 kündigte Trainer Roberto Di Matteo jüngst Verhaltensregeln für die Profis an. Auf Nachfrage bestätigt der Klub, den Spielern zeitnah schriftliche Richtlinien auszuhändigen. Aufstellungen oder Fitnesszustände mitzuteilen, das soll dem Klub vorbehalten bleiben. „Wir wollen unsere Spieler aber nicht zensieren“, sagt Tobias Schmidt, einer von mittlerweile vielen Leitern für Klubmedien im Internet in der Bundesliga. „Wir begrüßen es, wenn unsere Spieler soziale Medien nutzen, wollen da eher Ängste nehmen und lediglich Leitplanken setzen.“ Es sei nicht Schalkes Stil, Inhalte vorher zu prüfen oder freizugeben. „Wir als Verein profitieren davon, wenn die Spieler in den sozialen Netzwerken emotional und authentisch sind.“ Das verbreiten die Klubs gerne selbst auf ihren eigenen Kanälen. Umgekehrt stellen sie Spielern Fotos zur Verfügung, richten Accounts ein, helfen bei Doppelgängern im Netz, die sich als echte Spieler ausgeben. Den Profis wird in Gesprächen auch erklärt, was es heißt, in Echtzeit Reaktionen von Fans zu erhalten oder Inhalte tags darauf in der Zeitung zu sehen.

Fußballprofis in den sozialen Medien: "Viele sind nicht in der Lage einzuschätzen, was sie auslösen"

„Den Sportlern fehlt die entsprechende Medienkompetenz“, sagte Timm Rotter, der Unternehmen im Umgang mit sozialen Netzwerken unterrichtet, dem Tagesspiegel, „viele sind nicht in der Lage einzuschätzen, was sie auslösen“. Schnell ist das Handy gezückt und eine Nachricht geschrieben, die privat wirkt, aber um die Welt geht. Ungefiltert, spontan und auf 140 Zeichen oft sehr zugespitzt.

Zudem hält sich die Annahme, das Internet koste Konzentration aufs Sportliche. Der Deutsche Olympische Sportbund gab zu den Winterspielen in Sotschi einen Leitfaden heraus. Dort stand: „Teamspirit erreicht man nicht, wenn jeder alleine auf sein Smartphone starrt, die Kommunikation in der realen Welt darf nicht vernachlässigt werden.“ Auch der Deutsche Fußball-Bund hat Verhaltensregeln herausgegeben. Aber wenn ein Kabinen-Selfie der Weltmeister von Angela Merkel um die Welt geht, freut sich der Verband. Und auch die Sponsoren, die sich für die neuen Werbewege vermehrt interessieren.

Die Bundesligisten handhaben es unterschiedlich. Der Hamburger SV soll Fotos aus der Kabine bei Twitter, Facebook und Instagram verboten haben, dementiert das jedoch auf Anfrage. Hannover 96 sagt, man gebe lediglich Hinweise und Empfehlungen, Beleidigungen oder politische Äußerungen seien unerwünscht. Ob es Strafen gibt und wie die ausfallen, dazu äußert sich keiner. Auch der FSV Mainz 05 versucht bei Kabinenfotos zu sensibilisieren. „An einem Jubel-Selfie ist an sich nichts auszusetzen“, sagt Sprecherin Silke Bannick, doch einmal sei ein halbnackter Spieler im Hintergrund zu sehen gewesen. Er habe sich erbeten, sein Hinterteil möge künftig Privatsache bleiben.

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